Der schwere Terror-Anschlag am Atatürk-Flughafen in Istanbul ähnelt den Anschlägen von Paris und Brüssel und trägt die Handschrift der Terrormiliz "Islamischer Staat". In allen Fällen beschreibt dabei ein Wort die perfide Tötungsstrategie: Inghimasi.

Selbstmordattentate sind keine perverse Erfindung des sogenannten "Islamischen Staates", sondern ein mörderisches Stilmittel des Terrors, welches der IS bevorzugt anwendet.

So wie im Januar 2016, als ein Selbstmordbomber vor der Hagia Sophia in Istanbul seine Sprengstoffweste neben einer Reisegruppe zündete und acht deutsche Touristen mit in den Tod riss.

"Inghimasi" soll Opfer-Zahl erhöhen

Bei den Anschlägen von Paris, Brüssel und nun am Istanbuler Atatürk-Flughafen wurde eine noch perfidere Variante des Selbstmord-Attentats angewendet, welche als "Inghimasi" bekannt ist und eine maximale Opferzahl zum Ziel hat.

Der Attentäter mordet dabei nicht allein durch seine Selbsttötung mittels einer Sprengstoffweste oder eines Sprengstoffgürtels. Zuvor soll der Selbstmordattentäter, ausgestattet mit einer Handfeuerwaffe und eventuell zusätzlichen Handgranaten, so viele Menschen wie möglich töten.

Dass er dabei selbst ums Leben kommt, ehe er den Sprengstoff am Körper zünden kann, gehört zum verstörenden Kalkül des Plans. Ein Überleben der Kommando-Aktion ist keinesfalls vorgesehen.

Ursprünglich wurden in Syrien und dem Irak Attentate mit Selbstmordbombern verübt, die sich in Autos ihrem Ziel näherten. Mit "Inghimasi" wurde dem Terror eine Variante hinzugefügt, um vor allem sogenannte "weiche Ziele" anzugreifen: in erster Linie Personengruppen im öffentlichen Raum.

Terror-Experte Michael Weiss, Co-Autor des Buches "ISIS: Inside the Army of Terror" erklärte gegenüber CNN: "Inghimasi kennt man aus Syrien und dem Irak. Sie schießen an Checkpoints um sich. Dann rennen sie auf einen Gegner zu und umarmen ihn, bevor sie den Sprengstoffgürtel zünden."

IS sucht "Inghimasi"-Kandidaten gezielt aus

Nach Angaben eines ehemaligen tunesischen IS-Kämpfers rekrutiert die Terrormiliz mit entsprechender Vorselektierung. Ein IS-Bewerber kann demnach wählen, ob er als regulärer Kämpfer an der Front, als Selbstmordbomber (Istishhadi) oder als "Inghimasi" eingesetzt werden will.

Eine Angabe, welche von "Zeit Online" indirekt nach Auswertung authentischer Bewerbungsformulare des IS bestätigt wurde.

Inghimasi-Attentäter führen ihre Terror-Anschläge in der Regel als Team durch und sollen auch an der Front in Syrien eingesetzt werden, um feindliche Linien zu durchbrechen. Bei Erfolg suchen sie ein nächstes Ziel, geraten sie in Bedrängnis, zünden sie den Sprengstoff, den sie am Körper tragen.

Anfang des Monats hatte der IS im Internet die Verantwortung für einen Anschlag nahe Bagdad übernommen. Ein "Inghimasi"-Kommando hatte sich stundenlange Feuergefechte mit Sicherheitskräften und irakischen Soldaten geliefert und dabei über 20 Menschen getötet, ehe die Terroristen in Bedrängnis gerieten und mit dem Zünden der Sprengstoffgürtel weitere Todesopfer forderten.

CIA-Chef: Keine Gedanken über Flucht machen

"Sie müssen sich keine Gedanken über einen Fluchtweg machen", betonte CIA-Chef John Brennen jüngst bei einer Podiumsdiskussion. "Das macht es für sie so viel einfacher, ihre Attacken durchzuführen."

US-Sicherheitsexperten erklärten gegenüber CNN, dass es nach den Anschlägen von Paris innerhalb der Islamisten-Szene Diskussionen über einen Strategiewechsel gegeben habe, nachdem man aus den Angriffen Lehren gezogen hatte.

Die wichtigste sei gewesen, dass es wohl effektiver wäre, zuerst seine Handfeuerwaffen einzusetzen, bevor man am Ende die Körper-Bomben zündet.

Sicherheitsexperten betonen, dass die "Inghimasi"-Taktik im öffentlichen Raum noch schwerer zu verhindern sei, als die bislang bekannten Anschläge durch Selbstmordbomber.

Der Terror von Istanbul hat diese Vermutung auf tödliche Weise bestätigt.