Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel nehmen zu: Nordkorea hat das innerkoreanische Verbindungsbüro in der Grenzstadt Kaesong gesprengt. Was hinter der neuerlichen Eskalation mit Südkorea steckt.

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"Um 14:50 Uhr (Ortszeit) wurde das Verbindungsbüro auf tragische Weise mit einer fürchterlichen Explosion zerstört." So lautet die knappe Mitteilung der nordkoreanischen Staatsmedien zur Zerstörung des innerkoreanischen Verbindungsbüros in der Grenzstadt Kaesong.

Die Sprengung zeuge von der Wut der Nordkoreaner, hieß es in den nordkoreanischen Berichten in Anspielung auf die Verärgerung der kommunistischen Führung in Pjöngjang über eine neue Propagandaflugblatt-Aktion südkoreanischer Aktivisten und nordkoreanischer Flüchtlinge von Ende Mai an der Grenze. Ziel sei es gewesen, "menschlichen Abschaum und solche, die dem Abschaum Schutz bieten, für ihre Verbrechen zahlen" zu lassen.

Blick aus der südkoreanischen Stadt Paju auf die nordkoreanischen Grenzstadt Kaesong aus der Rauch aufsteigt. Nordkorea hat nach südkoreanischen Angaben das innerkoreanische Verbindungsbüro in der Grenzstadt Kaesong gesprengt.

Nordkorea beschreitet wieder den Weg der Eskalation - was steckt dahinter?

Damit geht das isolierte Land nun wieder den Weg der Eskalation und einen Schritt, an dem Südkorea nach Einschätzung von Konfliktforscher Dr. Hans-Joachim Schmidt "ein Stück weit leider auch selbst schuld ist": "In der Panmunjom-Erklärung von 2018 hatte Südkorea eigentlich zugesichert, dass die Sendung der Flugblätter eingestellt wird. Doch genau dies wurde im Nachhinein wieder zugelassen. Und dieser Schritt wird von Nordkorea als Verletzung des Abkommens gesehen", erklärt der Experte.

Pjöngjang wirft der Regierung in Seoul vor, die Propaganda-Aktionen, bei der Ballons mit Flugblättern mit Kritik an der nordkoreanischen Führung in Richtung Norden geschickt werden, zu tolerieren. Die südkoreanische Regierung wirft den betreffenden Organisationen vor, ihrerseits Spannungen auf der Halbinsel zu erzeugen.

Warum erfolgt die Attacke zum jetzigen Zeitpunkt - mehrere Ansätze

Doch warum hat sich Nordkorea gerade jetzt zu diesem drastischen Schritt entschlossen? Der Angriff erfolge in einer Zeit, in welcher die Stimmung zwischen Südkorea und seiner Schutzmacht USA "sicherlich nicht die beste ist", gibt Schmidt zu bedenken. Es gibt diverse Konflikte zwischen den beiden Ländern, zum Beispiel über die Stationierungskosten, so Schmidt. Nordkorea nutze das aus, "um ein Stück weit mehr einen Keil zwischen die beiden Verbündeten zu treiben."

Zudem habe Nordkorea eine weitere Option: "Es kann durchaus sein, dass Nordkorea den Konflikt künstlich hochfährt, um US-Präsident Donald Trump die Gelegenheit zu bieten, sich vor der eigenen Wählerschaft als starker Mann zu präsentieren. Auch das kann man nicht ausschließen. Nordkorea hat ein Interesse daran, dass Trump und nicht sein Herausforderer Joe Biden die nächste US-Wahl gewinnt. Würde Trump dann tatsächlich siegreich aus der Wahl hervorgehen, würde Nordkorea natürlich einen Preis einfordern – für die 'Wahlunterstützung'", sagt Schmidt.

Nordkorea hat kein ernsthaftes Interesse an einem Konflikt

Wie gefährlich ist die Situation auf der koreanischen Halbinsel aber nun einzuschätzen? Denn auch das nordkoreanische Militär drohte dem Süden: Es würden Pläne der Regierung und der Arbeiterpartei geprüft, wonach die Armee wieder in Zonen vorstoßen könne, die unter dem Abkommen von 2018 zwischen den beiden Ländern entmilitarisiert worden seien. Den Plänen zufolge soll die Frontlinie in eine Festung verwandelt, und die militärische Wachsamkeit gegenüber Südkorea weiter erhöht werden. Südkoreanische Medien spekulierten, Nordkorea könnte unter anderem wieder Soldaten in das Gebiet um Kaesong schicken.

Nach Einschätzung von Experte Schmidt habe Nordkorea kein ernsthaftes Interesse an einem Konflikt. Dafür spreche auch die Auswahl des Zieles: "Das Verbindungsbüro in Kaesong wurde anscheinend als Ziel gewählt, da Nordkorea an der Eskalation wohl eher kein Interesse hat." Bei einem direkten Angriff auf südkoreanische Einrichtungen und Ziele – wie sie in der Vergangenheit auch schon vorgekommen sind - wäre es sehr wahrscheinlich gewesen, dass es eine schnelle Reaktion seitens Südkoreas gegeben hätte. Mit der Sprengung in Kaesong mache man es Südkorea nun schwierig, militärisch auf den Vorfall zu reagieren, so der Experte.

"Natürlich ist das keine gute Entwicklung, aber ich glaube nicht, dass das Ganze zu einer große Krise eskaliert. Aber ausschließen kann man das bei den Nordkoreanern nie völlig."

Über den Experten: Dr. Hans-Joachim Schmidt ist Assoziierter Forscher am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK). Zu seinen Themenschwerpunkten gehören Militärische Vertrauensbildung in Europa und Korea sowie Militärstrategien und -technologien.
mit Material der dpa
Teaserbild: © imago images/UPI Photo