Der Schlagabtausch zwischen Angela Merkel und Martin Schulz hat keinen klaren Sieger und wenig Neues erbracht. Vielleicht die Gelegenheit, um über eine Reform des Formats nachzudenken?

Zu viele Gemeinsamkeiten, zu wenige Themen? Nach dem TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD) bleibt fraglich, ob das Format seinem Ruf als Höhepunkt des Wahlkampfs gerecht wird. Fünf Lehren aus der mit Spannung erwarteten Sendung:

1. Schulz hat sich gut geschlagen – aber nicht gut genug.

Vor allem für den Herausforderer war das TV-Duell ein wichtiger Termin: eine der wenigen Möglichkeiten, doch noch Bewegung in die enttäuschenden Umfragewerte zu bringen.

"Martin Schulz hat sich ganz gut geschlagen", sagt Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Umfragen sehen Merkel zwar als Siegerin, Schulz hat aber offenbar eine größere Zahl an Zuschauern positiv überrascht.

Ehemaliger Verteidigungsminister knöpft sich bei "Anne Will" sowohl Schulz als auch Merkel vor.

"Allerdings konnte er nicht so richtig Druck auf die Kanzlerin aufbauen und auch nicht seine eigenen Themen setzen", sagt Brettschneider.

Ein Herausforderer müsse in diesem Format klar machen, was er besser machen will. "Das gelingt, wenn zum Beispiel die Wirtschaftslage schlecht oder die Wähler allgemein unzufrieden sind. Schulz hatte dafür kaum Ansatzpunkte. Das ist aus der Großen Koalition heraus auch schwierig."

2. Die Themenauswahl war zu einseitig.

Die Moderatoren hatten sich offenbar gegen einen Galopp durch möglichst viele Gebiete entschieden. Stattdessen diskutierten sie mit den Kandidaten länger über einzelne Themen: Integration und Flüchtlinge, Außenpolitik, Terrorbekämpfung.

Eigentlich nicht verkehrt, findet Frank Brettschneider: "Man weiß aus Umfragen, dass Wählerinnen und Wähler es nicht schlecht finden, wenn einmal über eine längere Zeit nur über ein Thema gesprochen wird."

Trotzdem bezeichnet er die Auswahl als eher enttäuschend: "Über Wohnungspolitik, Klimaschutz oder die Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen zum Beispiel wurde gar nicht gesprochen."

3. Die Wirkung des TV-Duells wird möglicherweise überschätzt.

Als Höhepunkt des Wahlkampfs hatten die vier Sender die gemeinsame Sendung angekündigt. Allein aufgrund der hohen Zuschauerzahl ist das Fernsehduell für Politiker wie für Wähler in der Tat eine Besonderheit im Terminkalender.

"Aber es ist nicht der Höhepunkt des Wahlkampfes", ist Frank Brettschneider überzeugt. "Dazu gibt es zu viele andere Kontaktpunkte zwischen Parteien und Wählern." Viel wichtiger sei die traditionelle Medienberichterstattung in den verbleibenden Wochen.

4. Auch wer nicht mitreden darf, kann von diesem Schlagabtausch profitieren.

Seit dem ersten Duell im Bundestagswahlkampf 2002 haben Vertreter der kleineren Parteien das Format teils scharf kritisiert. Warum dürfen sich nur die Vertreter der beiden großen Parteien präsentieren?

In der Tat würden zunächst die beiden großen Parteien vom TV-Duell profitieren, erklärt Brettschneider – schon wegen der medialen Aufmerksamkeit im Umfeld.

"Unentschiedene könnten sich aber nach der Sendung auch stärker für die kleineren Parteien interessieren", glaubt er. Denn die Konfrontation förderte ja nicht zuletzt viele Gemeinsamkeiten zutage.

Dem Wähler könnte laut Brettschneider bewusst werden, dass es zwischen den beiden großen und den kleineren Parteien möglicherweise die größeren programmatischen Unterschiede gibt.

5. Das Format könnte eine Reform gebrauchen.

Nicht nur Vertreter der kleinen Parteien, auch viele Journalisten sehen das teils starre Format kritisch. Brauchen die Bürger wirklich ein Fernsehduell? Beim Wähler sei es allerdings besser als sein Ruf, glaubt Kommunikationsexperte Brettschneider.

Die Konzentration auf die beiden Spitzenkandidaten von Union und SPD habe etwa auch einen klaren Vorteil: "Eine Diskussion mit sieben Parteien würde wahrscheinlich in das übliche Talkshow-Durcheinander ausarten."

"Das Format an sich ist sicher nicht verkehrt", sagt der Professor deshalb. "Aber es könnte ein Stück weit reformiert werden." Die Zahl von vier Moderatoren etwa sei zu hoch – auch wenn sie letztlich den Interessen der vier übertragenden Sender geschuldet ist.

Sinnvoller sei es zudem, die Sendung näher an den Wahltermin zu rücken – und weniger über Grundsatzpositionen, dafür aber fokussierter über konkrete Fragen zu sprechen.

Vor allem aber hält der Professor eine größere Bandbreite bei den Themen für wünschenswert – "und die Möglichkeit, auch die Zuschauer einzubeziehen".

Das, so Brettschneider, ließe sich zum Beispiel über Umfragen zu den fünf, sechs wichtigsten Themen des Wahlkampfes erreichen.