• Der Chefvirologe der Berliner Charité Christian Drosten hat sich aus dem Corona-Sachverständigenrat zurückgezogen.
  • Mit Klaus Stöhr hat die CDU/CSU-Bundestagsfraktion nun ein neues Mitglied nominiert, das in der Corona-Pandemie teilweise kontroverse Standpunkte vertreten hat.
  • Nun soll der 63-Jährige an der Evaluierung der Corona-Maßnahmen der Bundesregierung mitarbeiten. Klaus Stöhr im Porträt.
Ein Porträt
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Der Corona-Sachverständigenausschuss bekommt ein neues Mitglied: Der 63-jährige Klaus Stöhr wurde von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion als Nachfolger von Christian Drosten nominiert. Ende April hatte der Chefvirologe der Berliner Charité das Gremium verlassen.

Der Sachverständigenausschuss soll bis zum 30. Juni einen Bericht zur Bewertung nicht-pharmazeutischer Maßnahmen in der Corona-Pandemie erarbeiten. Die Nominierung von Stöhr hat nach Informationen der Welt innerhalb des Ausschusses Verwunderung ausgelöst. Aufgrund der nahenden Deadline hatte man wohl nicht mehr mit einer Nachbesetzung gerechnet.

Klaus Stöhr: "Das ist eine Möglichkeit, die Pandemie-Bekämpfung zu verbessern"

Nach Angaben der Bild-Zeitung hat Klaus Stöhr die Nominierung durch die Union angenommen, will aber vor einem Beitritt zu dem Gremium seinen Aufgabenbereich und die genaue Vorgehensweise in Erfahrung bringen. "Das ist eine Möglichkeit, die Pandemie-Bekämpfung zu verbessern. Der Bericht der Sachverständigen-Kommission wird hoffentlich einige der schweren Defizite der Pandemie-Bekämpfung in Deutschland aufzeigen", so Stöhr zu Bild.

Während SPD und Grüne darauf drängen, so bald wie möglich einen konkreten Plan für den Herbst auszuarbeiten, will der dritte Koalitionspartner im Bunde, die FDP, den Bericht abwarten und ihn zur Grundlage künftiger Maßnahmen machen. Der Ausschuss-Vorsitzende Stefan Huster hatte allerdings zuletzt in der SZ bekannt gegeben, dass bis zum Stichtag am 30. Juni "keine wissenschaftliche Vollevaluation aller Maßnahmen" möglich sein werde.

Das liege an fehlendem Personal und dem Erkenntnisstand in der internationalen Wissenschaft. Die Welt berichtet dagegen, dass andere Mitglieder einen ausführlichen Bericht veröffentlichen wollen. Was genau Stöhr zu diesem Bericht beitragen kann, ist noch unklar.

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Gesundheitsminister Lauterbach über Stöhr: Kein Top-Virologe

Das Nachrücken Stöhrs hatte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion Tino Sorge über Twitter verkündet und gelobt: "Klaus Stöhr steht für einen pragmatischen und unaufgeregten Corona-Kurs und für eine transparente, datenbasierte Evaluation der Maßnahmen der letzten 2,5 Jahre. Auf seinen Rat als Virologe, Epidemiologe und langjähriger WHO-Praktiker ist Verlass."

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach scheint von Stöhr dagegen nicht viel zu halten. In einer ARD-Dokumentation im März hatte Lauterbach gesagt, dass in der Wissenschaft niemand auf die Idee käme, Stöhr als Top-Virologen zu bezeichnen; er sei nicht mit Christian Drosten zu vergleichen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Andreas Gassen begrüßte dagegen Stöhrs Nominierung: "Das wäre eine gute Entscheidung. Herr Stöhr steht für einen pragmatischen und sachlichen Kurs", heißt es in einer Pressemitteilung.

Arbeit bei der WHO und in der Impfstoffentwicklung

Klaus Stöhr hat Epidemiologie und Veterinärmedizin an der Universität Leipzig studiert und war dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Veterinärmedizinischen Fakultät beschäftigt. Er promovierte zum Thema der Methodik der Epizootiologie, die sich mit der Verbreitung von Krankheiten befasst, am Beispiel einer Virusinfektion von Tauben. Ab 1989 leitete er die Abteilung für Infektionskrankheiten am Institut für Epidemiologie und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten des Friedrich-Loeffler-Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit.

Nur drei Jahre später beginnt Stöhr für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu arbeiten, wo er zwischen 2001 und 2006 eine globale Agenda für den Kampf gegen Influenza mitentwickelt. Im Jahr 2003 entdeckte er mit seinem Team SARS-CoV-1 als Erreger von SARS. Nach seiner Zeit bei der WHO arbeitete er ein Jahr als leitender Berater für die Entwicklung von Impfstoffen gegen Influenza in der Abteilung für Immunisierung, Impfstoffe und Biologika der WHO, bevor er dann 2007 in die Impfstoffentwicklung der Pharmafirma Novartis wechselte. Seit 2018 arbeitet Stöhr als freier Berater und betreibt das Netzwerk covid-strategie.de.

Klaus Stöhr fordert Corona-Stufenplan für den Herbst

Während der Gesundheitsminister vor einer kritischen Situation im Herbst warnt, blickt Stöhr dem Herbst gelassener entgegen. Der Virologe fordert, man sollte jetzt keine einzelnen Maßnahmen für den Herbst diskutieren, sondern über einen Stufenplan nachdenken: "Man muss jetzt darüber reden, welche Parameter man misst, an denen man dann Maßnahmen festmacht", so Stöhr beim Fernsehsender Welt.

Das könne zum Beispiel die Belegung von Normalstationen oder Intensivstationen in Krankenhäusern sein oder auch der Anteil an Positivtesten. "Und dann gibt es Wahrscheinlichkeiten, welche Szenarien eintreten und welche unwahrscheinlich sind. Dazu gehört die Killervariante und das ganze Drohszenario, was man vom Gesundheitsministerium aufbaut", kritisiert Stöhr in Richtung Karl Lauterbach.

Seine Positionen in der Pandemie: Kontroversen und Diskussionen

Auch in der bisherigen Pandemie hat sich Stöhr öffentlich geäußert. Im Dezember 2020 lobt er Schweden im Interview mit ntv für das Offenhalten der Schulen und Kitas. Im Januar 2021 erklärt Stöhr im Interview mit dem Merkur das Ziel einer Inzidenz von 50 für unrealistisch und plädiert bereits einen Monat später für eine langfristige Strategie auf der Basis einer Bewertung der Evidenz bereits genutzter Maßnahmen in einem Gastbeitrag bei der Welt.

Im Sommer 2021 erklärt er beim MDR, dass die Zahlen und Fakten zur Delta-Variante nicht dafürsprechen würden, "dass wir es wirklich mit einer dramatischen Veränderung zu tun haben." Bei ZDF Heute warnt er dann vor Panikmache und prognostizierte im Hinblick auf den Herbst 2021, dass es zwar eine Atmungserkrankungswelle geben werde, aber "die Sterbefälle, schwere Erkrankungen, die Intensivstation-Belegungen werden anders sein als im letzten Jahr, viel weniger, weil hoffentlich sehr viele Menschen über 50 sich haben impfen lassen."

Karl Lauterbach weist dagegen in derselben Sendung darauf hin, dass die Delta-Variante die bislang gefährlichste Variante sei, da sie ansteckender und resistenter gegen die Impfung sei. Der Sommer sei gesichert, allerdings bereite ihm der Herbst Sorgen: "Im Herbst wird die Zahl der Infizierten insgesamt steigen und darauf müssen wir vorbereitet sein." Damit sollte der heutige Gesundheitsminister recht behalten.

Stöhr spricht über Corona als Atemwegserkrankung

Anfang Oktober 2021 fordert Stöhr in der Neuen Osnabrücker Zeitung entgegen der Empfehlung des RKI, Masken an Schulen abzuschaffen und spricht bei Maybrit Illner im ZDF von Covid als Atemwegserkrankung. In derselben Sendung weist ihn Karl Lauterbauch darauf hin, dass Corona vielmehr eine Gefäßerkrankung sein könne, die viele Organe betreffe. Das zeigt sich vor allem bei den Langzeitfolgen, zu deren häufigsten Symptomen laut WHO eine krankhafte Erschöpfung, Atemnot und kognitive Störungen gehören.

Dass Corona viele Organe befallen kann, legte jüngst beispielsweise ein Preprint der Studie von Daniel Chertow und seinem Team vom National Institute of Health nahe. Bei der Autopsie von 44 Corona-Patienten, die bis zu sieben Monate vor ihrem Tod Corona-positiv waren, fanden die Forscher – sowohl bei milden Verläufen als auch bei ursächlich an Corona gestorbenen Personen – Virus-Erbmaterial in fast allen Organen. Natürlich werden die Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung aber noch weiter erforscht.

Klaus Stöhr zu Impfstoffen: Besser wird es nicht

Bezüglich der künftigen Strategie gegen Corona erklärt Stöhr dann im Interview mit Phoenix im März 2022: "Mehr und bessere Impfstoffe gibt es nicht, ein besseres Gesundheitssystem gibt es nicht und bessere Medikamente." Dabei läuft gerade die Impfstoffentwicklung derzeit auf Hochtouren. Vor allem von nasalen Impfstoffen für eine lokale und sterile Immunität verspricht man sich viel. Die Berliner Charité und die FU Berlin haben dazu kürzlich erste Ergebnisse präsentiert.

Emanuel Wyler vom Max-Delbrück-Centrum sagt zur Wirkung des Impfstoffs bei ersten Tests mit Hamstern dem Tagesspiegel: "Das Immungedächtnis wurde sehr gut angeregt und auch die Schleimhäute waren durch eine hohe Konzentration von Antikörpern sehr gut geschützt. Besser sogar als nach einer natürlichen Infektion. Auch die für den Geruchssinn verantwortlichen Nervenzellen wurden geschützt."

Stöhr spricht von "Endemie" und fordert Anpassung der Maßnahmen

Unabhängig von der Entwicklung weiterer Impfstoffe bereitet sich die Politik nun auf den Herbst 2022 vor. Stöhr fordert dazu im Gespräch mit Cicero, die Maßnahmen an die Tatsache anzupassen, dass die Schwelle zur Endemie aus epidemiologischer Sicht überschritten sei.

Berit Lange, Leiterin der klinischen Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, erklärt im SWR, dass "Endemie" zunächst meint, dass eine bestimmte Infektion in einer bestimmten geografischen Region vorkommt, ohne dass es größere Schwankungen in den Fallzahlen gibt. Mit einer Endemie wird das Virus aber nicht automatisch harmloser.

Der evolutionäre Druck, ungefährlicher zu werden, um als Virus nicht all seine Wirte auszulöschen, ist bei Corona nicht so hoch, da ein Großteil der Ansteckung bereits vor den Symptomen erfolgen kann. "Das Virus wird immer gefährlich bleiben für den Einzelnen. Insbesondere dann, wenn man nicht geimpft ist oder eben keine Immunität hat", so Lange. Und Omikron ist noch nicht das Ende der Fahnenstange.

Stöhr über BA.5 im Herbst und einen möglichen Sommerpeak

Die neue Variante BA.5, die derzeit in Südafrika und Portugal für den Anstieg der Fallzahlen wesentlich verantwortlich ist, nimmt laut Wochenbericht des RKI auch bei uns anteilmäßig zu. Klaus Stöhr erwartet daher "vielleicht auch einen Sommerpeak, aber an Fällen beziehungsweise asymptomatischen Fällen, aber nicht auf den Intensivstationen." Es gebe viele Menschen in Deutschland, die noch nicht geschützt seien, so Stöhr.

Mit Blick auf den Herbst prognostiziert Stöhr daher bei Welt: "Es wird ohne Zweifel eine heftige Atemwegssaison geben. Die gibt es jedes Jahr. In diesem Jahr noch stärker, weil immer noch in Deutschland sehr viele Menschen keine Immunität haben und es noch eine gewisse Anzahl an Ungeimpften gibt. Wie groß die Immunlücke ist, das kann keiner sagen."

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Natürliche Infektion oder Impfung: Problematik bei Omikron

Eine aktuelle Studie der TU München in Nature belegt, wie bisherige Erkenntnisse darauf hinweisen, dass eine starke Immunität bei drei Kontakten mit dem Virus – über die Impfung oder die natürliche Infektion – erreicht ist. Eine Infektion mit Omikron bei Ungeimpften scheint aber nur einen relativ schwachen Immunschutz gegen andere Corona-Varianten zu bieten, wie eine Mitte Mai in Nature publizierte Studie des Gladstone Institutes in San Francisco nahelegt.

Ungeimpfte, die sich mit Omikron infizieren, müssten für eine robuste Immunität also am besten von einer Impfung überzeugt werden. Eine gezielte Impfkampagne könnte also – auf Basis einer entsprechenden Datenlage – das Mittel der Wahl sein. Klaus Stöhr hatte bei der Welt bereits eine Immunstudie gefordert und geschlussfolgert: "Dann macht man eine spezifische Impfkampagne genau für die." Wie erfolgreich diese wäre, bleibt aber fraglich.

Auf Anfrage des FDP-Politikers Wolfgang Kubicki, ob eine "eigene repräsentative Untersuchung zur SARS-CoV-2-Seroprävalenz in der Gesamtbevölkerung" geplant sei, hatte die Parlamentarische Staatssekretärin Sabine Dittmar allerdings auf bereits bestehende Studien verwiesen, die vom RKI kontinuierlich ausgewertet würden. Der reine Nachweis des Antikörperstatus habe "keine Aussagekraft bezüglich der Ausprägung des Immunschutzes."

Verwendete Quellen:

  • ardmediathek.de: Konfrontation: Markus Feldenkirchen trifft Karl Lauterbach
  • alpbach.org: Dr. Klaus Stöhr
  • assets.researchsquare.com: SARS-CoV-2 infection and persistence throughout the human body and brain
  • bild.de: Stöhr ersetzt Drosten
  • cicero.de: Corona ohne Ende(mie): Deutschland in der Dauerschleife?
  • dserver.bundestag.de: Schriftliche Fragen mit den in der Woche vom 23. Mai 2022 eingegangenen Antworten der Bundesregierung
  • kbv.de: KBV-Chef befürwortet Drosten-Nachfolger Klaus Stöhr
  • mdr.de: Virologe Stöhr: Keine dramatischen Auswirkungen durch Delta-Variante
  • merkur.de: Virologe kritisiert Merkels Corona-Strategie: „Zielwert illusorisch“
  • nature.com: Limited cross-variant immunity from SARS-CoV-2 Omicron without vaccination
  • nature.com: Three exposures to the spike protein of SARS-CoV-2 by either infection or vaccination elicit superior neutralizing immunity to all variants of concern
  • new.un.org: WHO announces discovery of virus that causes SARS
  • noz.de: Virologe Klaus Stöhr: Weg mit den Masken an Schulen
  • ntv.de: „Machen nicht so viel anders als Schweden“
  • portal.dnb.de: Zur Gegenstandsbestimmung sowie Methodik der Epizootiologie und Ableitungen zu epizootiologischen Untersuchungsgängen am Beispiel der Paramyxovirusinfektion der Tauben
  • rki.de: Vorbereitung auf den Herbst/Winter 2021/22
  • rki.de: Wöchentlicher Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19); 02.06.2022 – AKTUALISIERTER STAND FÜR DEUTSCHLAND
  • sciencedirect.com: The Global Agenda on Influenza Surveillance and Control
  • sueddeutsche.de: „Viele wollen natürlich nachträglich ihre Positionen bestätigt sehen“
  • swr.de: Auch eine Corona-Endemie könnte gefährlich sein
  • tagesspiegel.de: Können nasale Lebendimpfstoffe die Pandemie beenden, Herr Wyler?
  • twitter.de: Interview Phoenix Klaus Stöhr
  • twitter.de: Tino Sorge
  • welt.de: Bei der Pandemie-Bekämpfung brauchen wir endlich eine nationale Strategie
  • welt.de: „Das ist ein normaler Effekt, den man beim Auslaufen der Pandemie erwarten muss
  • welt.de: Verwirrung um Berufung von Klaus Stöhr in Corona-Sachverständigenrat
  • who.int: A clinical case definition of post COVID-19 condition by a Delphi consensus, 6. October 2021
  • zdf.de: Lauterbach und Stöhr zur Delta-Debatte
  • zdf.de: Geimpft, getestet, genervt – mehr Freiheit wagen?
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