Die viel beschworene Angst des Torwarts beim Elfmeter scheint längst verflogen. Es sind vielmehr die Schützen, deren Knie auf dem Weg zum Punkt oftmals schlottern - insbesondere dann, wenn sie einen so genannten "Elfmetertöter" zwischen den Pfosten wissen.

Manche "Elfmetertöter" vertrauen schlicht ihrer Intuition, andere wiederum lassen sich die skurrilsten Methoden einfallen, um im Duell Schütze gegen Torwart zu glänzen.

Während Jens Lehmann sich gerne mal ominöse Zettel mit Informationen über gegnerische Schützen zustecken lässt, denkt sich sich der polnische Torhüter Jerzy Dudek gleich eine Art "Tanz-Choreographie" aus, um seine Gegenüber zu irritieren.

Ein Porträt der gefürchtetsten Elfmeterkiller und ihrer teilweise unkonventionellen Methoden finden Sie auf den folgenden Seiten.

Jerzy Dudek galt lange Zeit nicht als klassischer Elfmetertöter. Allerdings entwickelte er im Champions-League-Finale 2005 zwischen seinem Verein FC Liverpool und dem AC Mailand, das erst im Elfmeterschießen entschieden wurde, eine ganz besondere Technik für Elfmeterparaden.

Vor jedem Schuss eines Mailänders sprang der Pole von links nach rechts auf der Torlinie herum, schleuderte dabei seine Hände wie ein Hampelmann in der Luft umher und kreiste teilweise sogar noch mit den Hüften dazu, um so den anlaufenden Schützen zu irritieren.

Seine Taktik ging auf: Er parierte gleich zwei Elfer und wurde mit dem FC Liverpool Champions-League-Sieger. Sein "Rumgehüpfe" ging als "Dudek-Dance" in die Fußballhistorie ein. Eine britische Pop-Band widmete dem Torhüter sogar einen eigenen Song mit dem Titel "Du the Dudek". Im dazugehörigen Musikvideo tanzen Models, in Anlehnung an die Bewegungen des Torwarts vor den Elfmetern, den "Dudek-Dance".

Edwin van der Sar lehrt gegnerische Elferschützen schon seit Jahren das Fürchten. Mit seinen 37 Jahren zählt er nicht nur zu den besten Torhütern der Welt, sondern auch zu den routiniertesten.

Dies wurde einmal mehr deutlich, als er im Champions-League-Finale 2008 zwischen seinem Verein Manchester United und dem FC Chelsea im Elfmeterschießen eine ganz abgebrühte Variante zur Elfmeter-Abwehr anwendete: Er sprang bei jedem Schuss der Londoner in ein und dieselbe Ecke, die von ihm aus gesehen rechte.

Seine Strategie war erfolgreich. Als Chelsea-Stürmer Nicolas Anelka beim Stande von 6:5 für Manchester zum Punkt marschierte, malte er sich vielleicht aus, dass van der Sar nun seine Taktik ändern würde. Doch weit gefehlt: Der Manchester-Torwart blieb seiner Linie treu, parierte den Elfer und machte sein Team damit zum Champions-League-Sieger.

Sergio Goycochea reiste nur als zweiter Torhüter des argentinischen Nationalteams zur WM 1990 nach Italien und wurde dennoch zum Helden. Er profitierte dabei von einer Verletzung des eigentlichen Stammtorhüters Nery Pumpido.

Heldenstatus erreichte Goycochea, als er im Viertelfinale des Turniers gegen Jugoslawien im Elfmeterschießen gleich zwei Elfer parierte und dieses Kunststück im Halbfinale gegen Italien noch einmal wiederholen konnte.

Er ist damit der einzige Torhüter, der in einer einzigen WM-Endrunde vier Elfmeter parieren konnte. Den entscheidenden Elfmeter im Finale gegen Deutschland konnte er allerdings nicht entschärfen. Andreas Brehme bezwang den argentinischen Elfmetertöter mit einem platzierten Strafstoß ins linke Eck. Nach seiner aktiven Karriere studierte Goycochea Sportjournalismus und arbeitet heute als Moderator im argentinischen Fernsehen.

Wie Sergio Goycochea konnte auch Toni Schumacher insgesamt vier Elfmeter bei WM-Endrunden vereiteln - allerdings bei zwei WM-Teilnahmen. Beide führen damit die Liste der besten Elfmetertöter bei Weltmeisterschaften an.

Im Halbfinale der WM 1982 zwischen Deutschland und Frankreich lag die DFB-Elf mit 1:3 in der Verlängerung zurück, schaffte noch den Ausgleich und zwang die Franzosen damit in das erste Elfmeterschießen der WM-Geschichte. Toni Schumacher konnte zwei Elfer parieren und sicherte damit der deutschen Elf den Finaleinzug.

Auch in der Bundesliga war Schumacher als Elfer-Killer berüchtigt. Insgesamt konnte er 21 Strafstöße in der Liga vereiteln und rangiert damit hinter Rudi Kargus (24 gehaltene Elfer) auf Platz zwei der ewigen Elfmetertöter-Liste der Bundesliga.

Berliner Olympiastadion, 30. Juni 2006: Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Beim Stand von 5:3 läuft Cambiasso für Argentinien an, Jens Lehmann springt nach links, wehrt den Ball ab und stürzt ein ganzes Land in einen kollektiven Freudentaumel.

Zuvor hatte Lehmann bereits den Elfmeter von Ayala entschärft. Kurios: Torwarttrainer Andy Köpke hatte ihm vor dem Elfer-Schießen einen Zettel mit Informationen zu den Schützen zugesteckt.

Gerne wird er an diese späte Sternstunde in seiner Nationalmannschaftskarriere zurückdenken. Erst mit 37 Jahren konnte er Oliver Kahn auf die Ersatzbank verdrängen und die Nummer eins im deutschen Tor werden.

Auch bei seinen Vereinsmannschaften konnte Lehmann einige entscheidende Elfmeter halten. So avancierte er bereits 1997 zum Helden, als er im Elfmeterschießen des UEFA-Cup-Finales gegen Inter Mailand gleich den ersten Elfer parierte und mit Schalke 04 UEFA-Cup-Sieger wurde.

Bei Arsenal London bewies er ebenfalls Nervenstärke, als er in der letzten Minute des Champions-League-Halbfinales 2006 einen Strafstoß entschärfen konnte und Arsenal so den Einzug ins Finale rettete.

Als Jens Lehmann 1997 mit Schalke 04 den UEFA-Cup holte und sich bereits damals als "Elfmetertöter" profilierte, stand Manuel Neuer noch in der Schalke-Fankurve. Aktuell befindet er sich selbst auf dem Weg dahin, seinem Vorbild von damals nachzueifern.

Im Champions-League-Viertelfinale 2008 deutete er erstmals an, dass mit ihm ein neuer Stern am "Elfmetertöter-Himmel" aufgehen könnte. Neuer parierte im Elfmeterschießen zwischen Schalke und dem FC Porto gleich zwei Elfmeter und wurde zum umjubelten Helden des Abends.