Bei "Hart aber fair" geht es am Montagabend um die Situation von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie. Experten warnen vor den langfristigen Folgen verpasster Bildung – und eine 19-Jährige berichtet vom nervenaufreibenden Home-Schooling mit ihren Geschwistern.

Fabian Busch.
Eine Kritik
von Fabian Busch

Diese Sendung dürfte für Anja Karliczek so angenehm gewesen sein wie eine Mathe-Klausur, auf die man sich nicht vorbereitet hat. Die Bundesbildungsministerin bekommt am Montagabend bei "Hart aber fair" Wut und Sorgen von Eltern, einem Wissenschaftler und einer Medizinerin ab.

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Es geht um die "stillen Helden", wie Moderator Frank Plasberg es am Anfang pathetisch sagt: um Kinder und Jugendliche, die seit mehr als einem Jahr die Regeln und Beschränkungen der Corona-Pandemie hinnehmen müssen und trotzdem selten im Mittelpunkt stehen. Plasberg und seinen Gästen gelingt eine nachdenkliche, sachliche Diskussion – nur die Suche nach konstruktiven Lösungen gerät zu kurz.

Das sind die Gäste bei "Hart aber Fair"

Anja Karliczek: Die Bundesbildungsministerin verteidigt den Beschluss, dass Schulen erst ab einem Inzidenzwert von 165 in ihrem Kreis schließen müssen. Das sei nur die Notbremse, so die CDU-Politikerin: "Unter 100 muss schon etwas passieren, dass man sicheren Unterricht möglich macht."

Mareile Höppner: Die ARD-Moderatorin hat zwar ein Lehramtsstudium absolviert. Doch auch sie könne die Pädagogen für ihren zehnjährigen Sohn nicht ersetzen. "Eltern sind nicht die richtigen Lehrer zu Hause. Da muss die Schule ran", fordert sie.

Susanne Epplée: Die Kinderärztin hat bedrückende Zahlen mitgebracht. Vor einem Jahr standen 50 Kinder auf der Warteliste für eine Behandlung am Sozialpädiatrischen Zentrum Hamburg-Ost. Inzwischen sind es 400. Sie leiden an Stress, Bauch- und Kopfweh oder psychischen Leiden. Die Medizinerin berichtet aber auch von behinderten Kindern, die nicht mehr gefördert werden.

Aladin El-Mafaalani: Der Professor für Migrationsforschung an der Universität Osnabrück warnt vor den langfristigen Folgen des verpassten Schulunterrichts. Dabei geht es ihm nicht nur um trockenes Wissen. "Körperliche Entwicklung, Gesundheit, motorische Entwicklung, der ganze Sport ist weggefallen." Ganz vieles was für Kinder wichtig sei, habe im vergangenen Jahr nicht stattgefunden. "Das wird sich auswirken."

Thorsten Frühmark: Der Rechtsanwalt ist auch noch Ortsbürgermeister und dreifacher Vater. Von der Bundes- und Landespolitik ist er enttäuscht. "Ich erwarte, dass dieses Land im Jahre 2021 in der Lage sein muss, Schulen so sicher zu machen, dass die Eltern das Gefühl haben, dass die Kinder da hingehen können."

Das ist das Rededuell des Abends

Auch wenn sich viel Ärger aufgestaut hat, auch wenn die Sorgen groß sind: Streit ist in dieser Runde die Ausnahme. Die Bildungsministerin muss sich zwar lange anhören, wie verkorkst die Bildungspolitik in der Pandemie aus Sicht der Gäste ist. Sie wird aber selten persönlich angegriffen. Eine Ausnahme macht nur Rechtsanwalt Thorsten Frühmark. Anlass sind die unterschiedlichen Regeln, die im Bildungsbereich und in der Wirtschaft gelten: komplette Schließungen oder Masken- und Testpflicht in den Schulen, während die Büros in machen Betrieben noch immer voll sind.

Und dann wäre da ja noch die Lufthansa. Neun Milliarden Euro habe der Politik für die Rettung der Fluggesellschaft bereitgestellt, schimpft Frühmark: "Schon eine Milliarde Euro hätten ausgereicht, um alle Schulen mit Luftfiltern auszustatten."

Anja Karliczek ist allerdings der Meinung, dass Geld hier nicht das Problem sei. Es gebe Schulräume, in denen ein mobiler Filter die Luft gar nicht verbessere. Wo sie doch nötig sind, ist die Anschaffung für die Kommunen aus ihrer Sicht keine teure Sache. Es reiche nicht, einfach Geld "ins Land zu schütten", findet die Ministerin: "Wir müssen schon zielgenau helfen. Sonst wird’s nichts."

Das ist der Moment des Abends

Die 19-jährige Hanan sorgt für ungewöhnliche Töne. Seit im Pandemie-Zeitalter kein Publikum mehr im Studio sitzt, ist auch der Applaus verschwunden. Nach dem kurzen Einzelgespräch mit ihr klatschen jedoch die anderen Studiogäste. Alle sind begeistert von der jungen Syrerin, die vor fünf Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen ist und jetzt das Home-Schooling für ihre Geschwister überwacht: Zu fünft sitzen sie in der kleinen Wohnung und haben für den Unterricht nur zwei Tablets zur Verfügung. Da die Eltern arbeiten, muss Hanan ständig die Fragen ihrer Geschwister beantworten – und noch selbst für ihre Ausbildung lernen.

Der Traum der 19-Jährigen: Sie will eines Tages Medizin studieren. Ob sie das schafft, weiß sie nicht. Die anderen Gäste zollen der jungen Frau Respekt. Allerdings nützt Lob allein ihr herzlich wenig. Zu wenig wird darüber gesprochen, wie man die Situation in Familien wie der von Hanan verbessern könnte. Wie kann es zum Beispiel sein, dass sich fünf Geschwister zwei Tablets teilen müssen, obwohl der Bund im vergangenen Sommer ein Endgerät für jeden Lernenden versprach? Diese Frage bleibt unbeantwortet.

Das ist das Ergebnis

Die Sendung erlaubt zwar zum Teil erschreckende Einsichten, ist informativ und sachlich. Allerdings ist sie nicht besonders konstruktiv. Was müssen Politik und Gesellschaft für Schülerinnen und Schüler tun, die durch die Pandemie ein Jahr Bildung verloren haben? Die Antworten darauf bleiben vage. Der Migrationsforscher Aladin El-Mafaalani schlägt Mentorenprogramme vor: Bildungspaten könnten Kindern aus einkommens- und bildungsschwachen Familien helfen. In kleinem Stil gibt es solche Programme schon. Aber lassen sich wirklich Paten für Millionen von Schülern finden? Bundesbildungsministerin Anja Karliczek deutet an, dass es vom nächsten Schuljahr an gezielte Nachhilfeprogramme geben soll. Aber wird das reichen?

Wichtig ist die Sendung trotzdem. Denn die Situation von Kindern und Jugendlichen steht im täglichen Corona-Diskussionsmarathon selten im Mittelpunkt. Und es könnte ja noch weitergehen: Bildungsministerin Karliczek spricht zu recht an, dass auch über die Situation von Studierenden selten gesprochen wird. Drei Semester Home-Office statt raus in die Hochschulen? Auch das geht an jungen Menschen nicht spurlos vorbei.