Vermutlich haben Sie sich auch schon mal über den deutschen Staat aufgeregt und sich eventuell mit Ihrem Finanzbeamten angelegt. Doch die sogenannten Reichsbürger gehen noch einen Schritt weiter. Sie zweifeln die Existenz der Bundesrepublik Deutschland an – und sind dabei gefährlich.

Stellen Sie sich vor, eines Tages würde Ihnen jemand enthüllen, dass Deutschland gar kein souveränes Land sei und Sie kein Staatsbürger.

Staatsbürger? Nein, Angestellter

Man erklärt Ihnen, dass Deutschland nur eine riesige Firma sei und Sie, ob Sie es wollen oder nicht, nur ein Mitarbeiter dieser Firma.

Sie finden das vollkommen verrückt? Zurecht! Doch genau solche Dinge glauben sogenannte "Reichsbürger" mit krampfhafter Überzeugung.

Der Ursprung dieser Überzeugung liegt in der Feststellung, dass die Weimarer Reichsverfassung von 1919 nie außer Kraft gesetzt wurde. Und die Verschwörungstheorie zu einer "BRD GmbH" beruft sich auf diese Feststellung.

Gründe, warum Deutschland böse ist und man deshalb ein eigenes Königreich mit eigener Polizei gründen muss, gibt es für die Reichsbürger genügend.

Das Amtsgericht Duisburg hatte dies in einem Beschluss 2006 als "ideologisch bedingte Wahnvorstellungen" bezeichnet. Was albern klingt, wird für viele Behörden zur großen Herausforderung.

Ermittler bei RAF-Überfällen auf Geldtransporte ganz am Anfang.

Denn Reichsbürger kämpfen mit ungewöhnlichen Waffen: Sie bombardieren Ämter mit sinnlosen Anfragen und konfrontieren sie mit ihrer Ideologie, dass der Staat, auf dessen Verfassung sich die Beamten berufen, gar nicht existiert.

Auch die Staatsmacht der Polizei erkennen Reichsbürger nicht an, verwickeln die Ordnungshüter in lange Diskussionen und hantieren mit eigens ausgestellten Dokumenten - schließlich ist ein bundesdeutscher Führerschein in ihren Augen nur ein wertloses Stück Papier.

Die Polizei selbst hatte entsprechende Begegnungen in Pressebereichten dokumentiert, wie etwa bei einem Fall innerhalb der Dortmunder Polizei oder einer Verkehrskontrolle auf der A63 bei Göllheim.

Die Drangsalierung durch hirnrissige Anfragen und Debatten hat in manchen Regionen solche Ausmaße angenommen, dass beispielsweise das Brandenburgische Institut für Gemeinwesen einen Leitfaden für Beamte herausgegeben hat.

Darin wird erklärt, wie man mit Reichsbürgern und ihrer Ideologie umgeht.

Wer sind die Mitglieder?

Doch wer steckt hinter den Reichsbürgern? Ist es ein Sammelbecken rechtsradikaler Spinner und Verschwörungstheoretiker oder die vielzitierten "besorgten Bürger", die sich von der Bundesrepublik abwenden?

Es sind mitunter Menschen, denen durch ein Unglück die Existenzgrundlage geraubt wurde oder die durch sonstige Schicksalsschläge in Not geraten sind, meint Rechtsextremismus-Experte Dirk Wilking im Interview mit der "Märkische Allgemeine".

Ideologie, gepaart mit Wut und Frustration - genau das macht die Mitglieder so unberechenbar. Als Außenstehender fällt es einem schwer, sie aufgrund ihrer abstrusen Ansichten ernst zu nehmen.

Der Verfassungsschutz Sachsen hatte, ähnlich wie die Kollegen in Brandenburg, zu dem Thema eigens ein Informationsblatt herausgegeben, an dem sich auch Mitarbeiter von Ämtern und Behörden orientieren sollen.

Doch das Zumüllen von Ämtern mit Anfragen ist nur eine ihrer Strategien, erklärt Wilking. Die Angriffe kommen bei Reichsbürgern nicht immer nur per Papier – und enden immer öfter vor Gericht.

Anfang Januar wurden fünf Männer und eine Frau zu Freiheitsstrafen verurteilt – bis zu 30 Monaten ohne Bewährung.

Der Tatbestand: Freiheitsberaubung und gefährliche Körperverletzung sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Beihilfe zum Missbrauch von Uniformen.

Die Gruppe hatte einen Gerichtsvollzieher, der bei einer Pfändung 58,60 Euro vollstrecken wollte, "festgenommen" und dabei verletzt.

Diese Kreml-Kritiker starben gewaltsam oder unter dubiosen Umständen.

Milieu darf nicht unterschätzt werden

"Wir tun gut daran, dieses Milieu nicht zu unterschätzen oder als harmlose Spinner abzutun", sagt Andrea Johlige, eine Brandenburger Linke-Landtagsabgeordnete unserer Redaktion.

Es war auch Johlige, die durch eine parlamentarische Anfrage publik gemacht hatte, dass der Brandenburger Verfassungsschutz mittlerweile drei konkrete Gruppierungen beobachtet.

Denn bisher waren die sogenannten Reichsbürger mehr ein Überbegriff für einen Splitterhaufen unterschiedlicher Verschwörungstheoretiker.

Doch die Gruppierungen "Europäische Aktion" (EA), die "Exilregierung Deutsches Reich" und "Freistaat Preußen" wollen laut Verfassungsschutz die Szene vereinen.

Zwar geht man in Brandenburg von lediglich 200 und in der Reichsbürger-Hochburg Sachsen von gerade mal 300 Genossen aus. Dennoch gilt es, die Vereinigung zu verhindern, das weiß auch Andrea Johlige.

Denn die Folgen können weitreichender sein, als man es einzelnen Verschwörungstheoretikern zutraut: "Die aktuelle gesellschaftliche Situation mit zunehmender Fremdenfeindlichkeit und Rassismus kann die gesamte extreme Rechte stärken."