• "Germany's Next Topmodel" ist eine "rein kommerzielle Shitshow, konzipiert als Geldmaschine für Heidi Klum": Diese direkten Worte findet Modelagent Marco Sinervo in seinem Buch "Fame vs. Fake".
  • Er sagt: Heidi Klum schlachtet das Thema Modelsuche medial aus - doch in der Realität läuft es ganz anders ab.
  • Diese Realität will er in seinem Buch zeigen und die Modelwelt ein Stück weit entzaubern.
  • Im Interview mit unserer Redaktion spricht er darüber, was Heidi Klum so erfolgreich macht, warum bei GNTM alles durchgescripted ist und was er von Kandidatin Lieselotte und Klums Tochter Leni hält.
Ein Interview

Herr Sinervo, Sie schreiben in Ihrem Buch, GNTM sei eine "rein kommerzielle Shitshow, konzipiert als Geldmaschine für Heidi Klum": Das sind deutliche Worte, die man selten hört. Was hat Sie dazu gebracht, das so zu formulieren?

Marco Sinervo: Als "Germany’s Next Topmodel" losging, fand ich die Idee gut: Wir suchen nach Mädchen, die wir weltweit vermarkten und auf die wir Deutschen stolz sein können. Das ist ja nichts Schlechtes. Aber nach 16 Staffeln und all den Bewerberinnen, von denen ich viele selbst kennengelernt habe, weil sie nach GNTM zu mir gekommen sind, habe ich gemerkt: Aus den Kandidatinnen wird nichts. Ich bin entsetzt darüber, dass Frau Klum nicht versucht, etwas Positives aus der Show zu machen. Es geht nur um Quote, Quote, Quote. Junge Mädchen werden reingeholt, medial kaputt gemacht und wieder ausgespuckt. Viele von ihnen waren nach der Teilnahme psychische Wracks und kamen mit ihrem Leben nicht mehr zurecht. Sie waren desillusioniert, konnten aber auch nicht mehr in ihre Realität zurück, die sie vor GNTM hatten, weil sie mit dem vermeintlichen Fame leben mussten.

Aktuell läuft die 17. Staffel von "Germany’s Next Topmodel" im TV, jedes Jahr bewerben sich aufs Neue viele Mädchen und viele Menschen schauen sich das im Fernsehen an. Warum ist Heidi Klum so erfolgreich?

Weil sie Quote macht. Bei GNTM ist alles komplett durchgescripted und auf Zuspitzung ausgelegt: Die Kandidatinnen werden von ihren Eltern und von ihren Freunden isoliert und sitzen in einer Show im Fernsehen. Dort werden sie in extreme und absurde Situationen getrieben und reagieren natürlich regelmäßig über. Außerdem werden sie einer hysterischen Instagram-Community zum Fraß vorgeworfen, die entsprechend reagiert: "Mein Gott, ist die Alte peinlich!". Aus Sicht der Zuschauer kann man das verstehen, aber die Kandidatinnen sind in den Situationen sehr aufgeregt – so war das zumindest früher. Mittlerweile sind sie etwas abgeklärter, auch in der aktuellen Staffel. Aber es fließen Tränen, es wird beleidigt und diskriminiert und gemobbt, das finde ich ganz schrecklich.

Marco Sinervo über GNTM: "So krasse Umstylings gibt es nicht, das würde kein normaler Mensch mitmachen"

Was heißt "gescripted"? Wird den Mädchen vorgegeben, was sie sagen sollen?

Gescripted heißt, dass Situationen erdacht werden. Es gibt bestimmte Typen unter den Kandidatinnen: Wenn etwa eine nah am Wasser gebaut ist und von bestimmten Themen getriggert wird, wird das Drehbuch auf diese Person eingestellt, damit sie in bestimmten Situationen überreagiert. Das ist das, was die Zuschauer sehen wollen. Eine reine Modelshow wäre viel zu langweilig. Der knallharte Modelalltag ist nicht so interessant, das ist kein Entertainment.

In Ihrem Buch beschreiben Sie eine Teilnahme bei GNTM als sektenähnliche Erfahrung, die Mädchen wirkten wie ausgetauscht, lost und brainwashed, hätten Star-Allüren. Was denken Sie, woher kommt dieses Verhalten der Ex-Teilnehmerinnen?

Simone Kowalski hat GNTM 2019 gewonnen. Davor war sie bei mir Model, sie wirkte nett und aufgeräumt. Nach ihrer GNTM-Teilnahme hatte sie starke psychische Probleme. Sie war wie ausgetauscht. Das war sehr schade um das Mädchen. Aber das ist das große Problem: Wie kommen die Kandidatinnen aus dieser Welt wieder raus und wie gehen sie mit dem vermeintlichen Fame um? Die meisten sind verunsichert: Sind sie jetzt wirklich bekannt? Was halten die Menschen von ihnen? Dabei müssen sie auch Kritik aushalten, das verunsichert viele.

Das Umstyling ist immer einer der Höhepunkte bei GNTM. Wird das aus rein dramaturgischen Gründen gemacht oder gibt es das in der echten Modelwelt auch?

So krasse Umstylings gibt es nicht, das würde kein normaler Mensch mitmachen. Bei GNTM gehört es dazu, um Spannung reinzubringen, um die Zuschauer vor dem Fernseher zu halten. Viele denken ja: "Spannend, die hat lange Haare, mal sehen, wie sie mit raspelkurzen aussieht!" Alles total absurd, das hat nichts mit der Realität zu tun. In der realen Modelwelt wird versucht, den Typ zu unterstreichen, damit die Models richtig gut aussehen und gut rüberkommen. Das ist unser Job als Agentur. Wir verunstalten die Models nicht. Meine 20-jährige Erfahrung hat mich außerdem gelehrt: Für viele Mädchen sind Haare ein wichtiges Thema - wenn es um drei oder vier Zentimeter geht, müssen viele erst eine Nacht drüber schlafen. Wenn aber Haare ad hoc im Fernsehen abgeschnitten werden, dann ist das natürlich verunsichernd und kann auch den Charakter brechen. Das geht zu weit. Ich habe nichts gegen Entertainment-Shows. Ins Dschungelcamp gehen Menschen, die wissen, wer sie sind. Sie sind erwachsen und bekommen viel Geld dafür. Sie wissen aber auch, dass sich wahrscheinlich die halbe Republik über sie kaputt lacht. Aber bei GNTM sind teilweise sehr junge Mädchen dabei, die das eben nicht wissen.

Ein weiterer Höhepunkt ist das sogenannte Nackt-Shooting. Entspricht das auch nicht der Modelrealität?

Nein, um Gottes willen! Wir machen 3.000 bis 4.000 Modelbuchungen im Jahr, davon gehen vielleicht zehn bis 20 Buchungen mal in Richtung Akt. Das sind dann aber eher künstlerische Bilder für Magazine – Rücken von hinten, Brust von der Seite, aber da ist keine Brustwarze zu sehen. Wir machen auch Kosmetikthemen oder medizinische Themen, alles aber immer seriös und nie anzüglich. Aber dass ein Model nackt eine Show laufen und sich vor dem Publikum entblößen muss, das finde ich ganz schrecklich. Das ist absolut unterste, unterste, unterste Schublade! In der aktuellen Staffel war das auch wieder so: Eine will nicht, muss aber. Was für ein Scheiß! Wo sind wir denn? Das ist wirklich unsäglich.

"Die Fotoshootings in der Show sind fake"

Sie schreiben, dass auch ein Großteil der Foto-Shootings in der Show fake sind. Können Sie das näher erläutern?

Die Shootings werden oft von den Sponsoren und Werbepartnern der Show gemacht und nicht von echten Kunden. Die reale Situation wäre: Ich schicke zehn Mädchen zum Casting, lass die Kamera draußen und dann schauen wir mal, was der Kunde sagt.

Marco Sinervo ist Gründer und Geschäftsführer von MGM Models.

Diversity ist in diesem Jahr riesengroßes Thema, gerade in den ersten Folgen der 17. Staffel erwähnte es Heidi Klum ständig. Entspricht das dem Zeitgeist in der Modelwelt?

Diversity bedeutet in der Modewelt: kulturelle Vielfalt, verschiedene Nationalitäten. Früher war der Look mitteleuropäisch, fast skandinavisch, sehr eingefahren auf einen bestimmten Typ. Das hat sich in der Tat verändert. Heute boomen asiatische Models, Models of Color aus Afrika und dem südamerikanischen Kontinent. Mittlerweile sind auch mal kurze Haare erlaubt, manche Mädchen tragen Braids. Das alles spiegelt die Vielfalt wider. Aber Diversity heißt nicht: Alles ist erlaubt. In der aktuellen GNTM-Staffel war ein Mädchen 1,95 Meter groß, ein anderes 1,54 Meter – wie soll das auf dem Laufsteg funktionieren? Welcher Kunde soll das buchen? Oder Konfektionsgröße 54, das ist über dem Plus-Size-Maß. Die haben keine reelle Chance, irgendwo als Model zu arbeiten.

Warum haben diese Teilnehmerinnen keine Chance, als Model zu arbeiten?

Das gibt der Markt nicht her, die Nachfrage ist nicht da. Kunden wollen Models mit einer Kleidergröße von 34 bis 38. Plus Size ist ein Nischenmarkt, es gibt nur zwei Hände voll Plus-Size-Companies. Und die buchen Plus-Size-Models zwischen Größe 42 und 46, aber nicht Größe 54. Plus-Size-Models müssen aber auch gewisse Maße haben, damit das gut aussieht, da muss zumindest die Größe stimmen. Bei GNTM wird aber den Kandidatinnen versprochen "Du wirst GNTM" und dann glauben die das natürlich, das ist ja völlig in Ordnung. Aber wie soll das in der Realität funktionieren, wenn sie keine Jobs kriegen? Frau Klum hat selbst jahrelang diskriminiert und aufs Schärfste gemobbt, den Mädchen gesagt, sie müssen tipptopp in shape sein, an den Beinen darf nichts schlabbern, wenn sie über den Laufsteg laufen, sie müssen den Bauch einziehen. Oder auch Klums Kompagnon Thomas Hayo, der mal einem Mädchen vorgehalten hat, es könne nicht so viele Pommes mit Mayo essen. Als Modelagent hätte ich sowas nie sagen dürfen, das hätte ich viel freundlicher und viel vorsichtiger formulieren müssen. Klum hat das aber durch alle Staffeln durchgezogen und stellt sich heute hin und sagt "Das ist Diversity", obwohl sie ganz genau weiß, dass das mit Diversity nichts zu tun hat.

Sie äußern sich in Ihrem Buch sowohl kritisch gegenüber Plus-Size- aber auch Size-Zero-Models. Können Sie das näher erläutern?

Size Zero geht natürlich nicht. Wenn ein Mädchen anorektische Züge hat, können wir nicht mit ihm arbeiten. Das andere Extrem ist Plus-Plus-Size - damit meine ich nicht Größe 38 oder 40. Aber wenn ein 18-jähriges Mädchen bei mir am Tisch sitzt und Größe 46 trägt, dann rate ich ihm dazu, abzunehmen. Das ist nicht mehr gesund und man sieht den Mädchen oft an, dass sie sich nicht wohlfühlen. Models müssen nicht magersüchtig sein, das will auch keiner sehen. Leichte Kurven sind durchaus gewollt, aber die müssen ästhetisch und gesund aussehen.

Das geht in Richtung der Body-Positivity-Debatte.

Body Positivity ist von Leuten erfunden worden, die mit sich und ihrem Körper nicht zufrieden sind. Oder die ein Problem mit Diäten haben und es einfach nicht schaffen, abzunehmen. Die sagen dann stur: "Dann bleibe ich halt so und finde mich so schön!" Ich finde diese Debatte aber unehrlich, weil ich glaube, dass sich die Leute nicht wohlfühlen und auch der Betrachter findet das nicht schön. Diese Plus-Size-Debatte ist schwierig, aber im Modeljob kann man damit auf jeden Fall keinen Erfolg haben, damit wird man kein Topmodel.

Bei GNTM sind in dieser Staffel auch sogenannte Best-Ager-Models dabei, in die Top 10 haben es Martina Gleißenebner-Teskey (50) und Lieselotte Reznicek (66) geschafft. Wie erfolgreich können diese beiden tatsächlich noch werden?

Die können gar nicht mehr erfolgreich werden. Ich kann nicht glauben, dass sie noch dabei sind. Es gibt wirklich großartige, hübsche ältere Frauen: Uma Thurman, Jane Fonda, Lauren Hutton auf der Vogue fand ich großartig, Monica Bellucci bei James Bond, eine Wahnsinnsfrau. Die modeln neben der Schauspielerei, müssen davon aber nicht leben. Aber diese Lieselotte - da fällt mir gar nichts dazu ein. Die ist lustig und schiebt die Quote nach oben, aber sie ist kein Modeltyp. Auch Martina sehe ich gar nicht als Model und finde sie auch überhaupt nicht hübsch. Beide sind nur wegen der Quote dabei.

Kandidatin Viola war ein großer Fan-Liebling, bekam in der Show aber erstaunlich wenig Sendezeit, obwohl es Gerüchte gab, dass sie von Jan Böhmermann eingeschleust wurde. Jetzt ist sie bereits ausgeschieden und modelt direkt für Jean Paul Gaultier. Ist ihr Rauswurf bei GNTM das Beste, was Viola passieren konnte?

Ich finde Viola nicht gut. Sie hat jetzt zwar für Gaultier gemodelt, aber das ist halt Gaultier. Es war eine sehr extreme Kampagne, da passt sie gut rein. Aber sie ist kein Modeltyp.

"Wäre Leni nicht die Tochter von Heidi Klum wäre, würde kein Hahn nach ihr krähen"

Leni Klum startet auch schon als Model durch. Was halten Sie von ihr?

Sie sieht sehr durchschnittlich aus. Wenn sie nicht die Tochter von Heidi Klum wäre, würde kein Hahn nach ihr krähen. Leni Klum ist ein Celebrity-Girl, ein It-Girl.

Gibt es eine GNTM-Kandidatin (aus allen Staffeln), die in Ihren Augen ein echtes Model ist?

Lena Gercke hat eine beeindruckende Karriere gemacht, wenn auch eher im TV. Sie kann man als Model bezeichnen. Stefanie Giesinger finde ich gut, sie ist aber mehr im Influencer-Bereich unterwegs, ähnlich wie Mandy Bork oder Rebecca Mir. Aber als internationales Topmodel ist keine durchgestartet.

Schauen Sie sich GNTM an? Wer gewinnt die aktuelle Staffel?

Nein, ich kann mir das nicht mehr anschauen. Für mein Buch habe ich mich natürlich damit beschäftigt, aber mir fehlen die Worte, wenn ich das sehe. Als ich das letzte Mal reingeschaut habe, musste eine ihre furchtbare Lebensgeschichte erzählen und dadurch Mitleid erregen. Es ist völlig in Ordnung, aus einer Lebensgeschichte etwas fürs Fernsehen zu machen, aber nicht, wenn das Mädchen kein Modeltyp ist. Wer die aktuelle GNTM-Staffel gewinnt, kann ich daher nicht einschätzen. Das kann wahrscheinlich jemand von ProSieben besser beantworten: Wer am meisten Quote macht, wird am Ende wahrscheinlich gewinnen. Aus professioneller Sicht kann man das nicht beurteilen.

Zur Person: Marco Sinervo ist Gründer und Geschäftsführer von MGM Models, eine der größten Model-Agenturen in Europa. Zu seinen Aufgaben gehören unter anderem Modelcasting und Modelscouting. In seiner Agentur stehen 1.200 Models unter Vertrag, dazu kommen noch etwa 100 Influencerinnen und Influencer sowie Celebrities. Zu seinen Kunden gehören unter anderem Dior, Louis Vuitton, Zara, H&M, Hugo Boss und About You.
Sein Buch "Fame vs. Vake: Wie das Geschäft von Models und Influencern wirklich läuft", ist im mvg Verlag erschienen und kostet 17 Euro.

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