Gegen Italien bestreitet Joachim Löw sein 100. Länderspiel als Bundestrainer (20:45 Uhr LIVE hier im Ticker und im ZDF). Ausgerechnet Italien, gegen das Löw bei der EM 2012 seine schwerwiegendsten taktischen Fehler als DFB-Coach begeht. Seitdem steht der 53-Jährige vermehrt in der Kritik - und nur der WM-Titel 2014 würde daran etwas ändern.

Am heutigen Freitag steht Deutschland der italienischen Nationalmannschaft in Mailand gegenüber. Für Löw ist es das 100. Länderspiel als Chefcoach. Einzig Sepp Herberger (167), Helmut Schön (139) und Berti Vogts (102) haben mehr DFB-Partien an der Seitenlinie hinter sich gebracht. Für den 53-Jährigen der passende Anlass, ein Resümee zu ziehen: "Das Einzige, was ich empfinde, ist Dankbarkeit", sagt Löw vor seinem Jubiläums-Spiel. Es ist vor allem Dankbarkeit gegenüber dem Deutschen Fußball-Bund, "der auch hinter mir stand, als es unglaublich eng war."

"Eng" wird es für Löw vor allem nach der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. Damals deutet fast alles auf ein Finale gegen Spanien hin. Zu überzeugend sind die Leistungen der deutschen Elf in den Spielen zuvor. Zu groß scheint der Leistungsunterschied zu Halbfinal-Gegner Italien.

Taktik-Fehler führen zu Trainer-Diskussion

Doch dann kommt alles anders: Italiens Mario Balotelli schießt die DFB-Elf mit zwei Toren aus dem Turnier. Der Schuldige für diese Pleite ist schnell ausgemacht: Joachim Löw und seine Taktik-Umstellungen. Erst Wochen später gab Löw Fehler in der Aufstellung zu.

In der Öffentlichkeit mehrt sich seitdem die Kritik am titellosen Löw, doch innerhalb des DFB steht der Schwarzwälder zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion. Auch Kapitän Philipp Lahm hebt die positiven Entwicklungen unter dem Bundestrainer hervor: "Man sieht in den Jahren mit Joachim Löw, dass wir erfolgreich, aber auch attraktiv Fußball spielen, dass wir offensiv denken. Mit vielen, vielen spielstarken Typen hat sich der Fußball unter ihm verändert."

Nur der Titel zählt

Dennoch ist gut ein halbes Jahr vor der WM 2014 in Brasilien klar: Die Zeiten, in denen gute Platzierungen und eine erkennbare Entwicklung der jungen deutschen Mannschaft für ein positives Turnier-Fazit reichen, sind vorbei. Da hilft es Löw auch nicht, dass Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff im "kicker" behauptet, er sei "mit dem Halbfinale zufrieden". Die Fußball-Fans sehen das anders. Das weiß auch Löw, der nach 2006 (als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann) und 2010 in Brasilien zum dritten Mal eine Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft betreuen wird. Löw betont: "Wir streben den Titel immer an."

Legt man die Drei-Punkte-Regel als Maßstab an, ist Löw der erfolgreichste Bundestrainer der DFB-Geschichte. Im Schnitt sammelte der 53-Jährige in seinen bisherigen 99 Länderspielen als Coach 2,22 Punkte. Damit ist er erfolgreicher als Berti Vogts (2,18) und Jupp Derwall (2,15) und sogar bedeutend erfolgreicher als die Weltmeister-Trainer Franz Beckenbauer und Sepp Herberger (beide 1,85). Dennoch sind Löws Zahlen fast ohne Wert. Es fehlt der Titel.

Chance auf die Revanche

Im Jubiläums-Spiel hat Löw mit seiner Mannschaft zunächst einmal die Chance, an Italien Revanche für das EM-Aus zu nehmen. Es wäre der erste Sieg gegen die "Squadra Azzurra" seit 18 Jahren. Die Bilanz gegen den Nachbarn aus dem Süden ist verheerend: Von 31 Duellen gewann Deutschland nur sieben. Bei einer EM oder WM gab es noch keinen Sieg gegen den viermaligen Weltmeister. Unvergessen ist auch die 0:2-Niederlage im WM-Halbfinale 2006.

Löw interessiert das alles nicht mehr. Er demonstriert vor dem Match Selbstvertrauen: "Wir fahren nicht mit Angst nach Italien, sondern mit Respekt", sagt der Bundestrainer. Borussia Dortmunds Marco Reus will vor allem Erkenntnisse zum Leistungsstand der Mannschaft ziehen: "Solche Spiele helfen uns zu sehen, wo wir stehen."

Besonders aussagekräftig ist das Spiel jedoch nicht. Der Bundestrainer muss mehr improvisieren als ihm lieb sein dürfte. Leistungsträger Miroslav Klose wird Löw mit einer Schulterverletzung fehlen, Mario Götze oder Max Kruse könnten dessen Rolle in der Sturmspitze übernehmen. Mats Hummels wird wohl nach für den grippekranken Per Mertesacker im Abwehrzentrum neben Jerome Boateng auflaufen und Toni Kroos an der Seite von Sami Khedira im defensiven Mittelfeld agieren.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Italien: Buffon - Abate, Barzagli, Bonucci, Criscito - Marchisio, Montolivo, Pirlo, T. Motta - Osvaldo, Balotelli

Trainer: Cesare Prandelli

Deutschland: Neuer - Lahm, J. Boateng, Hummels, Jansen - Khedira, T. Kroos - T. Müller, Özil, Reus - M. Götze

Trainer: Joachim Löw

Schiedsrichter: Olegario Benquerenca