Nach den Nazi-Vorwürfen im türkischen Wahlkampf, dem Ja im Referendum über ein Präsidialsystem unter Staatschef Recep Tayyip Erdogan sowie der Verhaftung des "Welt"-Journalisten Deniz Yücel sind die deutsch-türkischen Beziehungen so angespannt wie selten zuvor. Nun formuliert die türkische Regierung erneut die Erwartung von Wirtschaftshilfen an die Adresse Deutschlands.

Nach dem Referendum: die drängendsten Fragen und Antworten.


Bereits beim Treffen der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) vergangene Woche in Washington habe man Möglichkeiten durchgespielt, wie man der Türkei aktuell wieder aus der wirtschaftlichen Schieflage helfen könne, erklärt Mehmet Simsek im Gespräch mit der "Bild"-Zeitung. Und der türkische Vize-Premierminister betont: "Dafür brauchen wir Deutschland."

Simsek plädiert für Rückkehr zur Normalität

Es sei an der Zeit "zu einer Normalität in den Beziehungen zurückzukehren", fordert Simsek. Die türkische Erwartung von wirtschaftlicher Unterstützung seitens Deutschlands ist nicht neu, vor dem Hintergrund der aktuellen Spannungen aber bemerkenswert.

Schließlich hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erst kürzlich eine geplante wirtschaftliche Unterstützung für die Türkei wegen der Verhaftung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel infrage gestellt.

"Wir waren gut unterwegs, doch dann kam diese Verhaftung", hatte der CDU-Politiker vergangene Woche im "Spiegel" erklärt. "Das macht es jetzt wahnsinnig schwer."

Schäuble hatte zwar eine grundsätzliche Bereitschaft der Bundesregierung signalisiert, der Türkei bei der Überwindung ihrer wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu helfen und darüber auch mit Simsek gesprochen.

Allerdings waren diese Gespräche vor der Verhaftung Yücels sowie dem Verfassungsreferendum geführt worden.

Schäuble äußerte sich zuletzt skeptisch

Der Bundesfinanzminister hatte darauf hingewiesen, dass die Türkei für die Aussicht auf deutsche Wirtschaftshilfen zunächst gewisse rechtsstaatliche Voraussetzungen erfüllen beziehungsweise wiederherstellen müsse. Gegenwärtig, so Schäuble im "Spiegel", sei die Situation in der Türkei aber "nur zum Weinen".

Die Türkei steckt nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 wirtschaftlich in der Krise. Anschläge der Terrormiliz "Islamischer Staat" hatten zusätzlich zu massiven Einbußen in der Tourismusbranche geführt.

Die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union ist in weite Ferne gerückt. Seitdem das Land 1999 zum offiziellen Beitrittskandidaten ernannt wurde, war die Situation noch nie so schwierig wie im Moment. Gibt es dennoch Chancen? Und was sind die größten Hürden? Ein Überblick.