• Der Kommunikationswissenschaftler Friedemann Vogel sagt, Propaganda finde sich in Kriegszeiten bei allen Konfliktparteien.
  • Nicht nur im Kampf, sondern auch sprachlich gehe es bei aktuellen Debatten schnell um die Frage, wer "Freund" und wer "Feind" ist.
  • Der Ausdruck "Fake News" sei zudem "unpräzise und auch eine politische Kampfvokabel, er vernebelt mehr als er aufklärt".
Ein Interview

Herr Vogel, welche Rollen spielen Sprache und Medien im aktuellen Umgang mit dem Krieg?

Friedemann Vogel: Krieg ist der Ausnahmezustand einer Gesellschaft, auch wenn sie vielleicht nur indirekt beteiligt ist. Zuletzt ging es ja zum Beispiel immer wieder um die Fragen: Sollen Waffen in das Konfliktgebiet geliefert werden, will man aktiv in das Kriegsgeschehen eingreifen? Es geht um Menschenleben und in dem Moment, in dem die politische Diskussion sich um so etwas dreht, werden die sonst üblichen kommunikativen Praktiken in der Öffentlichkeit prekär.

Das heißt?

Das, was bis dahin vielleicht spontan geäußert werden konnte, etwa humoristische oder ironische Aussagen, funktioniert in so einem Krisenmoment nicht mehr so einfach. Weil sprachliche Bemerkungen in solchen Situationen schnell mit der Frage "Freund oder Feind?" verbunden werden. Ist jemand für oder gegen eine bestimmte mutmaßlich kriegsrelevante Entscheidung? Ist er Teil des wie auch immer gearteten Freundeslagers oder gehört er zum Gegner?

Friedemann Vogel
Friedemann Vogel sagt, Krisensituationen würden häufig dazu genutzt, um unbeliebte Entscheidungen durchzusetzen - auch mithilfe von Sprache.

Welche Rollen spielen überall zu lesende Wörter wie die "Zeitenwende", die Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner Regierungserklärung nach Kriegsausbruch gleich mehrfach ausrief?

Formulierungen wie "Zäsur" oder "Zeitenwende" haben derzeit wohl mehrere Funktionen: Sie sollen zunächst einmal eine emotionale Überwältigung durch die Ereignisse symbolisieren, sie sind Symptom einer Suche nach Neuorientierung. Auch viele wissenschaftliche KollegInnen hatten nicht erwartet, dass Putin die Ukraine angreifen würde.

Dazu kommt aber noch eine politisch-strategische Funktion, denn in "Krisen" kann man ziemlich effektiv unpopuläre Entscheidungen durchsetzen. Man erklärt die jeweilige Situation zu einer absoluten Ausnahmesituation, die praktisch nur eine Antwort erlaubt und keine Alternativen zulässt. Das Wort "alternativlos" war sogar Unwort des Jahres und gehörte zum Politikstil von Angela Merkel, sie hat damit zum Beispiel Milliardenausgaben in der Finanzkrise gerechtfertigt.

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Was medial gerade ebenfalls auffällig ist: Häufig werden Kriegsmetaphern verwendet, auch wenn es nicht um Kampfhandlungen geht. Woran liegt das?

Das beobachte ich schon seit einigen Jahren, zum Beispiel im Kontext der Corona-Pandemie. Diese Kriegsmetaphern eröffnen auch für nicht-militärische Sachverhalte einen schablonenartigen Deutungsraum, in dem sich ein "Freund" und ein "Gegner" oder "Feind" gegenüberstehen. Wer immer sich in einem solchen Raum positioniert, hat sich unweigerlich einer dieser beiden Rollen zuzuordnen. Zögern, Zweifel, Kritik machen verdächtig, selbst zum Feind zu gehören.

Schon im Rahmen der Pandemie konnten wir solche Denkmuster und Argumentationsfiguren beobachten, man sprach auch vom "Krieg gegen das Virus". Solche Schablonen sind aus meiner Sicht wirklich problematisch, weil sie stark emotionalisieren und Regierungspolitik gegen kritische Einwände immunisieren.

Allgegenwärtig ist der Krieg auch in den sozialen Netzwerken. Ist das neu?

Sie haben bereits in anderen umwälzenden Konflikten eine Rolle gespielt, etwa während des Arabischen Frühlings oder beim Putschversuch in der Türkei. Jetzt sind sie aber omnipräsent und erfüllen unterschiedliche Funktionen, da durchzublicken ist extrem schwer. Es gibt Beiträge, in denen User versuchen, Geschehnisse zu dokumentieren, wichtige Informationen zu teilen oder über Falschinformationen aufzuklären.

Wir beobachten aber natürlich auch den Einsatz von Social Media als kommunikative Waffe, mit der Authentizität suggeriert werden soll nach dem Motto: Man ist vor Ort und zeigt, wie es wirklich ist. Dabei ist sehr schwer zu beurteilen: Woher stammen die Szenen, wer hat sie aufgezeichnet? Sind sie eingebettet in eine größere Propagandastrategie, auf welcher Seite auch immer?

Medien haben die Aufgabe, diese Fragen zu beantworten oder die Geschehnisse zumindest einzuordnen. Werden Sie dieser Verantwortung gerecht?

Eine schwierige Frage. Vielfach findet man in der Presse den Ausdruck "Fake News" – der ist aber unpräzise und auch eine politische Kampfvokabel, er vernebelt mehr als er aufklärt. Das ist in einer Situation, die hoch emotionalisiert und polarisiert ist, durchaus gefährlich, weil es zu fehlerhaften Lagebeurteilungen führen kann. Wichtiger wäre zu klären: Welche Informationen sind unbeabsichtigte Irrtumsmeldungen? Wo wird etwas für wahr gehalten, weil es zu etablierten Vorurteilen passt und Klicks oder Likes bringt? Und wann hat man es mit gezielter strategischer Informationsmanipulation durch Konfliktbeteiligte zu tun?

Beurteilen kann man das derzeit nur mit beträchtlichem Recherche-Aufwand. Eine solche Recherche kann in den meisten Fällen, befürchte ich, aber nicht geleistet werden aufgrund mangelnder redaktioneller Ressourcen - und aufgrund der zunehmenden Brisanz der Geschehnisse. Es gibt immer mehr Berichte darüber, dass sich Journalisten zurückziehen müssen, weil die Situation zu gefährlich für sie wird.

Aktuell ist viel von "dem" Westen und "westlichen Werten" die Rede. Was hat es damit auf sich?

Es gibt momentan die Losung "Der Krieg in der Ukraine vereint Europa". Konflikte zwischen der Europäischen Union und Polen, Ungarn sowie Großbritannien scheinen vergessen oder irrelevant geworden. Formulierungen wie "der Westen" oder "westliche Werte" tragen dazu bei. Es sind ideologische, positiv klingende Schlagwörter, mit denen Einheit sowohl bezeugt werden soll als auch eingefordert wird. Sie markieren sprachlich die Grenze zwischen der Gruppe der "moralisch Guten" und jener der Gegner.

Im aktuellen Fall ist das natürlich das Russland Putins, aber allgemein trifft das auch schnell Kritiker "westlicher" Innen- oder Außenpolitik. Wollte man genauer nachfragen, was mit diesen einheitlichen Tugenden und Werten verbunden sei, dann würde man schnell auf Widersprüche stoßen.

Woran denken Sie da konkret?

Wir erleben das zum Beispiel im unterschiedlichen Umgang mit Julian Assange und Alexej Nawalny. Nawalny wird von Politik und Presse mehrheitlich im Deutungsrahmen des "moralisch guten Regimegegners" oder "Oppositionellen" dargestellt. Der Vorwurf des UN-Sonderberichterstatters Nils Melzer, Assange werde in der EU gefoltert, verhallt dagegen weitestgehend ungehört. Die "westlichen Werte" sind also recht flexibel "befüllbar".

Das funktioniert auch mit anderen sogenannten Hochwertwörtern, zum Beispiel "Sicherheit", "Freiheit" oder "Demokratie". Die USA hatten ihre Irak-Invasion einst unter anderem mit "Demokratisierung" begründet und dem Ziel, man müsse dort die Entwicklung von Atombomben verhindern. Putins Strategen haben damals sicherlich sehr genau zugehört. ­

Als "Held des Westens", wie es auf dem Cover eines Nachrichtenmagazins heißt, gilt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der vor dem Krieg aus unterschiedlichen Gründen in der Kritik stand.

Das ist typisch für Kriegskonstellationen: die Popularisierung und Heroisierung von einzelnen Personen, mit denen man sich identifizieren kann. Das spielt für das Kriegsgeschehen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ukraine eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung. Selenskyj bietet sich aus verschiedenen Gründen für eine solche Rolle an ­­- nicht nur weil er Präsident ist, sondern weil er auch zuvor schon in der Populärkultur bekannt war. Auch seine Social-Media-Aktivitäten dürften dazu beitragen.

Putin wird zugleich als Person oft pathologisiert und dehumanisiert. In beiden Fällen handelt es sich um Personalisierungen, die auch in Friedenszeiten eine wichtige Rolle in der öffentlichen Debatte spielen. Sie reduzieren die Komplexität der historischen Situation, vereinfachen damit aber auch schnell und oft falsch.

Und was ist mit der etwa auf russischer Seite verbreiteten Propaganda?

Propaganda – also Versuche der Verhaltensbeeinflussung etwa durch Falschinformationen, Emotionalisierung, Dämonisierung des Gegners, Selbststilisierung – müssen wir grundsätzlich immer bei allen Konfliktparteien annehmen. Zu deren Arsenal gehört dann auch der Vorwurf, nur die andere Seite betreibe Propaganda. Wie der Informationskrieg derzeit auf beiden Seiten geführt wird, welche Operationen greifen oder scheitern, darüber wird momentan viel spekuliert. Auf Social Media werden Indizien gesammelt, aber selten fachlich sortiert.

Klar ist allerdings: je stärker die Presse in ihrer Arbeit staatlich eingeschränkt wird - etwa durch strafbewehrte Zensur, wie das momentan in Russland der Fall zu sein scheint -, desto anfälliger werden die Menschen für propagandistische Informationen.

Zur Person:
Friedemann Vogel ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Siegen und beschäftigt sich vor allem mit Sozio- und Diskurslinguistik. Er ist verantwortlich für den "Diskursmonitor", dabei handelt es sich eigenen Angaben zufolge um eine "Online-Plattform zur Aufklärung und Dokumentation von strategischer Kommunikation".

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