Die ebenso aufsehenerregende wie umstrittene Dokumentation "Leaving Neverland" war am Samstagabend erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen. Darin schildern zwei Männer bis ins letzte Detail, wie sie als Kinder von Michael Jackson missbraucht worden sein sollen. Obwohl die Dokumentation keine handfesten Beweise liefert, dürften die Schilderungen massiven Einfluss auf das Vermächtnis des "King of Pop" haben.

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Auch fast zehn Jahre nach dem Tod Michael Jacksons liegen am Orlando-di-Lasso-Denkmal in München immer noch frische Blumen. Die Statue des italienischen Komponisten, mitten in der Innenstadt direkt gegenüber dem Bayrischen Hof gelegen, wurde von den Fans des "King of Pop" umfunktioniert und ist in München längst als "Michael-Jackson-Denkmal" bekannt.

Orte wie diesen gibt es in Deutschland und überall auf der Welt. Wird in Clubs einer von Jacksons Songs gespielt, kommt es nicht selten zu Jubel und Beifall. "Jackos" künstlerisches Erbe ist gigantisch, er ist eine Legende, einer der größten Stars aller Zeiten.

"Leaving Neverland": Die dunkle Seite des "King of Pop"

Doch es gibt auch eine andere Seite: Jackson war ein psychisch und physisch labil wirkender Mann, dessen Gesicht nach unzähligen Schönheitsoperationen mehr und mehr wie eine Maske aussah. Der sein Baby über den Balkon eines Berliner Hotels hielt und in Pyjamahose und Pantoffeln vor Gericht erschien.

Und der möglicherweise ein Pädophiler war, der kleine Jungen auf niederträchtige Art und Weise missbrauchte. Bewiesen ist das nicht, aber wenn man den übereinstimmenden Aussagen von Wade Robson, heute 36 Jahre alt, und James Safechuck, mittlerweile 41 Jahre alt, Glauben schenkt, muss man zu diesem Schluss kommen. In der ebenso aufsehenerregenden wie umstrittenen Dokumentation "Leaving Neverland" erzählen die beiden Männer ihre Geschichte.

Vier Stunden lang schildern Robson und Safechuck den Missbrauch

Der Dokumentarfilm des britischen Regisseurs Dan Reed lief in den letzten Wochen und Monaten bereits in den USA, Großbritannien und einigen weiteren Ländern. Am Samstagabend konnten sich die deutschen TV-Zuschauer nun endlich auch ein Bild machen.

ProSieben zeigte beide Teile von "Leaving Neverland" hintereinander, mehr als vier Stunden lang. Dem Thema entsprechend platzierte der Sender relativ wenig Werbung und verwies immer wieder auf eine Telefon-Hotline für Missbrauchsopfer.

Vor der Doku präsentierte ProSieben eine selbst produzierte Spezialsendung zum Thema, die Hintergrundinfos zur Kontroverse um "Leaving Neverland" lieferte.

Doku "Leaving Neverland": Kein Wohlfühlfernsehen

Ein extrem langer Themenabend also, vielleicht etwas zu lang. Teilweise war die Dokumentation nur schwer zu ertragen. Was aber nicht daran lag, dass "Leaving Neverland" langweilig ist, sondern dass Robson und Safechuck den angeblichen Missbrauch durch Jackson so detailliert schildern, dass es für viele wohl der pure Horror ist.

Robson etwa beschreibt, wie er von Jackson zu Oralsex gezwungen wurde, als er gerade einmal sieben Jahre alt war. Fürchterliche Dinge sind zu hören. Minutenlang berichtet Safechuck, an welchen Orten der Neverland-Ranch er mit Jackson Sex haben musste. Was diese Schilderungen betrifft, musste Regisseur Reed im Vorfeld einen Fehler einräumen.

Safechuck erzählt außerdem von einer Hochzeitszeremonie, in der Jackson ihm ewige Liebe schwor. Als er den Ring, den Jackson ihm damals überreichte, aus einem kleinen Kästchen herausholt, zittern seine Hände. Es ist einer der stärksten Momente in "Leaving Neverland".

Man möchte den Männern glauben

Teilweise sind die Männer gefasst, dann wieder brechen ihre Stimmen, Tränen rollen. Ihre Ausführungen wirken authentisch, man möchte ihnen Glauben schenken. Handfeste Beweise oder bahnbrechende neue Erkenntnisse zu den angeblichen Missbrauchsfällen kann "Leaving Neverland" aber nicht vorweisen.

Das "Michael Jackson Estate" wollte die Ausstrahlung trotzdem oder gerade deswegen verhindern und sprach von "öffentlichem Lynchmord". Dass in "Leaving Neverland" die Jackson-Seite nicht zu Wort kommt, ist der große Schwachpunkt der Dokumentation.

Fans des "King of Pop" werfen Robson und Safechuck Geldgier vor und sammeln vor allem in den sozialen Medien Beweise, dass die Aussagen der beiden Männer nicht stimmen können.

Opfer leugnete vor Gericht noch den Missbrauch

Das stärkste Argument des Jackson-Lagers ist, dass Robson in dem Prozess gegen Jackson 2005 unter Eid aussagte, nicht missbraucht worden zu sein. In "Leaving Neverland" erklärt Robson das mit seiner emotionalen Abhängigkeit von Jackson.

Die Jungen haben Jackson vergöttert, ihren großen, berühmten Freund. Und dass Opfer, die sich in einem Abhängigkeitsverhältnis befunden haben, die Täter im Nachhinein schützen, ist nicht ungewöhnlich.

"Michael hat mir gesagt, dass ich lügen soll. Und das habe ich getan. Ich habe gelogen", sagt Robson in der Dokumentation. Erst viele Jahre später habe er sich aus Jacksons Einfluss befreien können.

Die Familien fassten Vertrauen zu Jackson

Bei beiden Männern verlief die Kontaktaufnahme zu Jackson ähnlich. Safechuck lernte den Superstar 1987 bei einem Werbedreh für Pepsi kennen, der Australier Robson etwa zur gleichen Zeit, als er einen Michael-Jackson-Tanzwettbewerb gewann.

Jackson schmeichelte sich bei den Familien ein. Er beeindruckte besonders die Mütter der Jungen mit seiner Sanftheit und Freundlichkeit und natürlich auch mit seinem Ruhm und Reichtum. Sie habe sich jeden Tag wie in einem Märchen gefühlt, erzählt etwa Stephanie, die Mutter von James Safechuck.

Schließlich ließen sie es zu, dass Jackson alleine Zeit mit den Kindern verbringen und die Jungen sogar auf der Neverland-Ranch übernachten durften. Dort soll es dann zum Missbrauch gekommen sein. Jackson habe den Kindern verboten, mit irgendjemandem über die Vorfälle zu sprechen.

Und die Jungen schwiegen, um ihren berühmten Freund nicht zu belasten. Sie schwiegen, als 1993 gegen Jackson ermittelt wurde. Und sie schwiegen in dem Prozess 2005, an dessen Ende Jackson freigesprochen wurde.

"Leaving Neverland" könnte Jacksons Ruf zerstören

Doch schon damals wurde der Ruf Jacksons stark beschädigt, die Boulevardpresse taufte ihn "Wacko Jacko", was man frei mit "durchgeknallt" übersetzen könnte. "Leaving Neverland" könnte seinen Ruf nun posthum weiter zerstören.

Nach der Ausstrahlung beschlossen Radiostationen in Kanada und Neuseeland, keine Songs des "King of Pop" mehr zu spielen. Die Macher der "Simpsons" wollen die Folge, in der Jackson einen Gastauftritt als Synchronsprecher hatte, nie mehr ausstrahlen.

Proteste in München gegen TV-Austrahlung

Am Denkmal für Michael Jackson vor dem Bayerischen Hof in München haben am Samstag Fans gegen die Ausstrahlung der Dokumentation "Leaving Neverland" auf ProSieben demonstriert.

Für Jackson-Fans bleibt ihr Idol trotz allem unschuldig. Am Samstagvormittag tauchte eine größere Gruppe vor der ProSieben-Zentrale in Unterföhring bei München auf und protestierte mit "Michael Jackson was innocent"-Plakaten gegen die Ausstrahlung. Später zogen die Demonstranten weiter zum Denkmal in der Innenstadt.

Ihre Argumente: Michael Jackson wurde nie verurteilt, er kann sich nicht mehr wehren. Das ist sicherlich auch richtig. Aber wer sich "Leaving Neverland" unvoreingenommen anschaut, wird kaum umhinkommen, an Jacksons Unschuld zu zweifeln. Wenn künftig die Songs des "King of Pop" erklingen, dürfte es schwierig werden, nicht an die schockierenden Schilderungen von Wade Robson und James Safechuck zu denken.

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Teaserbild: © imago/ZUMA Press/INA PROMMER