• Der russische Angriffskrieg in der Ukraine bestimmte auch bei "Markus Lanz" einmal mehr die Debatte.
  • Am Dienstagabend diskutierten die Gäste die Kommunikationsstrategie von Olaf Scholz und die angekündigte Lieferung von Leopard-Panzern.
  • Dabei kam SPD-Politiker Michael Roth mehrmals in Bedrängnis.
Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Natascha Wittmann dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Es war eine monatelange Hängepartie, doch jetzt herrscht Gewissheit: Deutschland wird Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 in die Ukraine liefern. Bei "Markus Lanz" war am Dienstagabend vor allem die zögerliche Entscheidungsfindung von Olaf Scholz Gegenstand der Diskussion.

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Während der Bundeskanzler nicht nur von ZDF-Moderator Markus Lanz scharf kritisiert wurde, erhielt er von Journalistin Ulrike Herrmann Rückendeckung. Der SPD-Außenpolitiker Michael Roth vermochte Scholz nur zum Teil zu verteidigen.

Das ist das Thema bei "Markus Lanz"

Seit Monaten hat die Ukraine Leopard-Panzer gefordert, jetzt sollen sie ins Kriegsgebiet ausgeführt werden. Nicht nur Deutschland rang sich zu einer historischen, aber womöglich auch überfälligen Entscheidung durch. Auch die USA wollen dem Vernehmen nach bald die Lieferung ihrer "M1 Abrams"-Panzer an die Ukraine verkünden.

Während Journalistin und "taz"-Redakteurin Ulrike Herrmann die jüngsten Entwicklungen im Gespräch mit ZDF-Moderator Markus Lanz als großen Erfolg verbuchte, sprach nicht nur der ZDF-Moderator selbst, sondern auch Sicherheitsexperte Christian Mölling, von einer viel zu späte Reaktion Deutschlands, die eine Blamage sei.

Am Dienstagabend diskutierten sie lebhaft mit SPD-Politiker Michael Roth und lauschten gebannt den Worten von Autor Dmitry Glukhovsky, der Putins Machtkalkül analysierte.

Das sind die Gäste

  • Michael Roth, SPD-Politiker und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestags, erklärte: "Scholz versucht mit seiner Behutsamkeit, den Eindruck zu vermeiden, er sei der Panzer-Kanzler."
  • Christian Mölling, Sicherheitsexperte, beharrte hingegen: "Die Ukraine kriegt nicht, was sie braucht"
  • Ulrike Herrmann, Journalistin und "taz"-Redakteurin, überraschte mit der Analyse: "Das Ergebnis der Scholz-Diplomatie ist, dass am Ende in der Ukraine mehr Waffen sind, als da je gewesen wären."
  • Dmitry Glukhovsky, Autor und Exil-Russe, gab Einblicke in sein Heimatland: "Russland leidet an einem unvorstellbaren Verlangen von Lügen."

Das ist der Moment des Abends bei "Markus Lanz"

Bereits zu Beginn der Sendung war die Stimmung unter den Gästen aufgeheizt, als es um die angekündigte Auslieferung der Leopard-Panzer ging. Michael Roth gab zu, nichts von der Entscheidung des Kanzlers gewusst zu haben - und das, obwohl er sich am Tag vor der Verkündung noch mit Olaf Scholz in einer SPD-Sitzung befand: "Ich wusste nicht, wann, aber ich habe es gespürt und natürlich auch gehofft."

Markus Lanz reagierte auf die Aussage fassungslos: "Wie kann man Sie außen vor lassen? Was ist das für eine Art, miteinander umzugehen? Das wirkt alles sehr einsam, man spricht sich nicht ab."

Roth verteidigte daraufhin den Bundeskanzler und erklärte: "Das ist eine Regierungsentscheidung. Ich bin mir sicher, dass der Bundeskanzler morgen etwas dazu sagen wird. Er trägt die Verantwortung und muss das mit seinem Gewissen ausmachen. Ich habe davor größten Respekt."

Journalistin Ulrike Herrmann stimmte dem SPD-Politiker zu und ergänzte: "Das ist für mich jetzt kein Skandal. Am Ende ist es der Kanzler, der die Verhandlungen führt und die Entscheidungen fällt. Das sind diplomatisch sehr schwierige Prozesse."

Sicherheitsexperte Christian Mölling zeigte sich im Laufe der Sendung zwar kritisch der Bundesregierung gegenüber, doch er stellte zugleich klar, dass schon vor dem Amtseintritt von Olaf Scholz viel beim deutschen Militär schiefgelaufen sei: "Politik ist manchmal unfair, und es tut mir leid, dass es jetzt an der Bundesregierung liegt, dass zu drehen."

Besonders spannend wurde es, als ZDF-Moderator Markus Lanz zum Ende der Sendung auf "eine russische Stimme" im Raum hinwies: die des Autors und Exil-Russen Dmitry Glukhovsky. Er analysierte die russische Propaganda und erklärte: "Russland leidet an einem unvorstellbaren Verlangen von Lügen. Alle Leute, die gegen den Krieg sind, werden stark isoliert. Ich wurde als ausländischer Agent eingestuft, und mein Buch darf nicht mehr verkauft werden."

Über die angekündigten Panzer-Lieferungen aus Deutschland sagte Glukhovsky: "Die Lage wird für Putin immer schlimmer, und es ist klar, dass das die russische Regierung nervös macht."

Auch wenn viele Russen den Lügen der Regierung Glauben schenkten, sei für ihn klar: "Putin regiert jetzt am meisten durch Angst. Die Elite unterstützt Putin, weil sie Geiseln sind. Sie müssen den Kreml unterstützen, weil es ihnen sonst schlecht geht. Aber dieser Rückhalt ist nicht ehrlich."

Das ist das Rede-Duell des Abends

Die größte Auseinandersetzung gab es beim Thema Olaf Scholz. Vor allem Gastgeber Markus Lanz zeigte sich sichtlich emotional, als er anmerkte: "Nach monatelangem Zögern hat sich Scholz durchgerungen, doch Panzer zu liefern. Erst mal hieß es lange 'Nein', dann kam lange nichts und jetzt ein kurzes 'Ja'." Der ZDF-Moderator drastisch: "Was ist das für eine Art, ein Land zu führen?"

Sicherheitsexperte Christian Mölling schloss sich dieser Sichtweise an und ergänzte: "Deutschland hat international gesehen einen großen Schaden davongetragen."

Während sich die beiden Männer einig waren, platzte Journalistin Ulrike Herrmann der Kragen. Sie unterbrach die Scholz-Kritik und sagte mit strengem Blick: "Ich sehe das ja ganz anders. Scholz wollte nicht einen deutschen Alleingang. Scholz wollte, dass auch Kampfpanzer anderer Bauart in die Ukraine gehen, damit es ein gemeinsamer Vorstoß ist. Und genau dieses Ziel hat Scholz erreicht. Denn wie es aussieht, wird auch Amerika mit eigenen Panzer-Lieferungen nachziehen. Das ist ein sensationeller diplomatischer Erfolg. Das kann man nicht erzwingen."

Markus Lanz hakte ungläubig nach: "Finden Sie das wirklich?" Ulrike Herrmann beharrte: "Das Ergebnis der Scholz-Diplomatie ist, dass am Ende in der Ukraine mehr Waffen sind, als da je gewesen wären. Das ist doch sensationell."

Ulrike Herrmann
Journalistin Ulrike Herrmann übereraschte bei "Markus Lanz" mit ihrer Analyse: "Das Ergebnis der Scholz-Diplomatie ist, dass am Ende in der Ukraine mehr Waffen sind, als da je gewesen wären."

Christian Mölling erwiderte: "Wenn Sie ein Land führen, dann führen Sie ja nicht alleine. Das, was wir jetzt sehen, ist zum Jagen getragen werden. Das sieht nicht nach Führung aus." Lanz ergänzte nickend: "Guter Punkt."

SPD-Politiker Michael Roth stellte sich auf die Seite von Ulrike Herrmann, auch wenn er zugab: "Ich war mit der vergangenen Woche alles andere als glücklich. Der Streit hat uns in der Koalition nicht gutgetan. Ich halte es auch nicht für hilfreich, dass wir öffentlich darüber streiten, wer was liefert. Dass es jetzt offenkundig ein gutes Ergebnis gibt, das ist das Verdienst von ganz vielen."

Als Lanz immer wieder Scholz' fehlende Klarheit kritisierte, merkte Roth an: "Ich bin nicht der Pressesprecher des Bundeskanzlers, aber er hat nie seine Aussagen zurückziehen müssen. Er hat sich immer offen gezeigt, es gab für ihn nur eine rote Linie."

So hat sich Markus Lanz geschlagen

Lanz moderierte solide und ließ seinen Gästen genug Raum, ihre Meinungen und Thesen zum Ausdruck zu bringen. Da der Fokus primär auf der Panzer-Lieferung und auf Olaf Scholz lag, lief ein roter Faden durch die Sendung, der zu keiner Zeit gekappt wurde.

Im Gespräch mit Michael Roth hätte Lanz bei einigen Fragen schärfer nachhaken können, um hinter die Fassade des SPD-Politikers zu blicken. Nur einmal schaffte es Lanz, Roth eine Scholz-Kritik zu entlocken, als er über den aktuell schlechten Ruf Deutschlands sagte: "Dazu beigetragen hat sicherlich die Behutsamkeit des Kanzlers."

Das ist das Fazit bei "Markus Lanz"

Während sich die Mehrheit der Gäste bei "Markus Lanz" bei Themen wie der Lieferung des Leopard-Panzers und der weiteren Entwicklung des Ukraine-Krieges grundsätzlich einig waren, gingen die Meinungen zur Bilanz von Olaf Scholz teilweise weit auseinander.

Überraschend war vor allem, dass Journalistin Ulrike Herrmann deutlich positiver über den deutschen Bundeskanzler sprach als SPD-Kollege Michael Roth. Der verteidigte zwar die politische Handlung von Scholz im Großen und Ganzen, im Vergleich zu Herrmann fiel seine Analyse deutlich nüchterner und abgeklärter aus.  © 1&1 Mail & Media/teleschau

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