Der Macher des Ibiza-Videos Julian Hessenthaler spricht nach zweieinhalb Jahren Gefängnis exklusiv mit CORRECTIV über das Entstehen des Videos und über seine Haft in Österreich. Interne Dokumente wecken Zweifel an dem Strafprozess gegen ihn.

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Im ersten Interview nach seiner Freilassung äußert sich Julian Hessenthaler über die Entstehung des Ibiza-Videos und wirft der österreichischen Justiz vor, ihn zu Unrecht verurteilt zu haben. Er zieht nun vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (ECHR). Sein Anwalt legte dort Beschwerde ein.

"Von maßgebenden Beamten des österreichischen Innen- und Justizministeriums" sowie des Bundeskriminalamts sei versucht worden, "vor und nach der Veröffentlichung des Ibiza-Videos" Hessenthaler "durch eine strafrechtliche Verfolgung von Drogendelikten 'mundtot' zu machen", heißt es in der Beschwerde, die CORRECTIV vorliegt.

Interne Dokumente aus dem Prozess, die CORRECTIV nun einsehen konnte, bestärken die Zweifel an dem Verfahren gegen Hessenthaler. Unter anderem geht aus einem Schreiben der Justizanstalt hervor, dass die Staatsanwaltschaft selbst die Anwaltspost mitlesen konnte. Sie sollte "erst nach erfolgter Zensur an den Insassen" übergeben werden.

Hessenthaler ist der Macher des Ibiza-Videos

Bekannt geworden war Hessenthaler als Urheber des sogenannten Ibiza-Videos, das 2019 einen der größten politischen Skandale Europas auslöste. Auf der Ferieninsel Ibiza hatte Hessenthaler ein Treffen von zwei FPÖ-Parteigrößen mit einer angeblichen Oligarchennichte organisiert und heimlich gefilmt. Der Film zeigte Heinz-Christian Strache, den damaligen Chef der rechtspopulistischen FPÖ und späteren Vizekanzler Österreichs, im Gespräch über mögliche Korruption.

Strache und sein Vertrauter Johann Gudenus, damals ebenfalls FPÖ-Politiker, besprachen Wege der illegalen Parteienfinanzierung und den Einsatz von Staatsaufträgen im Austausch für Wahlkampfunterstützung. Konkret: den Kauf der auflagenstarken Kronen Zeitung als potenzielles Werbeblatt für die Partei im Gegenzug für staatliche Aufträge. Die Veröffentlichung des Videos zwei Jahre nach der Aufnahme führte zu einer Regierungskrise unter dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Nun spricht Hessenthaler erstmals öffentlich nach seiner Freilassung in einem Video-Interview mit CORRECTIV über die folgenschwere Video-Aufnahme und nennt bisher unbekannte Details.

Ursprung der Ibiza-Affäre: Eine erste Undercover-Falle geht schief

Die Idee für das Ibiza-Video entstand bei einem Restaurantbesuch. Folgt man Hessenthalers Erinnerungen, saßen er und ein befreundeter Anwalt im Jahr 2016 in einem Wiener Gasthaus. Der Anwalt verknüpfte Hessenthaler mit dem Fall Strache: Der Jurist vertrat damals einen an Krebs erkrankten Bodyguard des FPÖ-Chefs Strache, den dieser entlassen hatte. Von dem Bodyguard bekam der Anwalt belastende Dokumente und Fotos und suchte nun nach mehr Material gegen Strache.

Hessenthaler ist Detektiv, Intelligence Analyst, sagt er. Mit seiner Firma führte er damals Rechercheoperationen für private Unternehmen und staatliche Behörden aus – es ging um organisierte Kriminalität, um Zigarettenschmuggel. Er galt als talentierter Tippgeber.

Die Idee des Anwalts: Der Detektiv Hessenthaler sollte Strache und seinem Umfeld eine Falle stellen, um den belastenden Dokumenten des Bodyguards mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Die erste Falle war schnell gestellt

Hessenthaler erinnert sich, gesagt zu haben: "Wenn du das ernst meinst, musst du halt Geld hinlegen." Und der Anwalt zahlt. Laut Hessenthaler investierte er für den ersten Coup rund 30.000 Euro. Der Anwalt bestätigt das grundsätzlich. Gegenüber CORRECTIV sagte er, dass er sich "nicht genau erinnern kann, ob es 30.000 oder 40.000 Euro waren."

Die erste Falle war schnell gestellt: Hessenthaler hatte einen Zugang zu Johann Gudenus, dem damaligen Vizebürgermeister von Wien und engen Parteifreund von Strache. Eine angebliche russische Oligarchennichte war im Grandhotel bereit, Gudenus Grundstücke für einen überhöhten Preis abzukaufen. Alles war pompös inszeniert, allerdings hatte der Detektiv Hessenthaler in den versteckten Kameras die Speicherkarten vergessen.

Das Ibiza-Video soll in nur 48 Stunden umgesetzt worden sein

Der Anwalt und Hessenthaler wollen die Video-Falle wiederholen. "Wenn wir es einmal schaffen, schaffen wir es auch ein zweites Mal", so Hessenthaler im Interview mit CORRECTIV. Der neue Drehort ist die Mittelmeerinsel Ibiza.

Hessenthaler erinnert sich, dass es schnell gehen sollte: "Jetzt ist der Moment, wo niemand so viel nachdenken darf", sagt Hessenthaler im Interview. Denn sonst hätte die Gefahr bestanden, dass die Tarnung aufgeflogen wäre. Strache und Gudenus hätten nur anfangen müssen, "Checks" durchzuführen, sagt der Detektiv. "Unsere Legende ist nicht dicht genug, um dem standzuhalten."

Zeit und Geld seien knapp gewesen. "Ibiza war Planung bis Ausführung 48 Stunden", so Hessenthaler im Interview. Sie hätten die Finca buchen, Flugtickets besorgen, eine Limousine auftreiben und das Kameraequipment beschaffen müssen.

So treffen Gudenus und Strache erneut auf die vorgebliche Oligarchennichte. Die Einsätze werden höher als im ersten Gespräch. Gudenus will sie sogar überreden, die in Österreich einflussreiche Kronen Zeitung zu kaufen. Diesmal klappt die Aufnahme.

Zwei Jahre lang bleibt das Material verborgen.

Im Mai 2019 wurde dann über das Ibiza-Video berichtet

Im Mai 2019 veröffentlichten die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel die Ibiza-Geschichte. Hessenthaler hatte sich zuvor mit den deutschen Medien in Verbindung gesetzt und ihnen das Material zugespielt.

Die Veröffentlichung führte zu einem politischen Beben. Und die Jagd auf den Detektiv begann. In Wien wird eine Sonderkommission, die Soko "Tape", gegründet. Allerdings wird schnell klar, dass Hessenthaler sich nicht wegen des Videos strafbar gemacht hat.

Wenige Monate nach der Ausstrahlung des Ibiza-Videos verhaftet die Polizei ein Paar und findet bei der Hausdurchsuchung Kokain. Beide sollten später zu den Hauptbelastungszeugen im Verfahren gegen Hessenthaler werden. Die Fahndung läuft nun gegen Hessenthaler, der wegen Drogenhandels verdächtigt wurde. Er wurde in Berlin verhaftet, nach Österreich ausgeliefert und verurteilt. Hessenthaler beteuert im Interview mit CORRECTIV seine Unschuld.

Fragwürdige Urteilsbegründung: Kaum Dokumente und fragwürdige Zeugenaussagen

Der Belastungszeuge Slaven K. war ein Mitarbeiter von Hessenthaler, er war aber offenbar auch eine Vertrauensperson des österreichischen Bundeskriminalamtes. Und er soll Geld bekommen haben, um Informationen über Hessenthaler zu sammeln. Hessenthaler sagt zudem, er habe Slaven K. mehrmals an einem bayerischen Rückzugsort getroffen, da er hoffte, dieser könne den Behörden in Wien Informationen über das Ibiza-Video übermitteln. Belege zu dem Besuch sind nicht bekannt. K.s Anwalt schreibt auf Anfrage, sein Mandant wolle sich in dieser Angelegenheit nicht mehr äußern.

Doch der Plan ging nicht auf. Die Aussagen des Zeugen brachten Hessenthaler ins Gefängnis und ließen den Macher des Ibiza-Videos als Drogendealer erscheinen.

CORRECTIV liegen interne Dokumente vor, die die Zweifel an dem Gerichtsverfahren stärken. Unter anderem sind Vernehmungsprotokolle und die Urteilsbegründung widersprüchlich.

Anfang April wurde Hessenthaler aus dem Gefängnis entlassen

Ein Beispiel: Die Freundin von Slaven K., die die zweite Zeugin in dem Verfahren gegen Hessenthaler war, gab bei der Vernehmung an, wie rüde sie mit Hessenthaler umgegangen sei. In dem vorliegenden Vernehmungsprotokoll sagt die Frau, sie habe Hessenthaler "in den Schwitzkasten genommen". Und weiter: "Julian hat gezappelt". Erst als Hessenthaler einen "bordeauxroten Kopf" hatte, habe sie ihn losgelassen, heißt es im CORRECTIV vorliegenden Vernehmungsprotokoll.

Der Richter drehte die Szene im Urteil dann nochmal weiter: Nicht die Frau habe Julian Hessenthaler in den Schwitzkasten genommen, sondern Hessenthaler habe "sie gewarnt und dabei in den Schwitzkasten genommen", heißt es in der vorliegenden Urteilsbegründung. Die Vernehmungsprotokolle und die Urteilsbegründung sind widersprüchlich. Der Richter habe die "Zweifel an der Beweislage" im Verfahren nicht berücksichtigt, heißt es in der Beschwerde an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Anfang April ist Hessenthaler aus dem Gefängnis entlassen worden.

Hessenthaler hat mit dem Ibiza-Video den wohl schillerndsten Politskandal in Europa ausgelöst. Die Affäre führte zum Sturz der österreichischen Regierung. Eine ausführliche Fassung der Aussagen von dem Macher des Ibiza-Videos finden Sie exklusiv bei CORRECTIV im ausführlichen Interview.

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