Über viele Jahre war sie das wohl bekannteste Gesicht der Linken. Nach einem Burnout trat sie zunächst kürzer, nun wird sie ihren Posten an der Spitze der Partei ganz abgeben. Ihre Nachfolge ist noch nicht geklärt. Politisch aktiv bleiben will Wagenknecht auf jeden Fall.

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Irgendwann Anfang des Jahres war Schluss: Sie konnte nicht mehr. Burnout. Der Arzt schrieb Sahra Wagenknecht für zwei Monate krank. Danach war für die heute 50-Jährige klar: Den Chefposten der Linken im Bundestag wird sie abgeben.

"Ich bin sehr froh, dass jetzt der Termin da ist", sagt Wagenknecht nun, kurz bevor es so weit ist. An diesem Dienstag wird die Fraktionsspitze der Linken im Bundestag neu gewählt. Jemand anderes wird künftig die 69-köpfige Fraktion führen.

Vier Jahre lang hat Wagenknecht, die zum linken Flügel ihrer Partei gehört, den Job gemacht - gemeinsam mit Dietmar Bartsch, dem gemäßigten Reformer. Das Spitzenamt, bei dem es aufs Netzwerken ankommt und darauf, Leute zusammenzuhalten, hat der Einzelkämpferin nie so richtig gelegen.

"Ich weiß, was ich kann und was nicht. Ich war irgendwann aufgerieben von den ständigen internen Angriffen und musste einsehen, dass ich ohne diese Funktion und den ständigen Druck politisch wahrscheinlich mehr bewegen kann", sagt sie im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Dauerstreit mit Katja Kipping und Bernd Riexinger

Mit Bartsch kam sie nach eigener Einschätzung gut klar: "Es gab nie eine Situation, wo einer den anderen öffentlich mies gemacht oder aus dem Hinterhalt angegriffen hat. Wenn wir diesen Umgang auch mit der Parteispitze hinbekommen hätten, wäre vieles leichter gewesen." Diesen Seitenhieb auf die beiden Parteichefs der Linken, Katja Kipping und Bernd Riexinger, gönnt sich Wagenknecht zum Abschied.

Mit Kipping und Riexinger lag sie im Dauerstreit unter anderem wegen der Migrationspolitik. Wagenknecht findet, eine Politik der offenen Grenzen für alle sei "weltfremd". Damit hat sie innerhalb der Linken viele gegen sich aufgebracht.

Die Noch-Fraktionschefin ist außerdem der Meinung, ihre Partei entferne sich von den Problemen ihrer eigentlichen Klientel.

"Viele verbinden mit dem Label links heute eher grünliberale Lifestyle-Themen als den Kampf gegen wachsende Ungleichheit und für mehr soziale Gerechtigkeit. Das ist ein großes Problem, denn das stößt viele Leute ab." Und sie ist dagegen, AfD-Wähler "alle als Rassisten oder gar Nazis abzustempeln".

Sahra Wagenknecht hält sich viele Optionen offen

Der Rückzug Sahra Wagenknechts könnte auf den ersten Blick wie eine Kapitulation wirken - vor den gesundheitlichen Folgen des Jobs und vor dem Fakt, dass sie mit ihren Ansichten so in der Partei nicht durchdringt. Vielleicht ist es aber auch nur ein strategischer Schritt zurück. Wagenknecht hält sich jedenfalls Optionen offen:

Sie bleibt Abgeordnete im Bundestag und kann sich aktuell auch vorstellen, nach dieser Legislaturperiode wieder für den Bundestag zu kandidieren. In Talkshows wird sie weiterhin ihre Meinung kundtun, auch wenn das vielleicht der Parteispitze nicht gefällt.

"Über Einladungen zu Veranstaltungen oder Talkshows entscheiden die, die einladen, und keine Parteiführung", sagt sie. Viele Partei- und Fraktionsmitglieder hätten sie ausdrücklich gebeten, weiter öffentlich aufzutreten und ein Gesicht der Linken zu bleiben.

Experte: Wagenknecht ist eine "feste Marke"

Aus Sicht von Politikwissenschaftlern wäre das für die Linke auch besser. "Personen machen immer mehr einen Unterschied - besonders beim Wähler", sagt Karl-Rudolf Korte vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen. Wagenknecht sei mit ihrem "linkem charismatischen Überschwang eine feste Marke".

Jürgen W. Falter, Politikwissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, nennt Wagenknecht eine "intellektuell brillante, rhetorisch hochbegabte Politikerin".

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Sie verstehe, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wie es kein anderer Politiker der Linken seit Gregor Gysi vermöge. "Ihr Ausscheiden aus der Fraktionsspitze der Linken bedeutet einen großen Verlust für diese Partei, von der das aber nicht so gesehen werden wird."

Zwei Kandidatinnen bewerben sich um Nachfolge

Wer die Linksfraktion als Doppelspitze künftig führen soll, darüber entscheiden die 69 Abgeordneten an diesem Dienstag. Dietmar Bartsch, bisheriger Co-Chef, will wieder antreten und hat gute Chancen, wiedergewählt zu werden.

Auf die frei werdende Stelle von Wagenknecht haben sich die bisherige stellvertretende Fraktionsvorsitzende Caren Lay und die niedersächsische Abgeordnete Amira Mohamed Ali beworben.

Wagenknecht will die frei werdende Zeit nutzen und Dinge tun, für die sie brennt: Lesen, publizistisch arbeiten und Bücher schreiben. "Ich bleibe politisch aktiv und werde mich für all die Themen, die mir am Herzen liegen, weiterhin engagieren, aber ich habe kein Interesse daran, innerparteiliche Kämpfe auszutragen."  © dpa

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