• Die Erzählung vieler Medien und der politischen Konkurrenz über die Grünen ähnelt sich: Der Nominierung von Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin folgte ein kurzer Höhenflug, der in einem anhaltenden Absturz endete.
  • Doch schaut man auf den Trend seit Jahresbeginn, dann haben die Grünen gar nicht verloren – sondern die Union.
Eine Analyse
von Marco Fieber

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Wie ein zäher Kaugummi an der Schuhsohle haften die Negativschlagzeilen an den Grünen. Horrormeldung um Horrormeldung prasselt auf die Parteizentrale und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock herein. Erst der geschönte Lebenslauf, dann zu spät gemeldete Nebeneinkünfte und zuletzt angebliche Plagiate bei ihrem erst Mitte Juni veröffentlichten Buch. Alles vermeidbare Fehler, dankbar aufgegriffen von der politischen Konkurrenz.

Kaum jemand redet über die Themen der Grünen, stattdessen wird über sie selbst debattiert. Der Wahlkampfstart der Ökopartei ist vorerst implodiert. Die Medien sind sich weitestgehend einig: "Das war's", kommentierte "Der Spiegel", "Die Welt" sieht Baerbock "im freien Fall" und selbst die linke "Taz" forderte am Sonntag die Auswechslung der 40-Jährigen als Kanzlerkandidatin der Partei.

Kaum zu bestreiten ist, dass der Hype um Baerbock vorbei ist, die Gefahr für CDU-Kandidat Armin Laschet hat sich bereits vor Wochen quasi selbst bereinigt. Doch abgestützt sind die Grünen, wie von vielen herbeigeschrieben und insbesondere von der Union herbeigeredet, noch lange nicht.

Absturz? Nein, konstante Werte

Im Gegenteil: Auf und Abs in den Umfragen sind für die Grünen nichts Neues. Dieser Tage bemerkenswert ist allerdings, dass die Partei in den jüngsten Erhebungen zwar Prozentpunkte verloren hat, aber nach wie vor gut dasteht. Denn egal ob Forsa, Insa oder Allensbach – alle sechs großen Meinungsforschungsinstitute sehen die Grünen auf dem gleichen oder einem höheren Niveau als zum Jahresanfang.

Das zeigt, dass die Nominierung Baerbocks der Partei nur ein zwischenzeitliches Hoch verschafft hat (ergo ein Hype war), die Skandale und Skandälchen aber den Grünen keinesfalls nachhaltig geschadet haben. Ein großer Teil der Stammwählerschaft hält offenbar nach wie vor zur Partei, ihre Anhänger wie auch die Parteimitglieder und die Funktionäre selbst könnten aufgrund der Attacken sogar noch näher zusammengerückt sein.

Die Grünen konnten in einigen Umfragen im Vergleich zum Januar sogar mehrere Prozentpunkte zulegen. Umgekehrt hat die Union aber im selben Zeitraum bei allen großen Instituten verloren, von 35 bis 37 Prozent auf jetzt 27 bis 29,5 Prozent – doch von Absturz redet niemand.

Der Langzeittrend der Grünen ist dagegen umso eindrücklicher: Seit nunmehr drei Jahren und fast durchgehend liegen die Grünen bundesweit über der 20-Prozent-Marke. Sie haben sich damit als zweite Kraft im Land vor der SPD festgesetzt.

Zwei weitere Fakten unterstreichen dieses Bild:

  • Die Ökopartei ist zum einen an elf Landesregierungen beteiligt – und sitzt damit zwischen Sylt und Bodensee genauso oft an Kabinettstischen wie CDU und CSU (gleichwohl stellt die Union weitaus häufiger den Ministerpräsidenten).
  • Zum anderen ist keine andere Partei innerhalb der vergangenen zehn Jahre so stark gewachsen wie die Grünen, die Mitgliederzahl hat sich seit 2010 von damals 53.000 auf 106.000 im November 2020 verdoppelt. Allein im vergangenen Jahr traten mindestens 10.000 Menschen neu in die Partei ein. Alle anderen Parteien – außer die FDP – verzeichnen hingegen teils drastisch zurückgehende Mitgliederzahlen.

Zur Erinnerung: 2017 zogen die Grünen mit 8,9 Prozent als kleinste Partei in den Bundestag ein. Würden die Grünen im September ein Ergebnis in dieser Größenordnung einfahren, dann wäre das angesichts der über Jahre konstanten Umfragewerte vor allem eins: ein Absturz. Doch davon ist die Partei noch meilenweit entfernt, zweieinhalb Monate vor dem Wahltermin.