• Im Laufe des Sommers soll der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan beendet werden.
  • Die Hilfsorganisation Caritas International befürchtet eine Rückkehr zur Unsicherheit, wenn die ausländischen Truppen ein Machtvakuum hinterlassen.
  • Der deutsche Truppenkommandeur Ansgar Meyer ist überzeugt: Der Konflikt zwischen afghanischer Regierung und Taliban kann nur politisch gelöst werden.

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Ein besonders großer Brocken ist bereits geschafft: Einen 27 Tonnen schweren Findling aus den nordafghanischen Bergen hat die Bundeswehr im Mai vom Feldlager in Masar-i-Sharif nach Deutschland transportiert. Er wird in Potsdam an die im Einsatz gestorbenen Soldaten erinnern.

Doch die Arbeit geht weiter: Ausrüstung, Fahrzeuge, Hubschrauber muss die Bundeswehr in den kommenden Wochen nach Deutschland bringen. Das gesamte Material entspricht der Füllung von 800 Containern.

Spätestens im September endet für die Bundeswehr eine Ära: Nach fast 20 Jahren ziehen sich die deutschen Truppen aus Afghanistan zurück. "Für mich war das der Kern unseres Berufs", sagt der Brigadegeneral Ansgar Meyer im Gespräch mit unserer Redaktion über den Einsatz am Hindukusch. Der 56-Jährige ist Kommandeur des deutschen Einsatzkontingents sowie der NATO-Mission in Masar-i-Sharif.

"Die Bundeswehr ist hier erwachsen geworden", sagt Meyer. "Hier ist man mit echter Gewalt konfrontiert. Hier erlebt man, was militärische Einsätze und kriegsähnliche Zustände wirklich bedeuten."

Kampf gegen den Terror

Auslöser des Einsatzes in Afghanistan waren die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington. Da die Terrororganisation Al-Qaida damals auch unter dem Schutz des in Afghanistan herrschenden Taliban-Regimes operierte, setzte sich eine internationale Koalition unter Führung der USA zum Ziel, das radikalislamische Regime zu stürzen.

Nachdem die Taliban aus der Hauptstadt Kabul vertrieben waren, sollte die internationale Sicherheitsunterstützungstruppe ISAF – mit deutscher Beteiligung – Sicherheit gewährleisten und der neuen afghanischen Regierung helfen, Streitkräfte und Verwaltung aufzubauen. Das übergeordnete Ziel lautete: Von Afghanistan soll nie wieder eine terroristische Gefahr für die Welt ausgehen.

Nach dem Ende des Kampfeinsatzes folgte ab 2014 die Ausbildungsmission "Resolute Support". Insgesamt sind in den vergangenen 20 Jahren mehr als 160.000 deutsche Soldaten und Soldatinnen in Afghanistan gewesen. 59 von ihnen kamen dort ums Leben. Derzeit dürfen noch höchstens 1.300 Einsatzkräfte dort stationiert sein.

Umstrittener Abzug

Die Taliban sind allerdings immer noch nicht geschlagen. In den vergangenen Monaten haben sie sogar wieder Geländegewinne erzielt. Doch der Einsatz war in vielen Staaten stets umstritten.

2020 sagte die Regierung des damaligen US-Präsidenten Donald Trump den Taliban zu, die eigenen Truppen abzuziehen. Im April 2021 beschloss dann auch der Rat des Verteidigungsbündnisses NATO das Ende der Mission "Resolute Support". Nach jetzigem Stand soll die Rückverlegung der deutschen Truppen spätestens am 11. September dieses Jahres abgeschlossen sein.

Aus Sicht Afghanistans lautet die bange Frage: Was passiert nach dem Abzug? Werden die internationalen Truppen ein Machtvakuum hinterlassen, das die Taliban oder andere Terrorgruppen füllen werden?

Der afghanische General Sami Sadat sagte Ende April im Interview mit dem staatlichen amerikanischen Radioverbund NPR zwar, er habe keine Angst vor einem Kollaps. Das sieht aber nicht jeder so. Der Abzug schwäche sowohl die militärische Position als auch die Moral der afghanischen Sicherheitskräfte, sagte Thomas Ruttig, Co-Direktor des Forschungsnetzwerks "Afghanistan Analysts Network" im Interview mit dem Institut Montaigne.

Caritas International: "Einsatz hat Stabilität gebracht"

Auch Hilfsorganisationen sind in Sorge. "Es ist in Afghanistan in den vergangenen 20 Jahren unglaublich viel erreicht worden", sagt Vera Jeschke, Afghanistan-Referentin bei Caritas International, gegenüber unserer Redaktion. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist um zehn Jahre gestiegen, Mädchen können zur Schule, Frauen zur Arbeit gehen. "Jetzt fragen sich viele Afghaninnen und Afghanen, was von diesen Errungenschaften bleiben wird."

Der jetzige Abzug wirkt auf Jeschke überstürzt: "Wir müssen befürchten, dass die totale Unsicherheit vergangener Zeiten zurückkehrt. Wir sprechen uns nicht für mehr Soldaten und Militär aus, aber der Einsatz hat eine gewisse Stabilität gebracht und in großen Teilen des Landes Fortschritte ermöglicht."

Jeschke erwartet zwar, dass Caritas International auch weiter in Afghanistan arbeiten kann. "Unabhängige Hilfsorganisationen waren nie das erklärte Ziel der Taliban." Anders sehe es aber für Organisationen aus, die im Auftrag der afghanischen Regierung tätig sind.

Gefährdet sind auch Einheimische, die für die internationalen Truppen gearbeitet haben. Mehrere Hundert dieser sogenannten Ortskräfte der Bundeswehr haben bisher den Antrag gestellt, in Deutschland Schutz zu erhalten.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hat versichert, ihnen zu helfen. "Wir reden hier von Menschen, die zum Teil über Jahre hinweg auch unter Gefährdung ihrer eigenen Sicherheit an unserer Seite gearbeitet, auch mitgekämpft haben und ihren persönlichen Beitrag geleistet haben", sagte sie im April.

Fragile Sicherheitslage

Brigadegeneral Ansgar Meyer bezeichnet die aktuelle Situation als "schizophren": "Auf der einen Seite nehmen die Taliban an Friedensverhandlungen teil. Auf der anderen Seite erleben wir eine Offensive von ihnen. Die Gewalt liegt deutlich über dem Niveau der vergangenen Jahre. Die Sicherheitslage ist fragil."

Diese Sorge sei auch in der afghanischen Bevölkerung und bei den Verantwortlichen in Politik und Militär zu spüren. "Die meisten Menschen hier sind der internationalen Gemeinschaft sehr dankbar. Aber es besteht auch eine gewisse Angst, jetzt abrupt alleingelassen zu werden."

Der Kommandeur glaubt jedoch nicht, dass die Taliban die Regierungstruppen direkt überrennen werden. "Die afghanischen Sicherheitskräfte sind mit Luftwaffe und Spezialkräften gut aufgestellt. Der Standard ist durchaus mit dem von westlichen Staaten vergleichbar." Allerdings seien die Taliban ein schwieriger Feind: Sie verfolgen eine Guerilla-Taktik und nehmen auch auf zivile Opfer keine Rücksicht. "Ich persönlich glaube, dass weder die Sicherheitskräfte noch die Taliban diesen Konflikt für sich entscheiden können", sagt der Kommandeur.

Meyer ist überzeugt: Eine militärische Lösung wird es nicht geben. Gelöst werden könne der Konflikt nur auf politischem Wege – über Friedensverhandlungen und einen dauerhaften Waffenstillstand. "Der Druck der internationalen Gemeinschaft muss erhalten bleiben."

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Brigadegeneral Ansgar Meyer
  • Gespräch mit Vera Jeschke, Caritas International
  • Bundeswehr.de: 27 Tonnen voller Erinnerungen – Gedenkstein aus Camp Marmal in Deutschland angekommen
  • Bundeswehr.de: Beendigung des Einsatzes in Afghanistan
  • Institut Montaigne: Afghanistan After the US Withdrawal: An Elusive Peace
  • NPR.org: Afghan General Army Will Survive U.S. Troop Withdrawal
IDP Camp Demokratische Republik Kongo
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UN-Report: Aktuelle Zahlen zeigen Auswirkungen von Konflikten auf Zivilisten

Die Zivilbevölkerung, die in Konfliktgebieten lebt, wird wesentlich häufiger getötet oder verletzt als Mitglieder der Streitkräfte. 2020 haben die Vereinten Nationen 11.892 zivile Opfer allein in Afghanistan, Syrien und Jemen registriert. Der aktuelle Report von António Guterres, dem UN-Generalsekretär, zeigt das ganze Ausmaß.