Am Dienstag ist der Schweizer Simon Ammann beim Finale der Vierschanzentournee schwer gestürzt. Auch in den Tagen zuvor kam es zu Unfällen. Gefühlt häufiger als in der Vergangenheit. Ist in Anbetracht der zahlreichen Zwischenfälle der Skisprungsport tatsächlich gefährlicher geworden?

Er war schon gelandet, verlor unmittelbar danach aber die Kontrolle, fiel ungebremst kopfüber und schlitterte mit dem Gesicht nach unten noch einige Meter weiter. Der viermalige Olympiasieger Simon Ammann wurde nach seinem schweren Sturz beim Finalspringen der 63. Vierschanzentournee bewusstlos aus dem Zielraum von Bischofshofen getragen. Mittlerweile ist der 33-jährige Schweizer in stabilem Zustand und kann Arme und Beine wieder bewegen. Im Gesicht hat er allerdings schwere Abschürfungen und weitere Verletzungen erlitten. Ammann war bereits beim Auftaktspringen in Oberstdorf gestürzt und hatte deshalb die Qualifikation für den zweiten Durchgang verpasst.

Eine Serie von Stürzen

Der Unfall von Ammann ist der traurige Höhepunkt einer ganzen Reihe von Stürzen beim Skispringen. Am Qualifikationstag der Vierschanzentournee waren in Bischofshofen vier Springer gestürzt, der US-Amerikaner Nicholas Fairell sogar zweimal. Zuletzt überschlug er sich und erlitt so schwere Wirbelsäulenverletzungen, dass der 25-Jährige in einer Notoperation stabilisiert werden musste. Auch der Österreicher Thomas Morgenstern stürzte Anfang vergangenen Jahres im Training für den Skiflug-Weltcup am Kulm und erlitt dabei eine schwere Schädelverletzung sowie eine Lungenquetschung. Der behandelnde Arzt sagte, der 27-Jährige habe großes Glück gehabt, dass er beim Aufprall keine schweren Rücken- oder Wirbelverletzungen davongetragen habe. Sonst hätte es auch zu einer Querschnittslähmung kommen können.

Neue Sicherheitsdiskussion

Die Unfälle haben die Sicherheitsdiskussion im Skispringen neu entfacht. Mit dem Einsatz eines Rückenprotektors hätten die Verletzungen von Morgenstern und Fairell, deren Folgen noch nicht gänzlich absehbar sind, möglicherweise vermieden werden können. "Wir haben den positiven Umstand, dass sich die Verletzungen im Promillebereich bewegen. Aber es wird sich niemals ändern, dass man beim Skispringen bei hoher Geschwindigkeit dem Medium Luft ausgesetzt ist", sagte FIS-Renndirektor Walter Hofer. "Deshalb haben wir den Athleten seit dieser Saison auch die Chance eröffnet, einen Rückenprotektor zu tragen." Doch bis auf den Österreicher Andreas Kofler hat bislang keiner der Topspringer den Rückenprotektor in einem großen Wettbewerb getragen: Dieser bietet zwar einen hohen Schutz für die Gesundheit – hat aber keinen aerodynamischen Vorteil beim Fliegen. Der zurückgetretene Martin Schmitt fordert deshalb eine Verpflichtung zum Tragen des Protektors, "sonst nutzt ihn niemand".

Doch nicht nur der Einsatz eines Rückenprotektors ist nun in der Diskussion – auch die Bindungen sind immer stärkeren Kräften ausgesetzt. Die in der vergangenen Saison eingeführten hautengen Anzüge bewirken, dass die Springer mit einem höheren Tempo starten. Auch die Fallhöhe und die Geschwindigkeit beim Landen sind größer geworden. Eine saubere Telemark-Landung ist dadurch schwieriger geworden. Während das Material beim Skispringen zunehmend auf seine Eigenschaften beim Fliegen optimiert und ausgereizt wird, sind die Ski andererseits immer weniger zum Fahren und Landen geeignet. Die FIS reagiert nun und verschiebt bei einigen Anlagen die untere rote "Hillsize"-Linie einen bis zwei Meter nach oben. Dadurch wird sich der Anlauf wieder verkürzen und der Landedruck sinken.

Neue Schanze am Kulm – neues Risiko?

Bei 225 Metern liegt die "Hillsize" im steirischen Bad Mitterndorf – damit ist der 65 Jahre alte Kulm die größte Schanze der Welt. Am Donnerstag wird sie mit einem Flug von Weltcup-Rekordsieger Gregor Schlierenzauer nach dem Umbau eingeweiht. "Zum einen lockt der Weltrekord, zum anderen ist der Wettbewerb erst dann attraktiv, wenn möglichst viele Athleten an die 'Hillsize' heranfliegen", sagt der Chef des Organisationskommitees, Hubert Neuper. Die Kritiker, die sich nach den gehäuften Stürzen vermehrt zu Wort melden, beruhigt er: "Die Springer kommen flacher vom Tisch. Damit ist das Gefahrenpotenzial für die Sportler minimiert", so Neuper. Ursprünglich sollte der Umbau der Kulm-Schanze noch größer ausfallen – die Höhendifferenz sollte auf 150 Meter statt der jetzigen 135 Meter angehoben werden, um auf Weiten von bis zu 300 Metern zu kommen.