Der Videobeweis bringt mehr Gerechtigkeit beim Fußball, ja. Aber wie der VAR in der Bundesliga angewendet wird, ist ein einziges Ärgernis - wie man wieder beim 3:0 des Hamburger SV gegen Hertha BSC erleben konnte.

Eine Kolumne
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Samstagabend im Volksparkstadion. Alles hätte so schön sein können. Spitzenspiel der 2. Liga, Hamburger SV gegen Hertha BSC, 57.000 Zuschauer, ausverkauftes Haus. Dann kam wieder der Stimmungskiller: der VAR.

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Die Umsetzung ist das Problem

Es ist müßig zu diskutieren, ob der Videobeweis für mehr Gerechtigkeit in der Bundesliga sorgt. Das tut er. Die Fehlerquote sinkt zwar nicht auf Null, aber doch so beträchtlich, dass die Schiedsrichter seltener falsche Entscheidungen treffen.

Es geht um die Umsetzung. Niemand im Stadion konnte erkennen, warum der erste Glatzel-Tor zurückgepfiffen wurde. Schlimmer noch: Anstoß, Anzeige und Weiterspielen überschnitten sich im Ablauf so, dass die Verwirrung groß war.

Nur kurze Zeit später: Elfmeterpfiff, Gerangel vor der Ausführung, der erkorene Schütze Laszlo Benes im Wartestand, plötzlich VAR-Hinweis, Schiedsrichter Frank Willenborg Schiedsrichter raus zum Monitor am Spielfeldrand. Minuten vergehen.

Irgendwann leuchtete der Hinweis auf ein vorangegangenes Handspiel auf der Stadionanzeige, was die Irritation nur vergrößerte: Welches Handspiel? Der Schiedsrichter hatte es selbst erst auf dem Monitor erkannt. Aber wer wo?

"Das Thema ist uns insgesamt zu unreif"

Orientierung gab allein das Ergebnis: Da stand 0:0 statt 1:0. Die Zuschauer im Stadion, die ja viel Geld für das Erlebnis ausgeben, dass sie live sehen, was auf dem Rasen passiert, blieben im Unklaren. Die Wut der Leute: unüberhörbar.

Dabei haben die Schiedsrichter bei der Frauen-WM, allesamt weiblich, doch gezeigt, wie's richtig geht: Entscheidung korrigiert oder nicht, dann Mikrofon auf - und Ansage ans Publikum, was los war. Weiter geht's!

Der deutsche Schiedsrichter-Chef Lutz-Michael Fröhlich aber lehnt genau diese Lautsprecher-Durchsagen in der Bundesliga ab, er sagt: "Da gibt es zu wenig Erfahrung. Das Thema ist uns insgesamt zu unreif.“

Nein, er irrt. Wenn etwas unreif ist, dann der Videobeweis in Deutschland. Es ist kein Zufall, dass der Ärger um die Arbeit des Video Assistent Referee (VAR) im Ausland und bei großen Turnieren kleiner ist als in den Profiligen hierzulande.

Fußball muss für die Zuschauer da sein

Eine Stadiondurchsage des Schiedsrichters, warum er seinen Pfiff bestätigt sieht oder doch korrigieren muss, wird von keinem Regeltext verboten. Die Chance: dass man im emotionalen Moment eines Spiels das Schiri-Urteil kapiert.

So ehrlich muss man bleiben: Ein Schiedsrichter, der seine Entscheidung nicht vor vollen Rängen öffentlich in einem Satz zusammenfassen kann, ist für die Aufgabe vermutlich nicht geeignet. Auch das gehört zur ganzen Wahrheit.

Vielleicht wollen die Deutschen alles zu perfekt machen und lieber nicht als unvollständig kommunizieren. Dabei vergessen wird: Fußball wird nicht für die Schiedsrichter gespielt, sondern für die Zuschauer und Fans.

Pit Gottschalk ist Journalist, Buchautor und Chefredakteur von SPORT1. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit'ch erhalten Sie hier.
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