Volkswagen vor dem Abgrund? Die Autobauer aus Wolfsburg stehen wegen der Abgasmanipulationen vor einem Scherbenhaufen. Über den Schaden für den Konzern, die Branche und die deutsche Industrie diskutierte Anne Will mit ihren Gästen. Ein bisweilen lebhafter Schlagabtausch mit Stimmen aus der Vergangenheit.

Die Ausgangslage:

PR-Profi gibt Tipps, wie Vertrauen der Kunden zurückgeholt werden kann.

"Wir haben Mist gebaut." Die Aussage von Volkswagens Amerika-Chef, Michael Horn, dürfte angesichts der Folgen der Abgasmanipulationen schon jetzt ein ganz heißer Kandidat für die Untertreibung des Jahres sein: Am Mittwoch trat der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn zurück, die Aktien des Autobauers erlebten einen ungeheuren Absturz, der Image-Schaden ist noch gar nicht zu beziffern, von möglichen Strafzahlungen ganz zu schweigen. "Kunden betrogen, Image ruiniert – ist VW noch zu retten?" war dementsprechend am Mittwochabend das Thema bei Anne Will.

Wen hat Anne Will eingeladen?

Michael Fuchs: Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag ist der Meinung, dass, Winterkorn persönliche Konsequenzen ziehen musste - egal, ob er von den Manipulationen gewusst habe oder nicht. Fuchs verteidigte aber die deutsche Ingenieurskunst und die Marke Made in Germany gegen einen Generalverdacht.

Renate Künast: Die Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz sieht in der aktuellen Krise den Anfang eines personellen und strukturellen Umbruchs. Ihrer Meinung nach braucht es dringend eine Verbesserung bei den Tests. Wichtig ist, was hinten raus kommt - nicht, was die Software des Herstellers sagt.

Ulf Poschardt: Der stellvertretender Chefredakteur der Welt-Gruppe kennt und bewundert Martin Winterkorn, weil der es als Arbeiterkind ganz nach oben geschafft hat und einer ist, der Verantwortung übernimmt. Autoliebhaber Poschardt verhedderte sich bisweilen in seinen Aussagen, zum Beispiel, als er Künast unrealistische Träumereien beim für Otto Normal zu teuren Tesla-E-Auto vorhielt - nur, um wenig später vom vermeintlich verbrauchsarmen Hybrid-Porsche zu schwärmen.

Heinz-Josef Bontrup: Der Professor für Wirtschaftswissenschaften hält den Skandal für einen ökonomischen GAU und sieht VW existenziell bedroht. Er brachte glücklicherweise die Themen Nachhaltigkeit und Ausbeutung in Bezug auf die Macht der Automobilbranche auf den Tisch.

Welche Fragen wurden gestellt?

War es höchste Zeit, dass Winterkorn zurückgetreten ist? Hilft der Rücktritt dem Konzern? Wie geschickt ist das VW-Krisenmanagement? Wird es für VW existenziell? Wie groß ist der Schaden für die deutsche Ingenieurskunst? Muss, wer die Nummer eins werden will, um jeden Preis tricksen? Warum muss ein Hersteller nicht unter realen Bedingungen testen? Was läuft falsch bei den Tests?

Wie schlug sich Anne Will?

Nachrichten sind langweilig und dröge? Es kommt auf den Blickwinkel an.

Will hielt sich zu lange mit der Personalie Winterkorn auf. Er mag davon gewusst haben oder nicht, Fehler gemacht haben oder nicht – für den Ausgang des Verfahrens und die Zukunft der Automobilindustrie ist das aber nicht mehr entscheidend. Sie hatte die anfangs handzahme Truppe gut im Griff, am Ende überließ sie dann aber ihren Gästen weitgehend unkontrolliert das Feld.

Welche Erkenntnisse lieferte "Anne Will"

Eine ganze Menge und nicht nur über VW. Im Detail:

  • Martin Winterkorn: Ob er von den Manipulationen nichts gewusst hat, ist, so die Mehrheitsmeinung in der Runde, schwer vorstellbar, aber auch nicht auszuschließen. So oder sei der Rücktritt alleine schon für einen Neuanfang richtig. Nur Ulf Poschardt, laut Selbstauskunft Kenner und Bewunderer von Winterkorn, versuchte sich in Ehrenrettung für den ehemaligen Konzernlenker.
  • Die Tests: Auch hier war sich die Runde schnell einig, dass es unbedingt Verbesserungen bei den Abgastests braucht. Wie Michael Fuchs aber erklärte, könne das nur auf europäischer Ebene wirklich gerecht gelöst werden.
  • Volkswagen-Konzern: "Das ist ein Alptraum, der VW bevorsteht", resümierte Renate Künast die möglichen Folgen. Auch Wissenschaftler Bontrup ist skeptisch. Angesicht der geschätzten Kosten des Skandals von etwa 40 Milliarden Euro, die auf VW zukommen könnten, könnte die Lage existenzbedrohend werden, weil dieser Betrag bereits der Hälfte des Eigenkapitals des Konzerns entspricht.
  • Andere Folgen: Die, auch hier war sich die Runde einig, sind immens und betreffen viele Bereiche: das Land Niedersachsen, die Mitarbeiter, die Steuerzahler und die Stadt Wolfsburg aufgrund bald fehlender Einnahmen durch ausbleibende Gewerbesteuer von VW und am Ende sogar den VfL Wolfsburg.
  • Die Zukunft des Autos und des Automarkts: Hier wurde am heftigsten diskutiert. Wirtschaftswissenschaftler Bontrup führte die seiner Meinung nach vorherrschenden ausbeuterischen Verhältnisse bei den Zulieferern aus, die aus der Marktmacht der Autokonzerne entstanden sind. Hier würden mittelständische Unternehmen ausgebeutet und ruiniert. Diese Marktmacht sei es, die bessere Umweltstandards durch die Politik verhindere. Hier hätte man sich als Zuschauer gewünscht, dass Anne Will nicht so viel Zeit mit der Personalie Winterkorn verbracht hätte. Es wäre bei dieser Diskussion interessanter gewesen, das ganz große Rad zu drehen: Wie zukunftsfähig ist ein solcher Konzern, der immer noch sein Hauptgeschäft mit Autos mit fossilen Brennstoffen macht? Wozu brauchen wir solche Autos? Warum kommt die E-Branche in Deutschland nicht in die Puschen? Wie sehen die Mobilitäts- (nicht Auto!) Konzepte der Zukunft aus? Wäre die VW-Krise die Chance für einen Wandel?

Welches war der Satz des Abend?

Als es um den Machtmissbrauch der Autokonzerne in Bezug auf niedrige Umweltstandards und die daraus resultierenden Bedrohungen durch den Klimawandel ging, brachte Michael Fuchs das vermeintliche Totschlagargument von den bedrohten Arbeitsplätzen in der Autobranche an. Darauf konterte Bontrup trocken: "Sie sagen immer Arbeitsplätze und meinen Gewinn."

Welchen Satz man nie wieder höre möchte:

Gefragt nach den Verbrauchswerten seiner Autos, sagte Ulf Poschardt tatsächlich den Satz: "Wenn ich einen Porsche kaufe, fahre ich ihn nicht, um Energie zu sparen." In den 1980ern wäre er damit sicher der König an jedem Stammtisch gewesen, 2015 dürfte er angesichts des Klimawandels für diesen Satz wohl nur noch bei absolut Unbelehrbaren Applaus finden.