Bei Sandra Maischberger ging es am Mittwochabend unter anderem um den Tod von George Floyd und die Unruhen in den USA. Die erhoffte Diskussion über Rassismus in Amerika und auch in Deutschland bleibt aber aus. Unverständnis und Kritik kassiert die Redaktion für die Auswahl der Gäste.

Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch

Selten hat eine Polit-Talkshow schon im Vorfeld für so viel Diskussionsstoff gesorgt. Bei "maischberger. die woche" soll es am Mittwochabend unter anderem um den Tod des schwarzen Amerikaners George Floyd und die Proteste und Unruhen in den USA gehen.

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Ein Gast, der selbst schwarz ist, steht zunächst nicht auf der Liste – vor allem in den sozialen Netzwerken sorgt das im Vorfeld für Unverständnis und Kritik. "Lasst uns doch alle erst mal die Sendung anschauen und anschließend gerne weiterdiskutieren", beschwichtigt die Redaktion zunächst am Dienstag auf Twitter.

Am Mittwoch weicht das Team dann aber von dieser Linie ab. Auf die Schnelle findet die Redaktion doch noch eine schwarze Wissenschaftlerin, die aus den USA zugeschaltet wird. Die Sendung verspricht also spannend zu werden, schließlich ist das Thema Rassismus nicht nur für die USA relevant. Doch so recht kann das Versprechen nicht gehalten werden.

Das sind die Gäste bei "maischberger. die Woche"

Heiko Maas: Der Bundesaußenminister wirft US-Präsident Donald Trump eine "Masche der Populisten" vor. Amerika habe ein Rassismusproblem, sagt der SPD-Politiker, der ansonsten aber diplomatisch bleibt. Als Rassisten will er Trump nicht bezeichnen. Er macht aber auch deutlich, dass es gerade ziemlich knirscht im transatlantischen Verhältnis: "Ich finde, das geht alles nicht in die richtige Richtung. Das muss man sich unter Freunden sagen können – und das tun wir auch."

Priscilla Layne: Die Germanistik-Professorin an der Universität von North Carolina spricht über die Hintergründe der Proteste und Unruhen in den USA. Schwarze und Latinos seien in Amerika strukturell benachteiligt, jetzt auch besonders stark vom Coronavirus betroffen. Hinzu kam der Tod von George Floyd. "Wenn das alles zusammenkommt, dann ist das den Menschen einfach zu viel."

Jan Fleischhauer: Der Focus-Kolumnist findet es "eigenartig", dass US-Präsident Donald Trump eine Mitverantwortung für die Unruhen in Amerika zugeschrieben wird. "Ist er auch Schuld daran, dass marodierende Banden durch New York ziehen und die Fifth Avenue entglasen?", fragt Fleischhauer. Er selbst findet das jedenfalls "Quatsch".

Anja Kohl: Die ARD-Börsenexpertin glaubt, dass die Politik bei der Bewältigung der Coronakrise "den Überblick über die Rechnung verloren" hat. Die EU sei mit dem angestrebten Wiederaufbaufonds und gemeinsamen Schuldenanleihen auf dem Weg in eine "Schuldenunion", Deutschland werde mehr zahlen müssen. Sie fordert unter anderem eine Senkung der Mehrwertsteuer. Als die Sendung aufgezeichnet wird, kann die Journalistin noch nicht wissen, dass die Große Koalition diesen Schritt in der Tat beschlossen hat.

Dirk Steffens: "Umweltschutz ist Seuchenschutz", sagt der Journalist und Buchautor, der die ZDF-Dokumentationsreihe "Faszination Erde" moderiert. Das Coronavirus habe von Tieren auf den Menschen überspringen können, weil der Mensch der Natur zu nah auf die Pelle rückt. "Wir zahlen gerade bei Corona den Preis für die globale Umweltzerstörung."

Helga Rübsamen-Schaeff: Die Virologin gibt zum Abschluss einen Ausblick auf die Pandemie-Bekämpfung – und dämpft Hoffnungen auf einen schnellen Impfstoff gegen das Coronavirus. Dieser müsse zunächst entwickelt, dann getestet, produziert und Milliarden von Menschen zugänglich gemacht werden. "Das haben wir nicht Ende des Jahres – auf keinen Fall." Wenn es Ende 2021 so weit wäre, habe man schon Glück gehabt.

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Das ist der Moment des Abends

Mit Spannung dürften nicht nur viele Zuschauer, sondern auch Sandra Maischberger das Gespräch mit Priscilla Layne erwartet haben. Die Wissenschaftlerin hat in der Tat eine deutliche Meinung zur Polizeigewalt in den USA. "Es ist immer eine Frage von Leben und Tod", sagt sie, die selbst schon häufig negative Erfahrungen mit der Polizei gemacht habe.

Sie verteidigt indirekt sogar Plünderungen und Vandalismus durch Demonstranten: "Es geht darum, dass wir Amerikaner erst hinschauen, wenn es an die Geldbörse geht."

Gleichzeitig bleibt ihr Auftritt reichlich zahm. Auf Twitter hatte sich Layne zuvor noch kritisch mit ihrer Einladung auseinandergesetzt. Offensichtlich kenne die Redaktion keine schwarzen Aktivisten, Organisationen oder Wissenschaftler aus Deutschland, schrieb sie dort. Es sei falsch, bei Rassismus nur an die USA zu denken.

Auch Bundesaußenminister Heiko Maas hatte zuvor gesagt: "Es ist am besten, erstmal vor der eigenen Tür zu kehren."

Bei "maischberger.die woche" gibt Bundesaußenminister Heiko Maas zu, dass die Verhältnis zu den USA momentan knirscht.

Welche Erfahrungen Schwarze jeden Tag in Deutschland machen – diese Frage wäre in der Tat wichtig gewesen. Doch sie wird nicht thematisiert. Weil Priscilla Layne sie nicht anspricht, aber auch weil Sandra Maischberger das Gespräch mit ihr offensichtlich schnell über die Bühne bringen will. Das ist eine verpasste Chance.

Das ist das Rededuell des Abends bei "maischberger. die woche"

Den Ansatz einer Diskussion gibt es dieses Mal nur im Trio der Kommentatoren. Es geht um die Frage, ob der Staat in die Entscheidungen von Unternehmen eingreifen soll, wenn sie mit Steuergeldern gerettet werden.

Ein klares Nein kommt dazu von Jan Fleischhauer. Der Focus-Kolumnist behauptet, der Vorsitzende der Linkspartei wolle der zu rettenden Lufthansa sogar schon die Reiseziele diktieren. "Soll ich beim Kaderbüro der Linkspartei anrufen, ob ich noch auf die Malediven darf?", fragt Fleischhauer sarkastisch. Das sei eine Form von Staatswirtschaft, die die meisten Deutschen nicht wollen.

Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens sieht das generelle Thema ein bisschen anders. Viele große Konzerne würden sich bereits aus eigener Kraft mit dem "ökosozialen Umbau" befassen. "Wenn Steuergelder in Firmen reinfließen, ist es geradezu absurd zu sagen, dass die Steuerzahler für ihr Geld kein Mitbestimmungsrecht haben sollen."

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Die Gastgeberin wirkt weniger entspannt als sonst. Dass sie die vorausgegangene Diskussion um die Gästeliste mit keinem Wort anspricht, zeugt nicht gerade von Selbstbewusstsein. Schließlich hätte sie das Thema auch aufgreifen können: Seit Sonntag sei man auf der Suche nach schwarzen Gesprächspartnern zum Thema Rassismus gewesen, hatte die Redaktion zuvor auf Twitter geschrieben. Offenbar erfolglos. Woran kann das liegen? Diese Frage spielt in der Sendung keine Rolle mehr. Auch das ist eine verpasste Chance.

Das ist das Ergebnis

Mit einem guten Gefühl dürften die meisten Zuschauer nicht ins Bett gegangen sein. Schließlich hat Helga Rübsamen-Schaeff am Ende noch ernüchternde Einschätzungen von der Corona-Front: "Ich glaube nicht daran, dass wir das Virus so schnell loswerden." Immerhin: Die Virologin findet, dass man nicht nur auf einen Impfstoff hoffen muss. Auch bei Medikamenten gebe es inzwischen zwei Kandidaten, die sich bei der Behandlung als wirksam erwiesen hätten.

Das Maischberger-Konzept der unterschiedlichen Gesprächsrunden zu unterschiedlichen Themen erweist sich häufig als unterhaltsam. Dass es an diesem Abend aber nicht so recht aufgeht, liegt auch an einem technischen Aspekt: Die Sendung ist nicht live, sondern wird um 21 Uhr aufgezeichnet.

Deshalb diskutiert die Runde noch über die Autokaufprämie, obwohl beim Zeitpunkt der Ausstrahlung schon bekannt ist, dass sich die Große Koalition dagegen entschieden hat.

Sandra Maischberger verabschiedet sich an diesem Abend in die Sommerpause. Für sie und ihr Team dürfte nun also genügend Zeit sein, um über den einen oder anderen Aspekt des Konzepts nachzudenken.