Der FC Bayern jubelt bei Hertha BSC in letzter Minute - genauso wie bereits in den Bundesliga-Spielen in Freiburg und Ingolstadt. Typischer Bayern-Dusel? Wohl kaum. Hinter den späten Toren der Münchner stecken viele Gründe - und oftmals tragen die Gegner eine Mitschuld.

17. Spieltag: Siegtor in der 91. Minute beim SC Freiburg. 20. Spieltag: Zwei Tore in der 90. bzw. 91. Minute beim FC Ingolstadt. 21. Spieltag: Ausgleich in der 96. Minute bei Hertha BSC.

Der FC Bayern München duselt sich in der Bundesliga seit Wochen mit späten Toren von Spiel zu Spiel, bleibt somit klarer Tabellenführer und auf Kurs in Richtung fünfter Meisterschaft in Serie.

Unser Experte erklärt, ob der Ausgleich in der 96. Minute rechtmäßig war.

Doch ist "Dusel" wirklich der passende Begriff? Oder ist es nicht doch vielmehr der unbedingte Wille, ein Spiel bis zur letzten Minute noch gewinnen bzw. zumindest nicht verlieren zu wollen, der den FC Bayern so stark macht?

Sportpsychologe Jürgen Walter legt sich im Gespräch mit unserer Redaktion fest, dass die Bayern bei ihren Last-Minute-Toren nicht nur vom Glück profitieren. "Sie spielen bis zum Ende und versuchen Tore in der Schlussphase zu erzwingen. Sie lassen nicht nach, weil sie den festen Glauben daran haben, dass sie noch einen Treffer erzielen können", erklärt der Diplom-Psychologe das Phänomen der späten Bayern-Tore.

Hertha-Spieler mit Fehlverhalten in der Schlussphase

Walter nennt mehrere Gründe, warum die Münchner immer wieder so spät zuschlagen. Einerseits liege es am Willen sowie an der Qualität der Spieler, andererseits aber auch am Fehlverhalten des Gegners. Ein Fehlverhalten, das oftmals mentale Ursachen hat - so wie beim Spiel der Hertha gegen die Bayern. "Bei der letzten Aktion hat man gesehen, dass die Berliner nicht mehr konsequent verteidigt haben", sagt Walter. "Da ist die Frage: Was ging den Spielern durch den Kopf? Viele Sportler denken darüber nach, was nicht passieren soll - und schon passiert's." Dabei sei es enorm wichtig, dass "der Glaube an den eigenen Erfolg der Sorge über den Misserfolg überwiegt".

Walter gibt Sportlern daher stets den Tipp, sich in solchen mental belastenden Situationen "selbst zu beschummeln". Die Hertha-Spieler hätten sich in der Schlussphase demnach nicht so verhalten sollen, als ob sie mit 1:0 führen. Sondern spielen sollen, als ob sie mit 0:1 zurückliegen würden - damit sie sich von den Bayern nicht so weit in die eigene Hälfte drängen lassen.

Doch werden Profi-Fußballer auf derlei Situationen hinreichend vorbereitet? Laut Walter ist die klare Antwort: nein. "Im Profi-Fußball werden Sportpsychologen meines Erachtens zu wenig genutzt", bemängelt er. "Die Spieler gehen in der Regel nicht zu ihnen. Dabei muss ich mich als Fußballer mit Szenarien beschäftigen, die eventuell passieren können." Laut dem Experten sei es wichtig, diverse Situationen im Kopf bereits einmal durchgespielt zu haben.

Er ruft die Sportpsychologen der Mannschaften daher dazu auf, mehr Platz für ihre Arbeit einzufordern. Und er nimmt die Trainer in die Pflicht: "Es ihre Aufgabe, sportpsychologische Komponenten systematisch in die Trainingsarbeit zu integrieren."

Bevorzugen die Schiedsrichter den FC Bayern?

Allerdings sind laut Walter nicht nur die Spieler einer besonderen mentalen Situation ausgesetzt - sondern auch die Schiedsrichter. Nach dem späten Ausgleich des FCB bei der Hertha wurde von Berliner Seite Kritik an Referee Patrick Ittrich laut. Der Vorwurf: Dieser habe zu lange nachspielen lassen und die Bayern damit bevorteilt - eine Ansicht, die unser Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt nicht teilt.

Doch kann es sein, dass die Münchner dennoch manchmal von den Unparteiischen bevorzugt werden? "Man kann dem Schiedsrichter in diesem Fall keinen Vorwurf machen, weil er sich korrekt verhalten hat, denn den Angriff und den anschließenden Freistoß muss er praktisch noch ausführen lassen", sagt Walter.

Dennoch sei eine angezeigte Nachspielzeit von fünf Minuten für Bundesliga-Verhältnisse ungewöhnlich. "Es läuft sicherlich unbewusst ab", sagt der Sportpsychologe. "Die Dauer der Nachspielzeit war sicherlich vertretbar - aber vielleicht hätte der Unparteiische bei einer anderen Mannschaft dennoch nur vier Minuten Nachspielzeit gegeben."

Zur Person: Jürgen Walter ist Diplom-Psychologe und ausgebildeter und zertifizierter Sportpsychologe. Er arbeitet in Düsseldorf. Sein Filmprojekt "Praxis der Sportpsychologie" mit dem passenden Film "Alles beginnt im Kopf wurde im März 2016 erstmalig im BR ausgestrahlt. Es zeigt anhand vieler Praxisbeispiele sportpsychologische Interventionsmögichkeiten und soll das Image der Sportpsychologie verbessern.