Hat der SPD-Chef Schulz wirklich noch das Sagen in der Partei? Seine Macht sichert derzeit vor allem die Tatsache, dass sich mögliche Konkurrenten nicht aus der Deckung wagen.

Der frühere SPD-Politiker Franz Müntefering hat den Parteivorsitz einmal als "das schönste Amt neben Papst" bezeichnet. Martin Schulz scheint es derzeit aber kein Glück zu bringen.

Nach dem schlechten Ergebnis bei der Bundestagswahl muss der SPD-Chef nun über eine Neuauflage der Großen Koalition verhandeln, die an der Basis auf Vorbehalte stößt.

Wenn die Sondierungen platzen, sei seine Karriere zu Ende, soll Schulz laut einem Bericht der "Bild-Zeitung" gesagt haben.

Zumindest derzeit sitzt Schulz fest im Sattel. So sieht es der Politikwissenschaftler Gero Neugebauer. "Es gibt niemanden, der zurzeit Vorsitzender werden möchte – oder dafür gehandelt wird", sagt er unserer Redaktion.

Einen Führungsstreit zum Beispiel mit Fraktionschefin Andrea Nahles könne er nicht sehen. "Nahles und Schulz haben Arbeitsteilung vereinbart, und die funktioniert."

Hendrik Träger von der Universität Leipzig sieht das ähnlich: "Martin Schulz ist derzeit ein Stück weit alternativlos, weil sich andere Leute nicht in den Vordergrund drängen", sagt der Politikwissenschaftler. "Nach den 20,5 Prozent bei der Bundestagswahl und angesichts der schwierigen Verhandlungen mit der Union befindet sich die SPD gerade in einer sehr schwierigen Situation."

Zurückhaltung aus strategischen Gründen

Trotz der komplizierten Lage: An personellen Alternativen zu Schulz würde es noch nicht einmal mangeln. Es gebe durchaus Politiker, die sich den Parteivorsitz zutrauen, so Träger.

Neben Fraktionschefin Nahles könnten das nach seiner Einschätzung auch die Ministerpräsidenten Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern, Stephan Weil aus Niedersachsen sowie Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz sein.

Zögern sie nur, weil sie sich den Parteivorsitz aktuell nicht zumuten wollen?

Träger vermutete eher strategische Gründe: "Man lässt Schulz machen und wartet ab, wie die Verhandlungen ausgehen. Mögliche Konkurrenten wollen jetzt nicht als Königsmörder dastehen – denn der Königsmörder bekommt selten den Thron."

Als Retter in der Not, der von anderen ins Spiel gebracht wird, habe ein Konkurrent dagegen bessere Karten.

Umtriebiger Gabriel

Und was ist mit Sigmar Gabriel? Der SPD-Außenminister profiliert sich mit Reisen und als Gastgeber seines türkischen Amtskollegen. Und über seine Partei äußert er sich in Gastbeiträgen – offenbar eher zum Missfallen von Schulz.

Politikwissenschaftler Träger hält diese Umtriebigkeit aber durchaus für legitim: "Deutschland befindet sich in einer Situation, in der auch ein geschäftsführender Außenminister aktiv sein muss", sagt er. "Die Welt dreht sich weiter. Angesichts der Konflikte in einigen Regionen kann man vom Vizekanzler und Außenminister nicht erwarten, dass er sich ein halbes Jahr lang zurückhält."

Dass Gabriel wieder an die Stelle von Schulz treten will, gilt als unwahrscheinlich. In den Sondierungen mit der Union spielt er keine Rolle. Womöglich will er sich aber als Minister für eine erneute Große Koalition empfehlen.

Außenminister würde er wohl gerne bleiben – aber auch Ambitionen auf das Finanzministerium wurden ihm schon nachgesagt.

Politikwissenschaftler Neugebauer berichtet, dass in der SPD-Parteizentrale der Witz kursiere. Demnach müsse irgendwo ein Tresor mit dem Koalitionsvertrag versteckt sein, den Gabriel und Kanzlerin Merkel schon vor einem Jahr unterschrieben hätten.

"Viele Gefahrenstellen zu umschiffen"

Um Minister zu bleiben, wäre aber auch Gabriel darauf angewiesen, dass Parteichef Schulz die SPD-Basis wirklich noch einmal auf eine Großen Koalition einschwören kann.

Das dürfte schwierig werden, glaubt Politikwissenschaftler Träger: "Die Parteiführung müsste die Verhandlungspartner schon überzeugen, ein klassisches sozialdemokratisches Thema auf die Agenda zu setzen."

Das könnte ihm zufolge zum Beispiel eine langfristige Strategie zur Einführung einer Bürgerversicherung sein – auch wenn die dann vielleicht nicht so heißen würde.

Davon müsste er aber erst einmal die Unionsparteien überzeugen.

"Es gibt noch viele Gefahrenstellen für Martin Schulz in den kommenden Wochen und Monaten", sagt Träger. "Nur wenn er diese Klippen umschifft, wäre seine Situation gefestigt."

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