Gewalttaten erschüttern Deutschland in diesen Tagen, viele Bürger haben nach Ansbach, Reutlingen, München und Würzburg Angst vor Amok und Terror. Doch eine Statistik zeigt, dass der Höhepunkt des Terrors in Europa zwischen 1972 und 1988 lag. Doch das darf politisch nicht falsch interpretiert werden, sagt Terror- und Sicherheitsexperte Jörg H. Trauboth.

Herr Trauboth, was fällt beim ersten Blick auf diese Statistik auf?

Jörg H. Trauboth: Zwischen der in Europa subjektiv empfundenen Terrorgefahr und den Zahlen über Terroropfer klafft ein signifikanter und auf den ersten Blick beruhigender Unterschied, der im Wesentlichen strukturelle und psychologische Ursachen hat.

Die Analyse der Zahlen aus den vergangenen 35 Jahren zeigt deutlich, dass der Höhepunkt des europäischen Terrors im Zeitraum 1972 bis 1988 lag. In diesen Jahren starben jährlich mehr als 150 Menschen durch Terrorangriffe. Mit Beginn der 1990er-Jahre gibt es einen rapiden Abfall.

Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach. "Jetzt also auch Deutschland" denken viele und werfen dabei unterschiedliche Zutaten in einen Topf, in dem nun die Angst hochkocht und mitunter auch der Hass brodelt. Dieses Süppchen kann nicht schmecken. Dabei sollte sich niemand seiner Angst schämen. Beim Hass verhält es sich jedoch anders. Ein Kommentar.

Wie lässt sich das begründen?

Der Grund ist einfach und zugleich richtungsweisend für den aktuellen Kampf gegen den internationalen Terrorismus: Die Terrorzellen (wie RAF oder ETA) wurden eliminiert oder haben sich aufgelöst.

Im Jahr 2004 zeigt die Karte einen erneuten Anstieg. Was für eine Bedeutung hatte Madrid?

Mit den Anschlägen 2004 durch islamistische Terroristen auf Züge in Madrid (191 Tote) wurde in Europa ein neues terroristisches Zeitalter eingeläutet. Der islamistische Terror zieht seine Blutspur in Europa mit besonderer Konzentration auf Frankreich.

Trotzdem liegen die Zahlen der Todesopfer 2015 und auch 2016 im Vergleich weit unter den Zahlen der 1970er- und 1980er-Jahre. Das Angstempfinden der Menschen verhält sich jedoch genau reziprok zwischen damals und heute.

Warum begreifen die Menschen in Deutschland bei diesen vergleichsweise "niedrigen" Zahlen den Terror als die derzeit größte Gefahr für ihr Leben?

Mit dem neuen Terrorismus verhält es sich so wie der konventionelle Krieg zum asymmetrischen Krieg, womöglich mit hybriden Erscheinungsbildern. Soll heißen: Transparenz des feindlichen Potenzials gegenüber verdeckter Kampfführung mit ungleichen Waffen.

Asymmetrisch und hybrid verhält es sich auch mit dem neuen islamistischen Terrorismus. Wir wissen nicht genau, wer die islamistischen Kämpfer sind, und wo sie wie gegen welche Ziele als nächstes zuschlagen werden.

Sie meinen, weil die Menschen die neue Gefahr kaum bis gar nicht zu fassen bekommen, steigen ihre Ängste weiter?

Der Kampf gegen den Terror ist ein Kampf gegen ein Phantom, das jederzeit und überall zuschlagen kann, sei es auf Befehl aus der Terrorzentrale oder in eigener Regie als individuell Radikalisierter oder, wie gerade in Ansbach geschehen, aus einer verheerenden Mischung von Amoklauf mit islamistischem Gedankengut.

Diese Unsicherheit spüren die Menschen, und genau das macht zu Hause und im Urlaub Angst. Die Angst vor noch viel Schlimmerem ist auch berechtigt, denn das Bild sieht außerhalb von Europa bereits gänzlich anders aus.

Inwiefern?

In den vergangenen 15 Jahren starben weltweit über 100.000 Menschen durch Terror, davon "nur" 420 Tote in Westeuropa und die meisten im Irak, in Afghanistan, Pakistan, Nigeria, Indien und Syrien mit zum Teil fünfstelligen Zahlen. Doch auch die USA verzeichnen in diesem Zeitraum über 3.000 Terrortote, davon allein mehr als 2.000 durch den 9. September 2001.

Wie hat sich der neue Terrorismus verändert?

Der neue Terrorismus konzentriert sich zunehmend auf Westeuropa, ist aber offensichtlich aktuell nicht in der Lage, einen großen Anschlag wie 9/11 zu realisieren. Gleichwohl hat Europa es den islamistischen Terroristen zu lange zu leicht gemacht, mit lokalen Anschlägen und der garantierten medialen Schockwelle verheerend in unserem Lebensgefühl zu wirken.

Wie müssten die Behörden dem neuen Terrorismus Ihrer Meinung nach begegnen?

Solange der "Islamische Staat" nicht von der Landkarte verschwunden ist, werden wir ihm weiter hinterherlaufen. Frankreich ist historisch und gesellschaftlich bedingt nur der Beginn einer rasanten terroristischen Entwicklung in Europa.

Was könnte passieren?

Ein nicht auszuschließender Einsatz "schmutziger (nuklear verseuchten) Bomben" würde die europäische Sicherheitsarchitektur und damit auch die gesamte Statistik auf den Kopf stellen.

Wie schätzen Sie die Statistik abschließend ein?

Sie ist trotz niedriger Fallzahlen in den vergangenen Jahren höchst gefährlich, weil sie politisch falsch interpretiert werden könnte. Die Politik sollte das Angstverhalten der Bürger außerdem nicht unterschätzen und dringlich eine überzeugendere Sicherheitspolitik liefern, bevor der Wähler das Vertrauen in die Politik verliert und das quittiert.

Zur Person: Jörg H. Trauboth ist Oberst a. D. der Luftwaffe, flog in Kampfflugzeugen PHANTOM und TORNADO und vertrat zuletzt die Interessen Deutschlands im Militärausschuss der NATO (Brüssel). Er quittierte mit 50 Jahren den Dienst und beriet als Krisenmanager europäische Unternehmen und Behörden in weltweiten Gefährdungslagen. Heute ist er Krisenmanagement-Sachbuchautor, gefragter Sicherheitsexperte und hat den neuen Terror in seinem Polit-Thriller "Drei Brüder" verarbeitet. Sein neues Sachbuch "Krisenmanagement in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen" erscheint im September 2016. Webseite: http://trauboth-autor.de.