"Das erste, was mein Sohn sah, war eine Waffe und die Mama auf dem Boden liegend": Bei Sandra Maischberger hat Journalistin Mesale Tolu über ihre Festnahme und monatelange Haft in der Türkei gesprochen. Angesichts der schlechten Menschenrechtslage diskutierten die Gäste, ob es richtig ist, Präsident Erdogan beim Staatsbesuch Ende des Monats den roten Teppich auszurollen.

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Was war das Thema?

Nachdem in den Talkshows der vergangenen Tage das Thema Chemnitz dominiert hatte, hob Sandra Maischberger einen alten Bekannten auf die Tagesordnung: die deutsche Türkei-Politik.

Seit der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Bundeskanzlerin Angela Merkel vor rund einem Jahr im Streit um das Verbot von Wahlkampfauftritten türkischer Politiker in Deutschland "Nazimethoden" vorgeworfen hat, ist das Verhältnis der Länder ein Debatten-Dauerbrenner.

Die aktuelle Diskussion entzündete sich am Umgang mit der deutsch-türkischen Journalistin Mesale Tolu, die kürzlich in Istanbul nach acht Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Ihr soll unter anderem wegen "Terrorpropaganda" der Prozess gemacht werden.

Vor dem Hintergrund der schlechten Menschenrechtslage in der Türkei steht außerdem der für Ende September geplante Staatsbesuch Erdogans in der Kritik. Die Frage bei Sandra Maischberger: Wie sehr soll und darf Deutschland dem türkischen Präsidenten entgegenkommen?

Wer waren die Gäste?

Mesale Tolu: Die deutsche Journalistin schilderte in einem vorab aufgezeichneten Interview ihre Verhaftung und die Situation im Gefängnis. Wenig überraschend kam sie zu dem Urteil: "Die Türkei ist kein Rechtsstaat."

Das könne man auch daran sehen, so Tolu, dass ihr Ehemann, der wegen fast identischer Vorwürfe angeklagt ist, noch in Haft sitzt, während sie vor ihrem Prozess freigelassen wurde.

Den Staatsbesuch in Deutschland hält sie für ein schlechtes Zeichen. Vor allem für die türkische Opposition, die dann denken könnte, "dass Deutschland dieses System anerkennt – Alleinherrschaft".

Günter Wallraff: Der Veteran des Enthüllungsjournalismus präsentierte sich als schärfster Kritiker des türkischen Präsidenten - manchmal fast ein wenig zu krawallig. Erdogan sei ein "Diktator" ein "Despot, der unberechenbar ist". "Der rote Teppich [für Erdogan] ist eine Blutspur!“ Deutschland dürfe sich "nicht vorführen lassen" und ihn durch einen Staatsbesuch nicht stützen, in einem Moment, wo das "Regime dabei ist, zu kippen".

Wallraff traute sich gar zu wetten: In zwei bis vier Jahren werde Erdogan nicht mehr an der Macht sein, sondern vor Gericht stehen – oder in Bahrain im Exil leben.

Elmar Brok: Der langjährige CDU-Europaabgeordnete streute eine Prise Realpolitik in die Runde. Nein, Erdogan, ("ein türkischer Macho") werde sich bei Merkel wegen seines Nazi-Vergleichs nicht öffentlich entschuldigen. "Dass er einen Kotau macht, das sollte man von einem türkischen Politiker nicht erwarten."

Zugleich fand Brok die Kritik an dem Staatsbesuch mit Bankett und militärischen Ehren übertrieben. "Das ist ein normaler protokollarischer Ablauf. Das darf man nicht bewerten, als ob es eine besondere Ehre wäre." Bei allem Pragmatismus befand er dann doch, Erdogan sei "kein Demokrat", sondern "ein Islamist".

Cigdem Akyol: Die Erdogan-Biografin sagte, jetzt, in der großen Wirtschaftskrise, könne man der Türkei "Bedingungen stellen" - ein Plädoyer für eine selbstbewusste deutsche Türkei-Politik. Sie prognostizierte, dass sich die autoritären Tendenzen in den kommenden Jahren weiter verstärken werden.

Erkan Arikan: Der WDR-Journalist wies darauf hin, dass Erdogans Besuch auch der EU etwas signalisieren soll: "Hallo Europa, wir wollen noch was von euch!". Zum Beispiel die Visa-Freiheit für türkische Bürger.

Arikan verdeutlichte die unterschiedlichen Sichtweisen auf Erdogan. "Für deutsche Verhältnisse ist er ein Despot. Er ist ein Autokrat. Mit der türkischen Brille ist er ein starker Mann, der weiß, wie man Wahlen gewinnt."

Clemens Fuest: Der Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung warnte vor einer "schlimmen Pleitewelle" in der Türkei, die politisch gefährlich werden könne. "Niemand weiß, wie er reagiert, ob er aggressiv wird nach außen, ob er sich abschottet."

Deutschland habe daher ein Interesse, weiter eng mit der Türkei zusammenzuarbeiten. "Wir sollten ihm helfen", forderte Fuest.

Was war der Moment des Abends?

Als Mesale Tolu ihre Verhaftung schilderte: Etwa zehn schwer bewaffnete Anti-Terror-Beamte stürmten nachts in ihre Wohnung in Istanbul und durchsuchten alle Räume nach Beweisen. Sie marschierten mit Waffe auch ins Kinderzimmer ihres zweijährigen Sohnes. "Das erste, was er sah, war eine Waffe und die Mama auf dem Boden liegend", berichtete sie.

Drei Stunden dauerte die Wohnungsdurchsuchung, während der Tolu, die angebliche "deutsche Agentin und Spionin", mit ihrem Sohn im Pyjama auf dem Sofa warten musste. Am Morgen musste sie ihr Kind schweren Herzens zu Nachbarn geben, bevor die Familie es in Obhut nehmen konnte.

Knapp drei Wochen später holte sie ihren Sohn, der zu stottern begonnen hatte und die Mama bitter vermisste, zu sich ins Gefängnis. Dort lebten rund 80 weitere Kinder bis zum Alter von sechs Jahren, erzählte Tolu.

Die Haft verfolgt sie und den Sohn bis heute. "Ich wache nachts sehr oft auf, weil die Situation noch nicht vorbei ist." Sie will zu ihrem Prozess – Stand jetzt – zurück in die Türkei reisen, obwohl sie dort eine mehrjährige Haftstrafe erwarten könnten.

Wie hat sich Sandra Maischberger geschlagen?

Vor 15 Jahren gab Maischberger ihr Talkshow-Debüt im Ersten. Zum Jubiläum erlebten die Zuschauer eine der ruhigeren Runden ohne große Aufreger und Streitgespräche. Sehr feinfühlig sprach sie mit Mesale Tolu über die Haft und dürfte es dieser so erleichtert haben, von der schweren Zeit zu erzählen.

Zugleich scheute sich Maischberger nicht davor zu fragen, ob an den Vorwürfen der türkischen Justiz denn etwas dran sei. Empathie und kritische Fragen – so geht professioneller Journalismus.

Was ist das Ergebnis?

Dass der Umgang mit der Türkei eine Gratwanderung ist und bleibt, ließ sich gut an den beiden Polen Wallraff-Brok erkennen. Der eine (Wallraff) würde die Beziehungen zur Türkei gern auf das Nötigste beschränken, der andere (Brok) sieht in den Türken trotz aller Probleme einen wichtigen deutschen und europäischen Partner.

Einig waren sich alle Diskutanten darin. dass der Dialog aufrechterhalten werden soll.

Letztlich dürfte auch in Zukunft eine pragmatische Sichtweise die deutsche Türkei-Politik bestimmen. Das Land bleibt ein unbequemer, aber wegen der großen türkischen Minderheit in Deutschland, wegen der engen wirtschaftlichen Verflechtungen und wegen der strategischen Beziehungen wie dem EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen letztlich ein unverzichtbarer Partner.

Ob Erdogan bei einem Staatsbesuch ein roter Teppich ausgerollt wird oder nicht, ändert daran nichts.

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