In Berichten und Diskussionen zum Syrien-Krieg ist oft von "den" Rebellen die Rede, die gegen das Assad-Regime kämpfen. Doch wer sind "die" Rebellen überhaupt? Eine wichtige Frage, denn die Lage in Syrien ist unübersichtlich. Gemäßigte Kräfte haben es schwer. Radikal-islamistische Gruppen beherrschen inzwischen die Rebellen-Gebiete.

Seit nunmehr fünf Jahren versinkt Syrien in einem grausamen Bürgerkrieg - die Situation in den Kampfgebieten ist undurchsichtig. Von dem Regime um Machthaber Baschar al-Assad auf der einen und "den" Rebellen auf der anderen Seite zu sprechen, wird der Lage längst nicht mehr gerecht.

Gegen die Regierung kämpfen unterschiedliche Gruppen mit teils unterschiedlichen Zielen. Dazu gehören auch zahlreiche lokale Verbände – das "Institute for the Study of War" in Washington listet mittlerweile mehr als 200 verschiedene Rebellen-Gruppen auf.

Über einen Korridor sollen die in Aleppo verbliebenen Rebellen in die angrenzende Provinz Idlib fliehen können. Diese gilt als letzte Hochburg der Rebellen. Ein sicherer Hafen ist sie jedoch nicht. Denn schon seit Wochen bombardieren das Assad-Regime und sein wichtigster Verbündeter Russland die Provinz mit der gleichnamigen Hauptstadt. Nicht nur deswegen deutet sich an, dass sich die Kämpfe nun dorthin verlagern.

Moderate Gruppen haben es schwer

Vor allem sunnitische Deserteure schlossen sich im Sommer 2011 zur Freien Syrischen Armee (FSA) zusammen. Ihr Ziel zunächst: die lokale Bevölkerung gegen das Assad-Regime zu schützen.

Später griffen sie auch Regierungstruppen direkt an. Da die FSA aus vielen gemäßigten Kämpfern bestand, wurde sie schnell zum Ansprechpartner des Westens.

Schließlich galt sie nicht nur als Gegner des Assad-Regimes, sondern auch der Terrormiliz "Islamischer Staat". Die Rede war von etwa 75.000 Bewaffneten.

Die Hoffnung der USA und Europas war es, dass die moderaten Kräfte nach dem Krieg eine demokratische Alternative zum Assad-Regime aufbauen könnten. Die USA bildeten daher Kämpfer der FSA aus und versorgten sie mit Waffen.

Allerdings hat die FSA an Einfluss verloren – und offenbar gar keine zentrale Machtstruktur mehr. Sie sei "eher eine Marke als eine Kommandostruktur", schrieb die "New York Times" im vergangenen August.

"De facto existiert die Freie Syrische Armee nicht mehr", sagt Professor Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz, im Gespräch mit unserer Redaktion. "Die Kämpfer kooperieren fast ausnahmslos mit den islamistischen Milizen oder haben sich ihnen angeschlossen – weil die besser zahlen."

Radikale Gruppen mit Unterstützung aus dem Ausland

Laut Meyer sind die Rebellen-Gebiete inzwischen in erster Linie Regionen, in denen radikal-islamistische Gruppen das Sagen haben. Der nach Freiheitskämpfern klingende Begriff "Rebellen" sei daher auch eher "deplatziert", so Meyer.

Diese Entwicklung habe auch mit Saudi-Arabien und Katar zu tun, die Kampftruppen im syrischen Bürgerkrieg unterstützen – wenn auch mit etwas unterschiedlichen Schwerpunkten.

Katar etwa finanziere genau wie die Türkei mehrere Milizen, die mit der Muslimbruderschaft in Verbindung stehen, so Meyer. Saudi-Arabien dagegen stehe hinter salafistischen Gruppen.

Auch unter den radikal-islamistischen Milizen ist die Lage unübersichtlich, es kommt offenbar immer wieder zu Zusammenschlüssen und Spaltungen. Als eine bedeutende Gruppe galt zum Beispiel bisher Ahrar al-Scham mit mehr als 20.000 Bewaffneten.

Im November 2013 hatte Ahrar al-Scham zusammen mit anderen Gruppen die "Islamische Front" gegründet, die daraufhin als das größte Oppositionsbündnis galt.

Die englischsprachige Nahost-Zeitung "The National" schrieb vor rund einer Woche allerdings, dass die Bedeutung eher ein Mythos sei: Ahrar al-Scham sei intern zerstritten und habe trotz Unterstützung aus der Türkei und Katar nie größere Gebiete beherrscht.

Eine Grafik der Gebiete, unter der Kontrolle der Terrororganisation Islamischer Staat (IS).

Ein Ableger von Al-Kaida

Von sich reden macht auch die wohl mindestens 15.000 Kämpfer zählende Al-Nusra-Front – ursprünglich der Ableger von Al-Kaida in Syrien. Die Vereinten Nationen stufen die Front als Terrorgruppe ein.

Im Juli 2016 sagte sie sich zwar offiziell von Al-Kaida los und nannte sich Fatah al-Scham.

De facto sei sie aber weiterhin ein Ableger des Terrornetzwerks, so Wissenschaftler Günter Meyer. Die Bewaffneten, die in Ost-Aleppo gegen die Regierungstruppen kämpfen, sollen zu einem großen Teil zu Fatah al-Scham gehören.

Auch wenn man eher das Gegenteil erwarten könnte: Verbindungen der Gruppe zum Terror-Regime des "Islamischen Staates" im Osten Syriens bestehen laut Meyer kaum.

Zwar vertreten die frühere Al-Nusra-Front und der "Islamische Staat" (IS) eine ähnliche ideologische Orientierung, stehen aber auch in Konkurrenz zueinander.

"Der Unterschied ist, dass der IS noch kompromissloser agiert und den staatlichen Anspruch auf ein Kalifat erhebt – während die Nusra-Front vor allem eine radikale islamistische Miliz ist."

Kurden kämpfen für eigenen Staat

Im Norden Syriens spielen wiederum die kurdischen Kämpfer eine zentrale Rolle. Aufgrund der Schwäche der Freien Syrischen Armee gelten sie inzwischen als wichtigster Verbündeter des Westens im Bürgerkrieg, auch im Krieg gegen den IS.

Die etwa 50.000 Mann starken Volksverteidigungseinheiten – kurz YPG – liegen allerdings auch im Konflikt mit der Türkei, denn sie gelten als militärischer Arm einer Partei, die wiederum der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe steht.

Ihr langfristiges Ziel gefällt sowohl der Türkei als auch dem Assad-Regime nicht: Sie wollen, dass nach dem Bürgerkrieg eine neue staatliche Ordnung mit einer autonomen Kurdenregion entsteht.

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Exklusiv-Fotos: Kampf gegen IS-Terror aus Sicht der Soldaten

Fotograf Sylvio Hoffmann begleitet "embedded" Anti-IS-Koalition beim Kampf um Mossul - exklusive Fotos für unsere Redaktion.