Von Francisco Fernandez Ochoa bis Nicole Schmidhofer: die Top Ten der schrägen, sensationellen und einmaligen WM-Triumphe.

Luca Aerni ist aktuell der Letzte in einer Reihe ungewöhnlicher Ski-Weltmeister. Der Schweizer raste am Montag von Platz 30 nach der Abfahrt im Slalom noch zu Gold in der Kombination der Männer und führte damit den Reigen sensationeller Triumphe von Underdogs bei Weltmeisterschaften konsequent fort.

Im Gesamtweltcup setzt sich am Ende immer der beste und beständigste Fahrer der jeweiligen Disziplin durch, bei einem Großereignis wie einer WM oder bei Olympischen Spielen entscheidet aber die Tagesform, das Wetter oder einfach eine glückliche Fügung des Schicksals.

Auch deshalb sind die Weltmeisterschaften schon immer ein gutes Pflaster für besonders überraschende Sieger. Unsere Top Ten:

Platz 10: Francisco Fernandez Ochoa (Spanien):

Francisco Fernandez Ochoa war der Erste aus der Ochoa-Dynastie, der es zu Weltruhm brachte. 1972 wurden die Olympischen Spiele in Sapporo ausgetragen - und gleichzeitig wurden alle Rennen auch als WM-Rennen gewertet.

Der Spanier war im Slalom ein ordentlicher Punkte-Fahrer, der öfter mal in den Top Ten landete. Aber er war kein Sieg-Läufer. In Sapporo aber düpierte die Konkurrenz, fuhr dem haushohen Favoriten Jean-Noël Augert auf und davon und holte sich olympisches und WM-Gold in ein und demselben Rennen.

Seinen ersten und einzigen Weltcup-Sieg im Slalom feierte Fernandez Ochoa erst zwei Jahre später. Und an den Glanztag von Sapporo konnte der Spanier nie mehr anknüpfen.

Platz 9: Markus Wasmeier (Deutschland):

Die Geburtsstunde von "Wasi" war die WM 1985 in Bormio. Zwar war der Bayer im Riesenslalom zu Hause, konnte vor dem Wettbewerb aber keinen einzigen Sieg in dieser Disziplin verbuchen.

In Bormio war Markus Wasmeier auch deshalb allenfalls ein Außenseiter. Die großen Favoriten waren Alberto Tomba, Marc Girardelli und natürlich der Über-Dominator Pirmin Zurbriggen aus der Schweiz.

Wasmeier erwischte allerdings einen überragenden Tag, ließ sich auch durch mehrere wilde Fehler nicht aus dem Konzept bringen und schleuderte sogar während der Fahrt im zweiten Durchgang seine verrutschte Brille vom Kopf.

Am Ende hatte er fünf Hundertstel Sekunden Vorsprung auf Zurbriggen und feierte seinen ersten großen Triumph.

Platz 8: Frank Wörndl (Deutschland):

1987 in Crans-Montana hießen die großen Favoriten im Slalom einmal mehr Marc Girardelli, Bojan Krizaj, Ingemar Stengmark, Armin Bittner, Alberto Tomba und Rudi Nierlich. Frank Wörndl hatte nicht einmal Außenseiterchancen.

Der Deutsche fuhr den kompletten Winter seiner Form hinterher, musste teilweise mit Startnummern weit über 50 völlig zerfurchte und zerfahrene Pisten hinunterrutschen. Ein Umstand, der ihm bei der Weltmeisterschaft unverhofft zum großen Vorteil geraten sollte.

Im ersten Slalom-Durchgang erwischte er einen Traumlauf. Und als die Piste im zweiten Durchgang seifig und uneben wurde, kam er mit diesen Bedingungen schlicht besser zurecht als die Spitzenfahrer, die eine glatte und frisch präparierte Piste gewohnt waren.

Platz 7: Hansjörg Tauscher (Deutschland):

Die Rattle Snake Alley - die "Klapperschlangengasse" von Vail/Colorado - sollte zu Hansjörg Tauschers Triumphfahrt werden. Tauscher war 1989 erst 22 Jahre alt, als er bei der Besichtigung der Abfahrtsstrecke besonders die eigens für die WM eingefräste Stelle mit dem Doppel-S im Eiskanal als Knackpunkt ausgemacht hatte.

Mit Rückstand fuhr er auf die Röhre zu - und kam wenige Sekunden später mit unglaublichen zwei Zehntelsekunden Vorsprung wieder heraus. Eine besonders flache Linie ließ die Konkurrenz ratlos zurück.

"Ohne diese eigenartige Fahrstelle hätte es eigentlich nicht gereicht", erinnerte sich Tauscher später. Über deren Sinn oder Unsinn wurde intensivst debattiert.

Der heutige Polizeihauptmeister Hansjörg Tauscher hat übrigens weder vor seinem Weltmeistertitel noch danach je ein Weltcup-Rennen gewonnen.

Platz 6: Tom Stiansen (Norwegen):

Tom Stiansen hatte zwar ein Jahr vor der Ski-Weltmeisterschaft 1997 in Sestriere (Italien) den Weltcup-Slalom von Breckenridge (USA) gewonnen, galt aber bei den Titelkämpfen nicht gerade als Favorit.

Gegen die übermächtige Konkurrenz von Alberto Tomba (Italien), Thomas Stangassinger (Österreich) oder seine Landsmänner Ole Kristian Furuseth und Kjetil André Aaamodt hatte der Norweger eigentlich keine Chance - und nutzte genau das aus.

Fünf Hundertstel trennten den Sensationssieger Stiansen am Ende vom Franzosen Sébastien Amiez. Bronzemedaillengewinner Alberto Tomba lag gar eine knappe halbe Sekunde zurück. Stiansens zweiter sollte jedoch auch sein letzter Sieg im Ski-Zirkus bleiben.

Platz 5: John Kucera (Kanada):

Der Kanadier John Kucera war ein Allrounder, startete in allen vier Disziplinen und war deshalb eher ein Fahrer für die Gesamtweltcup-Wertung als ein Spezialist. Und nur Spezialisten können eine Abfahrt gewinnen. Dachte man zumindest.

In Val d’Isere belehrte Kucera 2009 die Experten eines Besseren. Die Fahrt seines Lebens spülte ihn vor Didier Cuche ins Ziel - damit verwehrte er dem wohl besten Abfahrer der jüngeren Ski-Geschichte den großen Traum vom WM-Gold.

Platz 4: Zali Steggall (Australien):

1999 war es wieder einmal Vail, das eine große Sensation zutage förderte - zehn Jahre nach dem Lauf von Hansjörg Tauscher.

Auf der "International" hatten die Spitzenläuferinnen Pernilla Wiberg, Anja Pärson, Hilde Gerg oder Karin Köllerer klar das Nachsehen gegen eine wie entfesselt fahrende Zali Steggall. Die Australierin düpierte am Ende die Slalom-Konkurrenz um fast eine Sekunde.

Steggall ist bis heute die einzige Athletin der südlichen Hemisphäre, die bei einer WM Gold gewinnen konnte.

Platz 3: Kate Pace (Kanada):

Kate Pace. Noch nie gehört? Verständlich: Die Kanadierin war so etwas wie der Parade-Pechvogel der frühen 1990er-Jahre im Skisport. Schon in ihrer ersten Weltcup-Saison verletzte sie sich im Abfahrtstraining von Lake Louise schwer. Kaum genesen, erlitt sie einen Kreuzbandriss - und verpasste unter anderem die Olympischen Spiele von Albertville 1992.

Wenige Tage vor der Ski-WM in Morioka 1993 brach sich die Kanadierin bei einem Sturz im Super-G von Cortina d'Ampezzo das Handgelenk. Die Titelkämpfe musste sie mit einer dicken Carbon-Manschette an der Hand bestreiten.

Was sie aber nicht davon abhalten sollte, in der Abfahrt völlig überraschend alles in Grund und Boden zu fahren: Sie bestätigte ihre Trainingsbestzeiten und holte überragend Gold vor der Norwegerin Astrid Lødemel und der Österreicherin Anja Haas.

Nur ein paar Wochen später gewann Pace in Kvitfjell auch endlich ihre erste von zwei Weltcup-Abfahrten. Ihren letzten Sieg feierte die Kanadierin in der Folgesaison in Tignes.

Platz 2: Marion Rolland (Frankreich):

Im Super-G landete Marion Rolland 2013 in Schladming unter "ferner liefen": Mehr als Platz 22 war nicht drin für die Französin. Und als bestes Weltcup-Resultat musste ein vierter Platz herhalten.

Doch bei der Abfahrt explodierte Rolland förmlich, Anna Veith (damals noch Fenninger), Maria Riesch und Julia Manchuso, die großen Favoritinnen im Vorfeld, fuhren verzweifelt hinterher. Zwei Jahre und etliche Knie-Operationen später musste Rolland Abschied vom Profi-Sport nehmen.

Platz 1: Nicole Schmidhofer (Österreich):

Sie hatte wirklich niemand auf der Rechnung. Der Super-G der Ski-WM 2017 in St. Moritz aber sollte zu ihrem ganz großen Comeback werden.

Vor zehn Jahren holte sich Nicole Schmidhofer zwei Titel bei der Junioren-WM. Danach verschwand sie aus dem Fokus, verlor zwischenzeitlich sogar ihren Kaderplatz im ÖSV-Team und musste auf eigene Faust und Kosten trainieren.

Wie aus dem Nichts fuhr sie in St. Moritz im ersten Wettkampf der Veranstaltung aus dem Schatten ins gleißende Licht - und vollendete eins der furiosesten Comebacks der Ski-Geschichte.