Plötzlich Kanzlerkandidat und Parteichef: Martin Schulz soll die SPD in die Bundestagswahl führen. Die Lage auf dem Spielfeld ist für den Politiker und leidenschaftlichen Fußballfan schwierig - aber auch nicht ganz aussichtslos.

Bundestagswahl 2017: Parteien, Umfragen, Kandidaten

Als Schüler wollte Martin Schulz Profi-Fußballer werden, eine Meniskus-Verletzung machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Jetzt soll er mit 61 Jahren seine Mannschaft SPD als Kanzlerkandidat bei der Bundestagswahl in ein so großes wie scheinbar aussichtsloses Spiel führen.

Eine Überraschung ist die Personalie eigentlich nicht. Aber die Umstände des hastigen Auswechselspiels bei der SPD lassen das Ganze dann doch nach einem Holperstart aussehen.

Immerhin soll Schulz auch Parteivorsitzender der Sozialdemokraten werden - dann wäre er quasi Mannschaftskapitän und Spielertrainer in einem. Kann er die SPD noch einmal nach vorne bringen?

K-Frage geklärt: Für die SPD die Chance auf echten Neuanfang.

Der Spielertyp: Vom Joker zum Spielführer

Martin Schulz macht seit mehr als 40 Jahren Politik - und ist trotzdem keine ganz alltägliche Figur auf dem politischen Spielfeld. Der Rheinländer hat die Schule abgebrochen, später als Buchhändler gearbeitet, spricht fünf Fremdsprachen fließend. Und: Er hat Offenheit und Willenskraft bewiesen.

Als junger Erwachsener war Schulz Alkoholiker. Seit dem Alter von 24 Jahren habe er dann nie wieder einen Tropfen angerührt, sagte er in einem Interview mit der Zeitung BZ. Ein Mensch mit einer bewegten Lebensgeschichte also - und ein Politiker, der bei seinen Leuten offenbar ankommt.

Laut einer Umfrage von infratest dimap wollten im vergangenen Dezember 59 Prozent der SPD-Anhänger Schulz als Kanzlerkandidaten. Mit so einem Vertrauensvorschuss geht man sicher motiviert ins Duell mit Angela Merkel.

Die Taktik: Sicherheit geht vor

Aber wie will Schulz für den Erfolg sorgen? Für welche Themen steht er? Den Deutschen ist er in erster Linie als Präsident des Europäischen Parlaments bekannt. Passt das zu einem Wahlkampf, in dem Sicherheitsfragen eine große Rolle spielen könnten?

"Schulz ist international gut eingebunden. Die Themen Sicherheit und vor allem äußere Sicherheit sind da ein Pfund, mit dem er wuchern kann", glaubt Jörg Siegmund, Experte für Demokratie- und Wahlforschung bei der Akademie für Politische Bildung Tutzing.

Zudem hat sich Schulz das Thema soziale Gerechtigkeit auf die Agenda gesetzt. Auf dem Feld habe der Europa-Politiker bisher eher wenig Spuren hinterlassen, so Politikwissenschaftler Siegmund. "Aber seine Biographie bietet da viele Anknüpfungspunkte. Das ist ein Thema, das er authentisch bearbeiten kann."

Die Spielweise: Bissiger Zweikämpfer

SPD-Mitglied und Wahlkampfberater Eric Flügge machte im Morgenmagazin der ARD eine "gigantische Euphorie" in seiner Partei aus. Martin Schulz spreche "wie ganz normale Leute", die Strategen müssten dafür sorgen, dass er im Wahlkampf "so häufig spricht, wie es geht".

Zuspitzen kann der Sozialdemokrat auf jeden Fall, auch vor Zweikämpfen hat er keine Angst. Europaweit berühmt wurde der Politiker 2003 mit einem verbalen Scharmützel mit dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi.

Aber nimmt Schulz es auch mit Angela Merkel auf? Mit der CDU-Chefin und Bundeskanzlerin hat er in den Krisenjahren der EU schließlich eng zusammengearbeitet. Jörg Siegmund glaubt, dass Schulz gegenüber Merkel sowohl Fairness als auch Angriffslust zeigen wird. "Er steht sicher für eine Linie, die sich klarer von der CDU abgrenzt."

Ein Pluspunkt seien dabei die rhetorischen Fähigkeiten des Rheinländers: "Schulz ist ein guter Redner, der ganz unterschiedliche Wählergruppen ansprechen kann. Er hat eine gewisse Bodenständigkeit und zeigt Kante, aber er beherrscht auch eine andere Klaviatur."

Die Spielsituation: Rückstand aufholen

Das vielleicht größte Problem von Schulz ist die Ausgangslage. Die Umfragewerte sind im Keller, seine Partei verunsichert. Und dann noch der holprige Start als Kanzlerkandidat. Man könnte sagen, dass die SPD auf dem Spielfeld einem gehörigen Rückstand hinterherläuft.

Politik-Experte Siegmund sieht den Schlüssel zum Erfolg bei Schulz auch in dessen Mitspielern: "Es wird jetzt viel auf das Personaltableau ankommen, mit dem er antritt. Und darauf, ob es ihm gelingt, ein wirkliches Team zu formen."

Selbst wenn ein Sieg bei der Bundestagswahl 2017 bislang noch unwahrscheinlich erscheint: Vielleicht gelingt Schulz und der SPD ja doch noch ein wichtiger Anschlusstreffer - und plötzlich wird es wieder spannend.

"In vergangenen Wahlkämpfen hat sich gezeigt, dass sich eine große Gruppe der Wähler erst spät entscheidet", sagt Jörg Siegmund. "Da ist noch Bewegung drin."