• Die Bundesregierung betont es immer wieder: In Deutschland müssen alle Zeichen auf "Energiesparen" stehen.
  • Denn die Gaslieferungen aus Russland durch Nordstream 1 haben drastisch abgenommen, Energiesouveränität von Russland ist das Ziel.
  • Solange das nicht der Fall ist, schwelt die Sorge: Was passiert, wenn Putin den Gashahn komplett zudreht? Experte Hans-Wilhelm Schiffer erklärt, was die einzelnen Bundesländer dann befürchten müssen.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen der Autorin bzw. des zu Wort kommenden Experten einfließen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

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Es ist ein Szenario, das in der Debatte um Energiesouveränität, Maßnahmen zum Gassparen und Füllstände immer wieder Thema ist: Putin könnte den Gashahn von heute auf morgen komplett zudrehen. In der jüngsten Vergangenheit hatte der Kreml die Liefermengen durch die Ostseepipeline Nordstream 1 bereits auf 40 Prozent der Kapazität begrenzt, dann für Wartungsarbeiten ganz unterbrochen und schließlich auf 20 Prozent eingeschränkt.

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Wie zuverlässig die Lieferungen sind, bleibt unklar. Zu einem Gas-Embargo als Sanktion gegen Russland hatte sich die Bundesregierung jedenfalls nicht durchringen können – zu unsicher für die eigene Versorgungs- und Wirtschaftslage, hatte es geheißen. Ein freiwilliges nationales Einsparziel von 15 Prozent ist im Gas-Notfallplan der EU allerdings schon festgehalten, Deutschland will sogar darüber hinausgehen. Was aber passiert, wenn Putin die Pläne mit einem Lieferstopp über NS 1 durchkreuzt?

Importanteil Russlands sinkt weiter

"Die Gaslieferungen aus Russland via Nord Stream 1 belaufen sich aktuell auf 17,6 Prozent des durchschnittlichen Gasflusses im Mai", sagt Energieexperte Hans-Wilhelm Schiffer. Der Importanteil Russlands an den Gesamtbezügen Deutschlands habe sich damit im Juli 2022 auf nur noch 10 Prozent reduziert.

"Neben diesen verringerten Gasflüssen aus Russland stehen Deutschland aber noch die norwegischen Mengen, die Lieferungen aus niederländischen Vorkommen und LNG zur Verfügung", erklärt er. Seit Jahresbeginn würde Flüssiggas zunehmend über den belgischen Grenzübergangspunkt geliefert.

Speicher füllen wird schwieriger

"Im bisherigen Jahresverlauf sind die Gasflüsse nach Deutschland um rund zwei Prozent höher als im entsprechenden Vorjahreszeitraum", informiert Schiffer weiter. Der Verbrauch an Erdgas in Deutschland liege aber mehr als 10 Prozent unter dem Vorjahreswert. "Die deutschen Speicher sind also kontinuierlich aufgefüllt worden", so der Experte.

Aktuell – mit Stand von Anfang August – beträgt der Füllstand rund 69 Prozent. Von nun an aber gelte: "Aufgrund der reduzierten Lieferungen aus Russland wird es schwieriger, die Speicher – wie vorgesehen – weiter zu füllen", schätzt Schiffer. Um dies dennoch zu erreichen, habe die Bundesregierung die Bemühungen verstärkt, in allen Bereichen Gas einzusparen und Gas in der Stromversorgung zu ersetzen. Ab Januar 2023 sollen außerdem schwimmende LNG-Importterminals zum Einsatz kommen.

Mangellage beim Gas ist im Winter vermeidbar

"Damit kann LNG auch direkt nach Deutschland geliefert werden", erklärt Schiffer. Die Bundesnetzagentur habe verschiedene Szenarien zur Gasversorgung für die kommenden zwölf Monate berechnet. "Danach kann – unter Inkaufnahme sehr niedriger Speicherfüllstände im Frühjahr 2023 – eine Mangellage im kommenden Winter selbst dann vermieden werden, wenn die Lieferungen aus Russland komplett ausfallen sollten", zeigt er auf.

Allerdings müsse der Gasverbrauch mindestens um 20 Prozent gesenkt werden, damit ein Komplettausfall des russischen Gases verkraftet werden könne. Ist dem nicht so, stellt sich die Frage, welche Bundesländer in Deutschland zuerst von einem Gas-Stopp betroffen wären. Träfe es Bayern härter als Hamburg und Sachsen schlimmer als Niedersachsen?

"Ziel ist eine gleichförmige Versorgung in Deutschland. Falls Kürzungen notwendig werden sollten, wäre eine regional gleiche Kürzungsquote anzustreben", sagt Experte Schiffer. Zur Sicherstellung der Versorgung in Süddeutschland sei das geplante LNG-Terminal Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern hilfreich: Dort gibt es Anbindungen für mehrere Pipelines.

Die Pipeline "Opal" transportiert Gas beispielsweise von Lubmin in Richtung Süden durch Brandenburg und Sachsen. Auch die Pipelines "Eugal" und "Gazelle" könnten Gas bis zum Importpunkt in Waidhaus bringen. "Abhängig von den Einlieferungen ab Lubmin wäre in Süddeutschland dann keine Schlechterstellung zu erwarten", meint Schiffer.

Die Gas-Speicher sind unterschiedlich voll

Im Falle einer Ausrufung der Notfallstufe, der dritten Eskalationsstufe des Notfallplans Gas, würde die Bundesnetzagentur das Gas entsprechend dem Notfallplan Gas zuordnen, erklärt der Experte. "Eine Priorisierung wird es nicht geben", ist er sich sicher. Es müsse aber auch im Einzelfall geprüft werden. "Die Bundesnetzagentur hat entsprechende Daten der Verbraucher erfasst, um angemessen reagieren zu können", sagt Schiffer.

Die Bundesländer, die näher an den noch gefüllten Gasspeichern liegen, bekämen nicht automatisch mehr Gas. Gasspeicher gibt es über das gesamte Bundesgebiet verteilt – vom bayerischen Breitbrunn bis zum Speicher in Kiel-Rönne. Die niedrigsten Füllstände weisen aktuell Speicher in Peißen in Sachsen-Anhalt (19,29 Prozent), in Etzel (39,57 Prozent) und Rehden (43,35 Prozent) in Niedersachsen auf. Der Speicher nahe Leipzig ist mit fast 88 Prozent gefüllt, der Speicher im bayerischen Inzenham sogar mit knapp 94 Prozent.

"Derzeit werden über das Trading Hub Europa auch die bayerischen Speicher gefüllt. Durch die Rettung von Uniper kann Uniper auch seine Speicher dort wieder befüllen", so Schiffer. Im Rahmen der Solidarität könnte außerdem auch Gas aus Österreich oder Italien in den Süden Deutschlands gelangen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hatte bereits verlangt, die Versorgung mit Erdgas für den Fall eines Mangels neu zu regeln. "Die aktuellen Priorisierungsregeln in einer Gasmangellage wurden für eine kurzfristige Unterbrechung einzelner Leitungen geschaffen", sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa).

Für die harte neue Energierealität müsse die Politik in Berlin und Brüssel neue Regelungen schaffen. "Diese hat alle Teile der Gesellschaft entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit in die Pflicht zu nehmen", so Russwurm.

Es gibt unterschiedliche Maßnahmen der Länder

Laut Medienberichten rechnet die Bundesregierung wohl mit einer akuten Gas-Knappheit im Winter. Dann könnte Gas zwar nicht im gesamten Bundesgebiet knapp sein, dafür aber in einzelnen Bundesländern.

Viele Städte und Kommunen haben bereits mit Maßnahmen reagiert, um Strom und Gas zu sparen. So hatte beispielsweise in Berlin Anfang Juli der Ältestenrat entschieden, dass die Klimaanlagen in den Regierungsgebäuden nur noch auf 26 bis 28 Grad kühlen sollen.

In Bayern kündigte die Stadt Augsburg an, die Beleuchtung an historischen Bauten ab- und die Straßenbeleuchtung herunterzuschalten, in NRW werden außerdem Brunnen-Aktivitäten gedrosselt sowie auf Warmwasser in Rathäusern, Museen und Sportstätten verzichtet.

In Niedersachsen reduzieren die Städte Wolfenbüttel und der Landkreis Peine beispielsweise die Wassertemperatur in öffentlichen Schwimmbädern, die Stadt Rendsburg in Schleswig-Holstein sagte die Eisbahn bei ihrem diesjährigen Weihnachtsmarkt ab, weil die Kühlaggregate zu viel Strom verbrauchen.

Gleichmäßige Versorgung als Ziel

Beim Bundeswirtschaftsministerium heißt es: "Klar ist, dass Flüssiggas an Küsten-Bundesländern anlandet – LNG Gas kommt ja zum großen Teil aus Tankern. Das heißt aber nicht, dass damit nur diese norddeutschen Länder versorgt werden", teilt Sprecherin Susanne Ungrad mit. Auch bisher sei Gas aus Pipelines gekommen, die zu einem Großteil nicht im Süden anlandeten. "Auch hier erfolgte eine Lieferung in süddeutsche Speicher", erinnert Ungrad.

Die Bundesregierung und insbesondere das Wirtschaftsministerium setze alles daran, schnellstmöglich aus russischen Gas-Importen auszusteigen und gleichzeitig die Versorgungssicherheit sicherzustellen. "Das betrifft natürlich ganz Deutschland", verspricht die Sprecherin. Allerdings seien letztlich die Unternehmen verantwortlich für den Gaseinkauf.

Über den Experten: Hon.-Prof. Dr. Hans-Wilhelm Schiffer ist Lehrbeauftragter an der RWTH Aachen University. Sein Lehr- und Forschungsgebiet ist vor allem die Technologie der Energierohstoffe.

Verwendete Quellen:

  • Anfrage beim Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz
  • Interview Hans-Wilhelm Schiffer
  • Morgenpost: Strom und Gas: So sparen Städte und Bundesländer Energie
  • Westdeutsche Allgemeine Zeitung: Füllstand der Gasspeicher, Gaspreis und Verbrauch - täglich aktuell. Stand 1. August 2022
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