Stimmt die Gleichung, nach der "grünes Wirtschaften" gleichbedeutend mit roten Zahlen ist? Ist Klimarettung gleich Jobvernichtung? Bei Maybrit Illner stritten Donnerstagnacht auch die sogenannten Experten. Zwei Außenseiter zeigten sich unterdessen bestens vorbereitet und rhetorisch glänzend.

Eine Kritik
von Frank Heindl, Freier Autor

Worum ging es in Illners Talk "Grüne Wirtschaft, rote Zahlen – Klima gerettet, Jobs weg?"?

Siemens-Chef Joe Kaeser hat kürzlich ein PR-Desaster erlebt, als er der Klimaaktivistin Luisa Neubauer einen Job anbot, statt ihren Forderungen nachzugeben. Die Bundesregierung kassiert Kritik wegen einer vorgeblichen Verwässerung des Kohlekompromisses.

Mehr aktuelle News finden Sie hier

Gleichzeitig tummeln sich 2.800 Gäste beim Wirtschaftsforum in Davos: Große Worte, viele Versprechungen und "viel heiße Luft", wie Illner einleitend feststellte. Wird auf politischer Ebene nur geredet und nicht gehandelt? Verhindert wirtschaftliches Profitstreben die Klimarettung?

Das waren Maybrit Illners Gäste

Arndt Günter Kirchhoff ist einflussreicher Akteur im Interessensstreit zwischen Klimaschützern und Industrie. Als Industrielobbyist – er ist Präsident der Unternehmerverbände von Nordrhein-Westfalen, Präsidiumsmitglied im Bundesverband der Industrie (BDI) und im Arbeitgeberverband (BDA) – aber auch als Leiter der Kirchhoff Gruppe, die als Autozulieferer Geld verdient.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, CDU, hat den Kohlekompromiss und das Klimapaket der Bundesregierung mit ausgehandelt.

Carla Reemtsma studiert Politik und Wirtschaft und organisiert die Demos von "Fridays for Future" mit.

Der Autor Frank Schätzing hat mit "Der Schwarm" einen Millionen-Bestseller geschrieben. Für den brillanten Umweltthriller hat er jahrelang recherchiert.

Die Diplom-Volkswirtin Kerstin Andreae ist Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Sie war von 2012 bis 2019 eine von fünf stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion der Grünen.

So lief die Diskussion

"Fridays for Future", sagt Aktivistin Carla Reemtsma, bekomme aus der Gesellschaft viel Zuspruch, doch nach wie vor geschehe fast nichts, um den Klimawandel aufzuhalten. Die deutsche Industrie müsse mithelfen beim notwendigen Wandel, doch Firmen wie Siemens entschieden sich selten für die "wirklich guten Maßnahmen".

Das Gegenteil sei richtig, findet der Industrielle Kirchhoff: Die Industrie seit nicht das Problem, sondern Teil der Lösung, Siemens nicht abschreckendes Beispiel, sondern gutes Vorbild – das Unternehmen arbeite schließlich am Umbau zum nachhaltig agierenden Konzern. Alle Unternehmen, so Kirchhoff, setzen heute auf nachhaltige Konzepte, um "attraktiv" zu sein.

Auch zum Gipfeltreffen in Davos gab es stark unterschiedliche Meinungen: Während Autor Schätzing im Wirtschaftsforum eine "PR-Veranstaltung" sieht, bei der "alle aneinander vorbeireden", erkennt Wirtschaftsminister Altmaier einen Umschwung in der politischen Debatte: Im vorigen Jahr sei das Klima in Davos kaum ein Thema gewesen, diesmal aber werde fast nur darüber gesprochen.

Auch Kerstin Andreae sieht Davos positiv: Die Klimabewegung sorge für Druck in der Politik. Ursula von der Leyen als neue EU-Chefin habe mit ihren ambitionierten Klimazielen "mehr als nur eine Absichtserklärung" abgegeben.

Der US-Präsident macht aus seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos einen Wahlkampfauftritt. Neben Greta Thunberg gibt es noch einen zweiten Themenkomplex, den Trumpkomplett ausspart.

Kirchhoff: "Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt"

Kontroverser wird die Diskussionsrunde, als die Fragen konkreter werden. Und am schnellsten klar wird die Strategie von Unternehmer Kirchhoff: Er reicht den schwarzen Peter an die Politik weiter und stellt Forderungen.

Mehr aktuelle News finden Sie hier

Die geplanten neuen Stromtrassen müssen schnell gebaut werden, die Digitalisierung muss schneller vorangehen, das 5G-Netz muss schnell kommen, um der Industrie neue Märkte zu erschließen. Diese Feststellungen untermauert er mit Drohszenarien: Der Strukturwandel in der Auto- und Energieindustrie werde Arbeitsplätze kosten und das wollten die Unternehmer nicht, denn "bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt".

Außenseiter stehlen Experten die Show

Die Strategie der Umweltaktivistin Reemtsma ist eine andere: Die Studentin ist eine umfassend informierte, glänzend vorbereitete, rhetorisch geschickte Kontrahentin.

Als es um die Rolle des Vermögensverwalters Blackrock geht, der seine Investitionen künftig auch an der Nachhaltigkeit von Unternehmen ausrichten will, wird Reemtsma offensiv: Man könne die Bestrebungen der Kapital- und Finanzmärkte durchaus anerkennen, müsse aber daran festhalten, dass diese längst nicht ausreichten.

Schätzing fordert "radikale Schritte"

Richtig, assistiert ihr Schriftsteller Schätzing, es brauche weiterhin Druck auf die Wirtschaft. Er schiebt Zahlen nach, hat Daten parat, argumentiert mit wissenschaftlicher Akribie, erklärt, warum es enorm gefährlich ist, das 1,5-Grad-Ziel der Klimavereinbarungen von Paris zu verfehlen.

Er weist auf "Kipp-Punkte" hin, die Entwicklungen unumkehrbar machen – wie jetzt schon das Auftauen der Antarktis –, erklärt, dass Permafrostböden auftauen und klimaschädliches Methan freisetzen, dass die Effekte sich so multiplizieren, dass bei einer Erwärmung um drei Grad der Meeresspiegel um sieben Meter ansteigen werde.

Schätzings Fazit: "Die öffentliche Meinung muss sich hin zu radikalen Schritten entwickeln!"

Kirchhoff und Altmaier sahen alt aus

So zeigte sich, dass mit Schätzing und Reemtsma die eigentlichen Experten mit Kompetenzvorsprung in der Talkshow saßen. Und Wirtschaftsminister Altmaier machte es nicht besser, als er sich zu wiederholen begann und immer wieder vom steigenden Einsatz erneuerbarer Energien sprach, aber kein Argument fand gegen die angriffslustige Clara Reemtsma, die ihm vorhielt, für die Braunkohleförderung würden weiterhin Dörfer abgerissen, während für Windräder der Tausend-Meter-Abstand zu Wohnsiedlungen gelte.

Und noch einmal trumpft Autor Schätzing auf mit der Forderung nach neuem Denken. Er fordert andere Ideen: "Man braucht kein eigenes Auto!" Und noch einmal unterstützt ihn die junge Aktivistin: "Dafür brauchen wir die politischen Rahmenbedingungen." Auf diese Weise in die Defensive gebracht, sahen Altmaier und Kirchhoff richtig alt aus an diesem Abend. Und mit ihnen Deutschlands Politik und Wirtschaft.

Trump - Greta sollte sich auf andere Orte konzentrieren

Der US-Präsident sagte am Mittwoch in Davos, dass die USA in Sachen Emissionen besser denn je dastehen würden.