Seit drei Wochen zeigt sich die Welt in einem Gelb-Blaues Fahnen- und Solidaritätsmeer. Beeindruckend ist sie zweifelsfrei, die nie zuvor dagewesene Einigkeit unter allen Ländern. Alleine: Der Angriffskrieg von Wladimir Putin geht dennoch unbeirrt in Woche drei.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Immer mehr Zeit vergeht, immer mehr Menschen sterben. Das surreale Szenario eines Krieges vor unserer Haustür wird allmählich alltägliche Realität. Nun liegt es an uns, dass Putin seinen letzten Trumpf, den er im Ärmel hat, nicht ausspielen kann: Das Vergessen. Menschen gewöhnen sich an vieles. Sie arrangieren sich. Sie widmen sich ihren individuellen Problemen und schieben die elementaren Baustellen dieser Welt beiseite. Etwa die Klimakrise.

Doch das Echauffieren über Belangloses ist Selbstmanipulation. Statt sich über schöne Dinge zu freuen (in Zeiten wie diesen beispielsweise, in einem sicheren Land zu leben), verschwendet man seine Energie mit Trivialem wie dem verspäteten Kurierfahrer, der ausgefallene Bahn, der verstopfte Dusche oder dem nicht auffindbaren freien Parkplatz.

In diesem Trott, sich primär in seinem eigenen Problem-Korridor aufzuhalten, taumeln wir oft in ein Konsequenz-Dilemma: Man müsste sich auf das Wesentliche konzentrieren. Man müsste zu sich selbst so streng sein, wie man zuweilen zu seinem Partner ist, zu Arbeitskollegen oder gar zu fremden Menschen in den Kommentarspalten der Sozialen Netzwerke. Macht man aber nicht.

Stattdessen hat man sich eingelebt in der Gemütlichkeit, dann doch nicht so lange stringent am Ball bleiben zu müssen, bis sich ein zufriedenstellendes Ergebnis eingestellt hat. Wir lassen uns selbst davonkommen. Wir schieben die Steuererklärung auf, bis horrende Strafzahlungen drohen und halten die Diät nach zweieinhalb Tagen doch für den falschen Weg.

Und genau auf diese Kommodität des freien, privilegierten Westens setzt Putin. Es ist seine letzte Patrone. Er setzt darauf, dass der unerschütterliche Zusammenhalt, die millionenfachen Solidaritäts-Bekundungen und unsere Empörung über seinen auch völkerrechtlich zweifelhaften Überfall auf die Ukraine mit den Tagen ihre Dynamik verlieren.

Dass die Bilder des Krieges verblassen. Dass wir uns wieder über Falschparker vor unseren Häusern enervieren als über die unnötigen Toten seines ungerechten und durch nichts zu rechtfertigenden Krieges. Aktuell reihen sich stündlich weitere Kriegsverbrechen ein in die Liste von Putins Gräueltaten. Wir dürfen ihn nicht damit davonkommen lassen. Wir dürfen nicht vergessen, nicht ablassen unsere Abscheu über dieses Verbrechen herauszuschreien, zu schreiben, auf unseren T-Shirts zu tragen. Wir dürfen ihm nicht erlauben, diese letzte Patrone ihr Ziel trifft. Das sind wir den Menschen in der Ukraine schuldig. Krieg darf nie Normalität werden.

Die Stimme aus Kiew

Ein Mann, der uns dieser Tage rund um die Uhr direkt aus Kiew informiert und einen großen und mutigen Teil dazu beiträgt, dass dieses Vergessen nicht einsetzt, ist Paul Ronzheimer. Ronzheimer arbeitet für die "Bild"-Zeitung. Seine Aufgabe innerhalb der noch immer größten Boulevardzeitung des Landes besteht im Prinzip darin, immer genau dort vor Ort zu sein, wo sich eine grauenvolle Katastrophe anbahnt.

Oftmals dort, wo andere Journalisten nicht sind. Ronzheimer ist, das ist sein Konzept, genau dort, wo die Not am größten ist. Die letzten Monate hat er daher hauptsächlich bei "BILD TV" verbracht. Das schmälert – bei aller Verve, dem Axel Springer Verlag mit größtmöglicher Distanz und Kritik entgegenzutreten – keinesfalls seinen bemerkenswerten journalistischen Einsatz und Wert dieser Tage.

Anders als die meisten anderen Medienmacher, angefangen bei unbedeutenden Influencerinnen wie mir, bis zu hochdekorierten Journalisten und Reportern, bleibt Ronzheimer nicht in der warmen, sicheren Festung seiner Redaktionsräume, sondern ist im Epizentrum eines Krieges, der täglich viele Menschenleben fordert. Von Zivilisten, Frauen und Kindern. Und auch von Journalisten.

Ronzheimer bringt den Krieg in unsere Wohnzimmer. Das ist wichtig. Er transferiert sehr eindrückliche Bilder und Informationen, die man nicht in jedem Medium finden kann, in unsere Komfortzone. Nebenbei faltet er noch Ex-AfD-Chef Jörg Meuthen live aus Kiew in einer Deutlichkeit zusammen, die man verlagsübergreifend bei vielen seiner Kollegen ebenfalls lange suchen muss.

Ronzheimer ist ein genialer Sänger – in der falschen Band

In einem Krieg, der erstmals in der Geschichte auch auf Social Media geführt wird und uns massenhaft von Russland bezahlte und orchestrierte Kriegspropaganda und Fake News in die Timelines spült, ist das von elementarer Relevanz. Hier leistet Paul Ronzheimer, das darf und muss man sagen, auch wenn man eine flammende Kritikerin des Axel Springer Verlags ist, ziemlich einzigartige Arbeit.

Ich teile die Meinung einiger Medienbeobachter, sehr viel kompetenterer als ich, Ronzheimer sollte bei einigen der kommenden Journalistenpreise nicht unbeachtet bleiben. Es werden ja immer noch individuelle Leistungen bewertet und nicht die Agenda eines Verlagshauses.

Wenn Ronzheimer ein Sänger wäre, wäre er Freddie Mercury, allerdings als Leadsänger der Wildecker Herzbuben. Er hat geniale Momente, spielt aber einfach in der falschen Band. Die Anerkennung und Reputation, die er sich verdient hätte, wird er dort nie voll umfänglich erhalten.

Das ist ungerecht, aber für Ronzheimer wohl verschmerzbar und eingepreist, denn wenn wir ehrlich sind: Es zwingt ihn ja niemand, sein Talent dort einzusetzen, wo er es eben einsetzt. Flächendeckende Hochachtung scheint somit keines seiner Karriereziele zu sein.

Medizinbälle in Berlin ausverkauft

Was gab es noch so diese Woche? Felix Magath ist neuer Trainer bei Hertha BSC. Was auf gewisse Weise verstörend ist. Boris Becker hat ja auch nicht angekündigt, diesen Sommer mal wieder in Wimbledon anzutreten. Was kommt als nächstes? Dagmar Berghoff moderiert ein neues, digitales "Tagesschau"-Format auf TikTok?

Hätte man sich als Hertha-Fan vermutlich auch nicht träumen lassen: Da pumpt Investor Lars Windhorst dreistellige Millionenbeträge in den Hauptstadtclub und als Konsequenz steht man auf einem Abstiegsplatz, weint Jürgen Klinsmann hinterher und will den Club ausgerechnet mit dem fast 70-jährigen Schleifer Magath zukunftstauglich machen, dessen Fußball-Philosophie schon 2009, als er letztmalig Deutscher Meister wurde, älter wirkte als die Witze von Markus Krebs.

Andererseits: Für Chronistinnen wie mich natürlich Gold. In der ersten Trainingseinheit wird Felix Magath sein neues Team vermutlich das Berliner Olympiastadion mit bloßen Händen abtragen und auf dem Tempelhofer Feld wieder aufbauen lassen, um sich einen validen Eindruck über die Fitnesswerte der Spieler machen zu können. Und dann wird er den Kader umbauen. Zum Glück für die Hertha-Fans hat Ali Karimi seine Spielerkarriere inzwischen beendet. Dafür sind im Großraum Berlin allerdings Medizinbälle ausverkauft.

Ansonsten habe ich noch folgende Beobachtung gemacht: Es zeichnet sich ein neuer Trend für sendungsneurotische Best Ager ab: Weiße Männer mit wärmendem Finanzpolster im privaten Hintergrund stellen sich neuerdings gerne vor Tankstellen und sprechen der Nation via Instagram-Story ins Gewissen, es müsse nun aber wirklich ganz dringend eine Spritpreisbremse geben.

Der Mann ohne Nachnamen etwa, Tobias Hans, findet hohe Kraftstoffpreise vor allem wegen einer Sache schlimm: "Es trifft nicht nur die Geringverdiener, sondern auch die vielen Fleißigen". In solchen Glanzzeiten möchte man auch lieber der Friseur von Boris Johnson sein als im PR-Team von Tobias Hans. Enttäuschend eigentlich, dass er das Tutorial "Shitstorm leicht gemacht" nicht komplett durchgespielt hat und uns somit folgenden Marie Antoinette Moment verwehrt: "Wenn sie ihr Auto nicht volltanken können, sollen sie doch den Privatjet nehmen".

Ob das Empörungsdelta zwischen explodierenden Wohnraummieten ("regelt halt der Markt") und teurem Dieselkraftstoff ("Bundesregierung hat versagt!") womöglich damit zusammenhängt, dass Mieten beim klassischen CDU-Klientel zumeist unter "Einnahmen" laufen, während selbst Immobilien-Mogule aus unerfindlichen Gründen ihre Tankfüllung weiterhin selbst bezahlen müssen?

Die unter steigenden Energiepreisen leidende Nation in "Fleißige" und "Geringverdiener" zu kategorisieren, wird Tobias Hans nun vielleicht seinen Stuhl als Ministerpräsident kosten. Kübelweise Kritik jedenfalls gab es aus allen Ecken. Marie-Agnes Strack-Zimmermann beispielsweise hat nicht nur zwei Nachnamen mehr als Tobias Hans, sondern findet seinen Auftritt: "Peinlich". Dem ist nichts hinzuzufügen. Bis nächste Woche!

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