Drei Tage müssen Désirée Nick, Tobi Wegener und Sandy Fähse in "Prominent und obdachlos" auf der Straße leben. Sie bleiben davon erschreckend unbeeindruckt.

Felix Reek
Eine Kritik
von Felix Reek
Dieser Beitrag stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

"Die Prominenten wagen ein außergewöhnliches Experiment", erklärt der Sprecher gleich zu Beginn. Eine Schlüsselkombination, bei der es spätestens jetzt gilt, schnell den Sender zu wechseln. "Sozialexperiment", das steht seit "Big Brother" für viele vermeintlich ehrliche, persönliche Geschichten, das "echte Leben", das aus maximalem, vornehmlich voyeuristischen, Interesse ausgeschlachtet wird.

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Als besonders einfallsreich in diesem Genre hat sich in den letzten Jahren der "Biker, Busen, Büchsenbier"-Alliterations-Sender RTL 2 hervorgetan. Und sei es nur bei der gewohnt hart an der Satire kratzenden Namensgebung : "Prominent und obdachlos - Gosse statt Glamour" heißt eines der neuen Formate, das nun in die zweite Staffel geht. Der Inhalt ist angesichts des schillernden Titels nicht schwer zu erraten.

72 Stunden lang müssen drei Anführungszeichen-Prominente auf der Straße verbringen, um einen Eindruck zu gewinnen, wie ein Leben in Deutschland abseits der eigenen Handykamera sein kann. In der ersten Folge von "Prominent und obdachlos" sind das Désirée Nick, Tobi Wegener und Sandy Fähse. Die letzten beiden muss niemand kennen, der nicht tiefer in das Trash-Inventar der Privatsender eintauchen möchte. Der Sprecher ist sich zumindest sicher: "Sie sind reich, berühmt und beliebt." Die Antwort, auf wen der drei eine dieser drei Eigenschaften zutreffen soll, bleibt er schuldig.

Erstmal mit Haarspray das Make-up konservieren

Die haben sowieso ihre eigene Agenda. Désirée Nick will beweisen, dass sie auch etwas anderes kann als über Promis lästern. Und sprüht sich erstmal Haarspray ins Gesicht, damit das Make-up in den drei Tagen auf der Straße nicht abblättert. Sandy Fähse will Menschen helfen und wirft bereits in den ersten Minuten seine Isomatte weg. Tobi Wegener weiß wohl selbst nicht so recht, warum er dabei ist, ist sich aber sicher: "Man muss in Deutschland nicht obdachlos sein", denn es gibt "unendliche Hilfe vom Staat".

Wegener, der sich nach seinen Auftritten als Romeo mit Oberbekleidungs-Allergie in einigen Datingshows einen vergänglichen Namen gemacht hat, übernimmt in "Prominent und obdachlos" die Rolle des einfältigen aber durchweg netten Jedermanns. Ungläubig lauscht er auf der Straße dem Bericht von Heiko, der schon morgens um sechs die erste Flasche Bier aufmacht. Seine Tagesration: anderthalb Kästen und zwei Flaschen Pfefferminzschnaps. Am Ende wird Wegener vor einem sich übergebenden Clochard flüchten.

"Prominent und obdachlos": Die Mutter ist immer Schuld

Die beiden anderen Teilzeit-Obdachlosen sind weniger leicht zu schocken. Nick fragt den ersten, der nicht schnell genug wegrennen kann und den RTL 2 vor die Kamera zerrt, vollkommen ironielos: "Du bist hübsch, warum bist du auf der Straße?" Ihr Rat: "Warum suchst du dir nicht einen Job?" Der erklärt, dass er mit zehn Jahren mit Drogen anfing und von der Familie verstoßen wurde.

Die Schuldige hat Nick gleich gefunden: die Mutter. Ein Schema, das sich bei jedem Obdachlosen, die die Schauspielerin in der Folge trifft, wiederholen wird. Mit einer jungen Mutter auf der Straße, deren Kind beim Großvater lebt, geht Nick so hart ins Gericht, dass sie flüchtet. Die anderen mögen zwar keine Promis sein, das Lästern und Urteilen kann die Dschungelkönigin trotzdem nicht abstellen.

"Wenn ich das jetzt nicht mache, kriege ich kein Geld?"

Das Stichwort für Sandy Fähse, der eigentlich den Menschen mit seiner allumfassenden Weisheit auf der Straße helfen wollte. Seine Karriere abseits der Laienschauspiel-Soap "Berlin Tag & Nacht" verdankt er seinem unsozialen Umgang mit anderen C-Stars in diversen Formaten, die vor allem auf Krawall ausgelegt sind. Da es in "Prominent und obdachlos" keine gibt, legt er sich mit dem Produktionsteam an.

Als er betteln gehen soll, weigert er sich und fordert vehement, dass die Kamera ausgeschaltet wird. Vielleicht, weil sonst noch jemand mitbekommen könnte, warum er eigentlich hier ist: "Wenn ich das jetzt nicht mache, kriege ich kein Geld?", fragt er und flüchtet sich in eine Kirche. RTL 2 lässt sich aber nicht abschütteln, die haben schließlich schon ganz andere Promis den letzten Nerv gekostet. Als das Team ihm nicht einmal Kleingeld für die Toilette spendieren will, platzt ihm der Kragen und er flucht in Richtung Kamera: "Was für ein Arschloch!" Für die Obdachlosen hat er genauso wenig Verständnis: "Ich habe eher den Eindruck, dass die Leute verjunkt sind und deswegen nicht rauskommen", urteilt er.

Da so ein "Sozialexperiment" aber nur mit ein wenig Läuterung glaubwürdig unglaubwürdig ist, lernt Fähse am Ende einen Flüchtling aus Afghanistan kennen, der S-Bahnticket und Zimmer im Asylbewerberheim mit ihm teilt. Da wird selbst Fähse ein wenig nachdenklich. Allerdings nicht so sehr, als das er seinem neuem Freund nicht ein paar Horizontal-Ausschnitte aus "Berlin Tag & Nacht" auf dem Fernseher vorführen würde. Eine groteske Szene. Oder wie es der Sprecher sagen würde: "Eine einzigartige Erfahrung. Im wahrsten Sinne des Wortes." Was sollen da die Zuschauer erst sagen.

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