Stefan Verra hat mit "Leithammel sind auch nur Menschen - die Körpersprache der Mächtigen" ein Buch herausgebracht, das die Gesten zeitgenössischer Politiker analysiert. Wir haben den Körpersprache-Experten gefragt, was es mit Donald Trumps "Gesichtsdisco" auf sich hat, warum Wladimir Putin auf "Oben ohne"-Fotos steht und welche Bedeutung Angela Merkels "Raute" zukommt.

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Herr Verra, hat Sie der körpersprachlich doch recht eigenwillige Donald Trump dazu inspiriert, das Buch zu schreiben?

Stefan Verra: Trump war eigentlich weniger ausschlaggebend. Ich analysiere ja seit mehr als zehn Jahren die Körpersprache von Politikern - insbesondere in Wahlkampfzeiten.

Was sich mit Trump allerdings verändert hat, ist, dass auch die Allgemeinheit Körpersprache jetzt stärker wahrnimmt.

Heißt: Bei Trump merkt sogar der Laie, dass hier mehr als Worte stattfinden. Insofern bin ich dem US-Präsidenten dankbar, da er das Thema Körpersprache der Allgemeinheit zugänglich gemacht hat.

Über Politiker sagen Sie: "Geheimnis ihrer Macht ist nicht, was sie sagen, sondern wie sie es tun." Das ist ein trauriger Befund. Bleibt denn bei den Menschen so wenig hängen?

Dem ist so, ja. Wenngleich ich den Begriff "traurig" nicht verwenden würde, weil er ein emotionaler ist.

Tatsache ist aber, dass wir unsere Alphatiere noch so wie in der Steinzeit auswählen. Wir entscheiden uns also für jene, die uns versprechen, unsere Ängste und Sorgen zu nehmen.

Trump etwa spiegelt mit seinen Gesten die Körpersprache der Ängstlichen und Frustrierten wider, indem er in seinen Reden schreit, schimpft und auf den Tisch haut. Seine Wähler denken dadurch, er würde ihre Sorgen kennen und sie verstehen.

Die Körpersprache des US-Präsidenten erzeugt bei ihnen in jenem Teil des Gehirns, in dem Emotionen wahrgenommen werden, eine Bindung fernab rationaler Überlegungen.

Fernab rationaler Überlegungen?

Ja. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Die Trump-Wähler haben von der Gesundheitsreform Barack Obamas am allermeisten profitiert.

Trump will ihnen "Obamacare" wieder nehmen, was die Leute aber wenig tangiert. Denn Trump hat sie bereits zuvor auf einer emotionalen Ebene erreicht und sich mit ihnen "connectet".

Also ist Trump das beste Beispiel dafür, wie wenig relevant der Inhalt ist?

Wie zweitrangig er ist. Wenn man Österreicher fragt, wofür ihr Bundeskanzler Sebastian Kurz steht, fallen den meisten nur drei, vier Schlagworte ein.

Das Gros der Leute denkt, er stünde für Veränderung. Dabei steht seine Körpersprache ganz eindeutig für Stabilität und die Erhaltung des Status-quo.

Wenn Gesten Inhalte überdecken, heißt das nicht umgekehrt, dass kleine Bewegungen dem Empfänger die Möglichkeit geben, mehr Inhaltliches wahrzunehmen?

Mir gefällt dieser Gedanke. Aber das würde bedeuten, dass Stamm- und Mittelhirn ausgeschaltet wären, wenn wir nur kleine Gesten sehen.

Es ist aber vielmehr so, dass sie lediglich etwas anderes signalisieren, etwa Stabilität und Reife. Kleine Gesten versprechen nur etwas anderes.

In Ihrem Buch sprechen Sie von Trumps "Gesichtsdisco". Was hat es damit auf sich?

Trump verzieht häufig den Mund, ohne es selbst wahrzunehmen oder korrigieren zu können.

Der Punkt ist, dass wir oft ein Gefühl der Sicherheit brauchen. Haben wir zum Beispiel Angst oder fühlen uns einsam, können wir die Arme verschränken oder uns sanft über die Arme streichen, um uns zu beruhigen. Wir generieren damit Stabilität und Sicherheit.

Wer sein Gesicht extrem verzieht, spürt seine Gesichtsmuskeln. Für Trump dürfte die "Gesichtsdisco", also dieses Verziehen seines Mundes, ebenso eine Form der Beruhigung sein, um sich selbst zu spüren.

Das passiert natürlich alles höchst unbewusst, denn Trumps Gesichtsmuskel tanzen ja auch in Situationen, in denen es im Grunde völlig unpassend ist - etwa damals bei seiner Inauguration.

Angela Merkel geht körpersprachlich einen völlig anderen Weg oder?

Absolut. Sie ist quasi das Gegenteil von Trump und spricht somit auch andere Emotionen an.

Merkels Gesten stehen klar für Konstanz und Beständigkeit. In der Körpersprache nennt man das "stabil".

Die Merkel-Raute ist ihr Markenzeichen und längst legendär. Welche körpersprachliche Bedeutung hat sie?

Die Kanzlerin wirkt mit dieser Handhaltung aktiver als zu Beginn ihrer Karriere. In der Körpersprache gibt’s ein Prinzip: Linien, die nach unten gehen, signalisieren weniger Aktivität als jene, die nach oben wandern.

Hintergrund: Es ist aufwändig, gegen die Gravitation anzukämpfen. Ist der Mensch entspannt, richtet sich der Körper entsprechend aus, und wir lassen alles runterhängen, um Kraft zu sparen.

Angela Merkel hat ihre Körpersprache im Laufe der Jahre adaptiert. Früher zeigten die Linien ihres Körpers stets Richtung Boden - Mundwinkel, Schultern, Arme und sogar die Frisur tendierten abwärts.

Heute verlaufen sie häufig horizontal oder sogar nach oben, was ungleich aktiver wirkt. Die Merkel-Raute gibt ihr aber auch Souveränität, denn dabei berühren einander auch leicht ihre Fingerspitzen, was auf einen niedrigen Cortisol-Spiegel schließen lässt, der wiederum Ruhe und Gelassenheit mit sich bringt.

Wird Merkel in einer Diskussion angegriffen, bleibt sie mit den Fingerspitzen stets ganz ruhig. Damit steht sie über den Dingen und zeigt, dass sie ein starkes Alphatier ist.

Wie steht es um die Körpersprache des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz?

Der Mann macht mit seinen 32 Jahren körpersprachlich vieles richtig gut und hat auch hohe Zustimmungsraten.

Österreich spielt derzeit international eine Rolle, die dem Land ob seiner Größe eigentlich gar nicht zusteht. Obwohl Kurz noch so jung ist, ist seine Körpersprache im Vergleich zu Donald Trump, Emmanuel Macron oder Wladimir Putin richtig alt.

An sich reduzieren Menschen im Laufe ihres Lebens Tempo und Umfang ihrer Bewegungen. Kurz hat dies schon in jungen Jahren getan, was ihn alt wirken lässt.

Zwar wird uns verkauft, dass er für Veränderung steht, seine Gesten vermitteln jedoch exakt das Gegenteil. Dass die Regierung in Österreich derzeit so beliebt ist, liegt aber auch an Vizekanzler Heinz-Christian Strache, dessen Körpersprache die Unzufriedenen abholt.

Der vernünftige Kurz und sein polternder Vize sind körpersprachlich ein gutes Doppel, das im Wesentlichen alles abdeckt. Käme es aber zu massiveren sozialen oder wirtschaftlichen Veränderungen, hätte es der Bundeskanzler mit seiner Beständigkeit vermittelnden Körpersprache aber vermutlich schwer.

Wandern wir nach Russland und zu Wladimir Putin, der sich auf Fotos gerne "oben ohne" zeigt. Warum eigentlich?

Damit spricht er etwas Archaisches an. Rettung und Sicherheit werden mit körperlicher Kraft assoziiert, die uns Probleme vom Hals schafft.

Mit seiner "Oben ohne"-Nummer und der Waffe in der Hand demonstriert er diese körperliche Fitness. Je größer die Not eines Volkes, desto besser funktionieren Bilder dieser Art.

Was lässt sich noch über Putins Körpersprache sagen?

Interessant bei ihm ist, dass er häufig Augenkontakt meidet. Sogar vor großem Publikum schafft er es oft nicht, das Publikum direkt anzusprechen. Wobei in der Körpersprache fehlender Augenkontakt nicht unbedingt als Schwäche interpretiert werden darf.

Tatsache ist aber, dass er im Zuge von Reden selten bis nie zu begeistern weiß. Es fehlt ihm einfach die Rampensau-Mentalität eines Trump.

Und er agiert körpersprachlich mehr wie ein Beamter aus der vierten Reihe. Seine Machtposition ist aber auch damit erklärbar, dass es in Russland an echten Alternativen mangelt.

Welche Dynamik entsteht, wenn zwei in Sachen Körpersprache völlig unterschiedliche Personen öffentlich diskutieren?

Grundsätzlich bleibt jeder Mensch bei seinem Temperament. Wir passen uns lediglich in Nuancen an. Entscheidender ist vielmehr, was bei den Zusehern einer Diskussion mit diesem Setting passiert.

Wir fokussieren in jedem Fall mehr die Person die sich mehr bewegt. Würden etwa Merkel und Trump miteinander diskutieren und Sie die Diskussion ohne Ton verfolgen, könnte es natürlich sein, dass die aggressiven Bewegungen von Trump bei Ihnen eher Ablehnung evozieren, Sie jene von Merkel hingegen wohlwollend wahrnehmen.

Dann finden Sie absurderweise Merkels Argumente vernünftiger.

Warum absurderweise?

Weil Argumente sich nicht ändern. Paradoxes Beispiel: Sagt Trump etwas Vernünftiges, werden Sie es vielleicht automatisch negativ einordnen.

Sagt Merkel exakt dasselbe, hätte sie vielleicht Ihre Zustimmung. Der gleiche Inhalt kann also mit anderer Körpersprache völlig anders ankommen.

Wodurch lässt sich die Vielfalt an Körpersprachen in der Spitzenpolitik erklären?

Die Körpersprache ist immer eine Tochter der Zeit. Die Befindlichkeit des Volkes muss in dem Moment vom Spitzenpolitiker gespiegelt werden.

Verspüren wir Unruhe, wollen wir an der Spitze des Landes einen unruhigen Geist wissen - egal, ob in Deutschland, Österreich, den USA oder Russland.

Sind wir der Ansicht, alles sei gut in unserem Land, möchten wir von Politikern regiert werden, die Besonnenheit und Stabilität vermitteln.

Stefan Verra, 45, stammt aus Lienz, wo er in einer Künstlerfamilie aufwuchs. Seit 1999 beschäftigt er sich mit dem Thema Körpersprache. Er ist Gastdozent, Coach und Autor ("Hey, dein Körper spricht", "Hey dein Körper flirtet", "Die Macht der Körpersprache im Verkauf"). Darüber hinaus hält er weltweit Vorträge zur Körpersprache für Unternehmen und Ärztekongresse und macht im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen das Thema für jedermann zugänglich.
Buchtipp:
Stefan Verra
Leithammel sind auch nur Menschen: Die Körpersprache der Mächtigen
Ariston, 256 Seiten, ISBN: 978-3-424-20202-1
€ 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,90* (*UVP)
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