• Weil er regelmäßig die Befindlichkeiten der Deutschen seit Beginn der Corona-Pandemie in tiefenpsychologischen Befragungen erkundet, kürte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Stephan Grünewald zum "Psychologen der Nation".
  • Anlässlich des Krieges in der Ukraine wurden die Studien des Kölner rheingold Instituts um dieses Thema erweitert.
  • Wie die Deutschen nach "Melancovid" nun auf die Bedrohung durch den russischen Aggressor Wladimir Putin reagieren, hat uns Grünewald im Exklusivinterview verraten.
Ein Interview

Herr Grünewald, Ihr Institut untersucht kontinuierlich die Verfassung der Deutschen seit Beginn der Corona-Pandemie*. Wie geht's uns aktuell?

Stephan Grünewald: Durch zwei Jahre Pandemie ist eine fast resignative Stimmung im Land entstanden. Zudem erleben wir seit etwa 2008 eine fast kafkaeske Krisenpermanenz: mit der Wirtschafts- und Finanzkrise, der Flüchtlingskrise, der Klimakrise und dann der Coronakrise. Das mündete bei vielen unserer Befragten in eine melancholische Stimmung. Viele haben sich in ihr privates Schneckenhaus zurückgezogen, fast ein Drittel fühlt sich antriebs- und lustlos. Wir haben diese Stimmung "Melancovid" genannt, sie geht mit einer gewissen schicksalsergebenen Gleichgültigkeit einher.

Nun ist auch noch der Angriff von Wladimir Putin auf die Ukraine dazugekommen. Wie wirkt sich das aus?

Er löst Kriegsangst bei den Menschen aus und wird als ein Ereignis empfunden, das ein unvorstellbares Eskalationspotenzial hat. Die Menschen sind in einer Art Schockstarre, sie erleben fast eine Unwirklichkeit. Das Leben hier funktioniert wie gewohnt, die Geschäfte sind geöffnet, man merkt höchstens am Benzinpreis und an der Inflationsrate, dass etwas anders geworden ist. Aber gleichzeitig blickt man in einen möglichen Abgrund: Wenn jetzt der Dritte Weltkrieg hereinbrechen sollte, dann hat nichts mehr Bestand und wir stehen vor dem Ende der Zivilisation.

Psychologe Grünewald: Krieg wie Corona-Pandemie lösen Ohnmacht bei den Menschen aus

Kann man psychologisch die Angst vor Corona und die Angst vor Krieg vergleichen?

Es gibt eine psychologische Gemeinsamkeit: das Ohnmachtserleben. Beim Virus waren wir mit einem unsichtbaren Erreger konfrontiert und haben durch Abstand halten, Maske tragen oder auch die Impfung immer wieder versucht, aus dieser Ohnmacht herauszukommen. Die Hoffnung, eine sichere Handhabe gegen das Virus zu haben oder zumindest selbst nicht mehr ansteckend zu sein, hat sich aber nicht erfüllt.

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Und beim Krieg?

Diese Ohnmacht haben wir bei der Kriegsproblematik auch, aber sie macht sich eher am russischen Aggressor, vor allem in Person von Wladimir Putin, fest. Er wird als komplett unberechenbar empfunden, sein Volk ist ihm offenbar egal und er scheint zu jeder Eskalation bereit zu sein. Man weiß nicht, welches Gegenmittel probat ist.

Sehen Sie eine gesamtgesellschaftliche Gefahr durch die immense psychische Belastung?

Die Corona-Pandemie hat uns als Gesellschaft erschöpft. Unser Seelenzustand ist im Energiesparmodus. Daher wäre es wichtig, mit anderen ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen, einen Alltag zu etablieren, der für die Menschen auch kleine Glücks- und Feiermomente beinhaltet.

Wie kommt man aus der aktuellen Schockstarre?

Indem man am Alltag festhält, hier und da die Normalität beschwört und kleine Ablenkungsmanöver startet. Zum Beispiel, indem man in die Arbeit eintaucht oder sich Herausforderungen stellt, die bewältigbar sind, die zu Erfolgserlebnissen führen. Ablenkungsmanöver können aber auch das Shoppen sein oder indem man Geburtstage oder andere Anlässe gebührend feiert, um den Kopf mal freizukriegen.

"Sparen sollte man sich das permanente Updaten durch Nachrichtenticker oder Push-Meldungen"

Wie kann ich als Individuum meine Angst, etwa vor einem Atomkrieg, in den Griff kriegen?

Die Nachricht vom 27. Februar, dass Putin seine Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt hat, war ein Schockmoment. So etwas ist nur dann aushaltbar, wenn man es im Alltag immer wieder weitgehend verdrängt. Sparen sollte man sich das permanente Updaten durch Nachrichtenticker oder Push-Meldungen. Man erwartet da eine erlösende Botschaft – die wird aber in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten und vielleicht auch Jahren nicht kommen. Da gerät man ins seelische Trudeln, weil man sich immer wieder die nächste Frustpackung abholt. Empfehlenswert ist es, sich stattdessen ein oder zwei Mal am Tag mit einer Zusammenfassung zu informieren.

Wie groß ist die Angst vor ökonomischen Konsequenzen?

Die Angst, zum Beispiel aus der Mittelschicht in prekäre Verhältnisse abzurutschen, weil man sich etwa die Energiekosten oder das Auto nicht mehr leisten kann, ist auf jeden Fall da. Die Besserverdienenden, die nicht diese existenzielle Angst haben, verbuchen das als eine Art Ablasshandel. Sie spenden, üben ein bisschen Verzicht und sehen die höheren Kosten als einen Akt der Solidarität.

Wie kommen die Menschen aus diesem Zustand der Fassungslosigkeit und Ohnmacht wieder heraus?

Zum Beispiel durch Solidaritätsbekundungen. Man merkt, dass man nicht allein ist mit seiner Ohnmacht. Das fängt damit an, dass man sich mit anderen über seine Ängste und Befindlichkeiten austauscht, daraus ergibt sich ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. Bei Demonstrationen, etwa hier in Köln, wo am Rosenmontag 250.000 Menschen zusammenkamen, empfindet man sich als Teil einer Masse, die auch etwas bewegen kann. Zumindest fühlt man sich für ein paar Stunden nicht mehr machtlos und freut sich, wenn die Bilder dieses Demonstrationszuges rund um die Welt gehen.

Gibt es noch weitere Bewältigungsformen?

Ja, indem ich Hilfsbereitschaft zeige. Auch das steht dem Gefühl der Ohnmacht entgegen. Spenden haben das bereits erwähnte Momentum des Ablasshandels. Man lindert damit auch seine eigene Not, hilflos zu sein. Einige hegen auch Fluchtgedanken, sollte sich die Eskalation weiter zuspitzen. Eine Person unter unseren Befragten, die selbst schon eine Migrationsgeschichte hinter sich hat, sagte zum Beispiel, sie habe immer einen gepackten Koffer bereitstehen, um für den Fall der Fälle schnell das Land verlassen zu können.

"Viele Bürger sind verblüfft über die Tatkraft und Entschlossenheit der Politik"

Haben Ihre Probanden Hoffnung, dass irgendwer diese Kriegssituation beenden und alles zum Guten wenden könnte?

Ja, auch das ist ein Bewältigungsmechanismus: Man hofft auf höheren Beistand. Darauf, dass entweder das russische Volk den Aggressor ablöst oder dass China mäßigend einwirkt und friedensstiftend aktiv wird oder die internationale Staatengemeinde, die UN, da etwas bewegen könnte.

Welches Bild haben die Menschen aktuell von der deutschen Politik?

Viele Bürger sind verblüfft über die Tatkraft und Entschlossenheit der Politik, vor allen Dingen der Spitzenpolitiker: Herr Scholz hat an Statur gewonnen, Frau Baerbock ist ständig unterwegs und wirkt auf einmal sehr klar, Herr Habecks Zerknirschtheit spiegelt das derzeitige Dilemma wider, dass es keine guten Lösungen gibt. Diese Aktivität bei den Politkern kontrastiert deutlich mit der abwartenden Fassungslosigkeit der Bürger.

Haben manche Ihrer Befragten den Wunsch geäußert, irgendwer möge Putin ermorden?

Ja, das klang durchaus an bei den Befragungen. Die meisten würden aber nicht von ermorden sprechen, sondern hoffen, dass er ausgeschaltet oder abgesetzt wird.

Und wie wird der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gesehen?

Das kann man mit David und Goliath vergleichen. Putin wird sehr stark dämonisiert, es herrscht die Vorstellung: Wer mit ihm Geschäfte macht, der paktiert mit dem Teufel. Der Davidsfigur Selenskyj attestiert man, ganz anders als Putin auf Augenhöhe mit seinen Landsleuten zu sein. Man hat das Gefühl, er schwört seine Leute ein und verlangt ihnen das Äußerste ab, ohne Hass zu säen.

*Angaben zur Methodik: "Aktuell wurden Anfang Februar in einer tiefenpsychologischen Pilot-Studie 40 Menschen in Gruppendiskussionen und Tiefeninterviews sinnbildlich je zwei Stunden auf die Couch gelegt. Aufbauend auf den qualitativ-psychologischen Explorationen wurde Mitte Februar zu ausgewählten Fragestellungen eine quantitative Befragung mit 1.000 Menschen bevölkerungsrepräsentativ (Alter, Geschlecht, Bundesland) in Deutschland durchgeführt. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine wurden zusätzlich 12 Menschen qualitativ-tiefenpsychologisch zu ihrer Befindlichkeit befragt."

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