Die Proteste und Streiks in Belarus kommen nicht zum Stillstand, ihr Ausgang ist völlig ungewiss. Fünf Menschen aus Minsk haben unserer Redaktion erzählt, wie sie auf die zurückliegenden Tage blicken und was sie dazu bringt, weiterhin auf die Straße zu gehen.

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So etwas hat es in Belarus noch nicht gegeben. Seit nunmehr fast zwei Wochen protestieren im ganzen Land Zehntausende gegen Alexander Lukaschenko. Gegen den – zumindest laut offiziellem Wahlergebnis – bereits zum fünften Mal wiedergewählten belarussischen Präsidenten, der seit nunmehr 26 Jahren das EU-Nachbarland autoritär regiert.

Der offensichtlich torpedierte Wahlprozess und die manipulierte Abstimmung am 9. August lösten Massendemonstrationen aus, denen eine Streikwelle folgte. Der Ausgang der Proteste ist derzeit völlig ungewiss, alles scheint möglich: Ein friedlicher Machttransfer genauso wie eine brutale Niederschlagung der Protestbewegung.

Wie aber werden die Proteste im Land selbst wahrgenommen? Fünf Belarussen aus Minsk haben unserer Redaktion erzählt, was sie in den vergangenen Tagen erlebt haben. Was sie antreibt, weiterhin auf die Straße zu gehen. Und was ihre Hoffnungen und Ängste sind.

"Ich fühlte mich wie in einem anderen Land"

Zmicier Chviedaruk, 32, Theologiestudent:

"An dem Tag der Stimmabgabe bin ich faktisch noch im Wahllokal festgenommen worden – weil ich mich beim Wahlleiter über ein großes Loch in der Urne beschwert hatte. Er unterstellte mir, die Abstimmung mutwillig zu stören, und rief deshalb die Polizei. Die kam in Form von mehreren Männern in Trainingsanzügen, die mich aufforderten, mitzukommen oder sie würden mich zusammenschlagen. Ich folgte natürlich, meine Frau und Freunde blieben zurück. Die Polizisten in Zivil brachten mich zuerst in eine Polizeiwache, am Abend wurde ich dann in die berüchtigte Haftanstalt Okrestino verlegt.

Sie steckten mich in eine kleine Zelle und nahmen mir alle Habseligkeiten ab. Sie schlugen mich – aber im Vergleich zu dem, was sie anderen antaten, blieb es im Rahmen. Mein Glück war, dass ich noch vor Beginn der Proteste eingeliefert wurde. Bei denen, die nach mir kamen, kannten die Wärter kein Erbarmen. Ich konnte aus dem Zellenfenster sehen, wie sie die Leute im Innenhof verprügelten. Männer in Masken droschen auf sie ein. Von morgens bis abends. Immer wieder.

Am vergangenen Freitag – nach fünfeinhalb Tagen – wurde ich endlich entlassen. Ich wagte es selbst auf dem Markt kaum, meinen Kopf zu heben, weil ich Angst hatte, aufzufallen und verprügelt zu werden. Trotzdem habe ich am "Marsch der Freiheit" am Sonntag teilgenommen. Es war unglaublich, so viele Leute, alle in weiß-rot-weiß. Ich fühlte mich wie in einem anderen Land."

"Die vielen Frauen haben die Richtung verändert "

Julia Mickiewicz, 41, Produktmanagerin:

"Der Sonntag war ein großer Feiertag für die Menschen. Jeder war fröhlich, jeder war glücklich. So einen Tag hat es nie zuvor im unabhängigen Belarus gegeben.

Ich bin sehr aktiv bei den friedlichen Protesten, gerade die Teilnahme vieler Frauen hat die Richtung verändert – und die Behörden haben die offene Gewalt gegen Demonstranten gestoppt. Es gibt eine unglaubliche Solidarität untereinander. Als ich in einer Menschenkette stand, brachte uns ein Mann Kaffee und Sandwiches – ohne dass ihn jemand danach gefragt hatte.

Es ist eine einmalige Bewegung, die fast gänzlich ohne Führungspersonen auskommt. Die Menschen organisieren sich selbst, in Telegram-Gruppen, ohne Hierarchien, dezentral. In den Stadtteilen, in Betrieben und auf den Dörfern.

Aber ich habe Angst, dass die Brutalität zurückkommt. Ich erwarte es fast. So sind wir es gewöhnt in den mehr als zwei Jahrzehnten von Lukaschenkos Herrschaft. Trotz allem werden die Proteste aber weitergehen, denn wir haben noch immer nicht bekommen, was wir wollen: Freie und faire Wahlen, den Rücktritt Lukaschenkos und dass diejenigen zur Verantwortung gezogen werden, die für die Misshandlungen und Folterungen verantwortlich sind.

Keiner weiß, wie lange wir noch aushalten müssen. Klar ist nur, dass Lukaschenko die Macht nicht von alleine abgeben will. Und, dass wir bis zum Sieg weitermachen."

"Selbst Omis im Supermarkt diskutieren über die Lage"

Alaksiej Saprykin, 28, Künstler, Schauspieler und Teilzeit-Journalist:

"Ich war fast jeden Tag seit dem 9. August protestieren. Tagsüber warteten wir stundenlang vor einer der Haftanstalten und hofften auf die Freilassung von Freunden und Bekannten, am Abend gingen wir demonstrieren, danach etwas schlafen. Und dann wieder von vorn.

Meine Stimmung wechselt mehrmals am Tag. Von super positiv zu sehr negativ. Bei jeder brutalen Festnahme, deren Bilder ich im Fernsehen oder im Internet sehe, denke ich: Das hätte ich sein können. Alle Leute haben diese Angst. Einige meiner Freunde und Kollegen wurden von Polizisten zusammengeschlagen, zehn waren in Haft.

Ich selbst bin am 10. August nur knapp den Sicherheitskräften entkommen. Wir konnten uns in eine Sprachschule retten und uns dort eine ganze Nacht verstecken. Stundenlang lagen wir auf dem Boden, bei jeder Bewegung, jedem Schatten vor dem Fenster zuckten wir zusammen. Erst am nächsten Morgen, als es wieder hell war, haben wir uns herausgetraut.

Ich habe mich schon für belarussische Politik interessiert, als es noch nicht Mainstream war. Doch nun interessiert sich jeder dafür, selbst Omis im Supermarkt diskutieren über die aktuelle Lage. Aus diesem Grund glaube ich, dass wir erstmals tatsächlich die Chance haben, die Diktatur friedlich zu überwinden.

Das einzige, was ich will, ist in einem europäischen, demokratischen Land zu leben. Deshalb kann ich gar nicht zu Hause bleiben – abgesehen davon, dass ich bei der Metrostation Puschkinskaja wohne (der Ort war gerade in den ersten Tagen einer der Zentren der Proteste, Anm. d. Red.) und wegen der vielen hupenden Autos kaum Schlaf bekomme."

"So etwas habe ich all die Jahre noch nie erlebt"

Lena Pishch, 29, IT-Managerin, unabhängige Wahlbeobachterin:

"Bereits seit sieben Jahren beobachte ich nun schon Wahlen in Belarus. Auch am 9. August wollte ich sehen, was passiert. Doch unsere sechsköpfige Gruppe unabhängiger Wahlbeobachter wurde erst gar nicht ins Wahllokal gelassen. Als ich mich bei der Leiterin der Wahlkommission beschwerte, dass sie einen russischen Staatsbürger ohne Probleme abstimmen ließ, schüchterte sie mich ein. Die Frau schickte zwei große Kerle in meine Richtung, um mir die Akkreditierung wegzunehmen. In dem Moment bin ich einfach weggerannt. Es war beängstigend. So etwas habe ich all die Jahre noch nie erlebt.

Im Kontrast dazu stand der vergangene Sonntag, es war ein großartiger Tag für uns alle. Ich sah so viele Leute auf den Straßen. Sie alle hatten die gleiche Vision. Ich fühlte mich unglaublich inspiriert und optimistisch. Doch am Ende des Tages kam die Enttäuschung zurück: Wieder sind Menschen verschwunden, wieder sind Menschen verhaftet worden. Auch zwei gute Freunde saßen für kurze Zeit im Gefängnis.

Ich glaube, die Regierung hat einen großen Fehler gemacht, als sie die Proteste brutal niedergeschlagen hat. Menschen sind getötet worden, Inhaftierte wurden gefoltert. Wir werden das niemals vergessen. Auch deshalb werden wir nicht aufhören, auf die Straße zu gehen. Wir protestieren für ein Ende der Gewalt, die Freilassung aller politischen Gefangenen und dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

"Das ist ein Marathon, kein Sprint"

Jura Sidun, 38, Webdesigner:

"Ich engagiere mich seit mehr als 22 Jahren politisch in Belarus. Ich bin daran gewöhnt, dass dies ein Marathon und kein Sprint ist.

Ursprünglich hatte ich keine großen Hoffnungen auf Veränderungen in diesem Sommer. Die Polizei, das Militär und die Geheimdienste halten fest zu Lukaschenko. Doch das belarussische Volk hat einen regelrechten Aufstand begonnen, viele riskieren jetzt alles. Niemand kann jedoch mit Sicherheit sagen, wie alles enden wird.

Seit dem 9. August bin ich aber optimistischer. Wie Hunderttausende andere auch nehme ich jeden Tag an einem der zahlreichen Proteste teil. Der Freiheitsmarsch am vergangenen Sonntag hat unglaubliche Gefühle in mir ausgelöst. Viele Menschen haben geglaubt, dass der Sieg fast in unseren Händen liegt, weil sich so viele Menschen an diesem Tag in Minsk versammelten.

Die Belarussen müssen wissen, dass unsere gewaltlosen Aktionen in der EU und in der Welt unterstützt werden. Leider arbeitet die Europäische Union schon seit vielen Jahren mit den belarussischen Behörden zusammen. Lukaschenko schürte immer wieder geschickt Panik vor einer Zunahme des Einflusses Russlands und erhielt dafür eine Sonderbehandlung durch die EU. Aber jetzt liegen alle Karten auf dem Tisch: Der pro-russischste Politiker ist Lukaschenko selbst.

Ich glaube aber, dass das Regime nicht ohne noch mehr Blut in die Geschichte eingehen wird. Deshalb empfinde ich neben Optimismus auch Angst."