Toni Kroos' ungewohnt scharfe Kritik an einigen Kollegen lässt aufhorchen. Es war ein klares Signal an die Mannschaft und an einige Spieler: In der Form gehört Deutschland nicht zum engen Favoritenkreis.

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Natürlich geht es immer auch noch schlimmer. Argentinien zum Beispiel, Vizeweltmeister und gemessen an seinen Einzelspielern eine der Top-5-Nationen der Welt, wurde am Mittwochabend von Spanien 1:6 vermöbelt. Oder besser gesagt: In seine Einzelteile zerlegt. In Argentinien ist deshalb nach einer völlig verkorksten WM-Qualifikation und dem glücklichen Last-Minute-Zugang zur Endrunde schon wieder Land unter.

Dagegen nehmen sich die Probleme der deutschen Nationalmannschaft vergleichsweise lächerlich klein aus. Das 0:1 gegen Brasilien war nach zuvor 22 Spielen in Folge die erste Niederlage für die Mannschaft von Joachim Löw, zuletzt verlor Deutschland im EM-Halbfinale 2016 gegen Frankreich. Fast zwei Jahre blieb die Mannschaft also ungeschlagen und gegen ein wiedererstarktes Brasilien kann man auch ohne dessen Superstar Neymar verlieren - zumal Deutschland nicht eben mit seiner A-Elf angetreten war.

Mats Hummels, Jonas Hector, Sami Khedira, Thomas Müller, Mesut Özil oder Timo Werner wurden (zunächst) nicht berücksichtigt, dazu fehlt ja auch immer noch Stammkeeper Manuel Neuer. Diese Personalien könnten gerne für die eine oder Ausrede herhalten. Toni Kroos zog es unmittelbar nach dem Spiel aber vor, einigen Kollegen nochmal ordentlich ins Gewissen zu reden und sparte nicht mit offener Kritik. "Einige hatten die Chance, sich zu zeigen, aber das haben sie nicht getan. Wenn man die Möglichkeit hat in so einem Spiel, dann kann man hier und da schon eine andere Körpersprache erwarten", erklärte Kroos erstaunlich schonungslos.

Toni Kroos kritisch: "Das ärgert mich"

Toni Kroos ärgert sich nach der Niederlage gegen Brasilien über seine Mitspieler. © DAZN

Rüdiger verpatzt seine Chance

Namen nannte der Routinier keine und trotzdem ist klar, an wen die Kritik gerichtet war: an die Spieler aus der zweiten Reihe. Marvin Plattenhardt spulte lediglich sein Pensum herunter. Der Berliner hatte nach dem Spanien-Spiel von Löw quasi die Zusage erhalten, dass er als Backup des gesetzten Hector mit nach Russland reisen dürfe. Das schien jedoch eher zu hemmen als zusätzlich zu motivieren. Plattenhardt spielte solide, traute sich aber kaum mal etwas zu.

Leon Goretzka, Ilkay Gündogan und Leroy Sané bekamen von Beginn an ihre Chance. Goretzka war noch beim Confed Cup im letzten Sommer eine prägende Figur, gegen die Weltklasse-Spieler der Brasilianer stieß der Schalker aber doch zu oft an seine Grenzen.

Gündogan zeigte starke Ansätze und dass er im zentralen Mittelfeld eine Option sein kann. Aber ihm unterliefen auch einige haarsträubende Fehler, die auf diesem Niveau in der Regelmäßigkeit tödlich sein können. Der Manchester-Star gab sich nach dem Spiel deshalb auch selbstkritisch und einsichtig. Sané ist einer der wenigen Spieler im Kader mit absoluter Top-Geschwindigkeit. Aber er verzettelte sich in Einzelaktionen, verpasste mehrmals das Abspiel und blieb am Ende blass.

In der Defensive durfte Kevin Trapp entgegen von Löws Ankündigung nun doch die komplette Partie an Stelle von Macr-Andre ter Stegen absolvieren. Trapp blieb in seinem Kernthema fehlerlos, beim Gegentor sah er zwar unglücklich aus, der Kopfstoß aus kurzer Distanz war aber auch schwer zu parieren. Mit dem Fuß offenbarten sich aber durchaus einige Schwächen, gerade im Vergleich zu den ballsicheren Ter Stegen oder Neuer.

Am meisten fiel aber wohl Antonio Rüdiger ab. Der durfte für Hummels neben Jerome Boateng verteidigen.

Beim Gegentor ließ sich Rüdiger gleich in zwei Aktionen in Folge aus dem Zentrum ziehen und fehlte dann gegen Torschützen Jesus. Im Aufbau setzte Rüdiger kaum Akzente, war fahrig in seinen Aktionen, legte sich mit den Gegenspielern an, statt sich auf seine eigene Leistung zu konzentrieren und konnte unterm Strich mit dem Auftritt kaum Punkte sammeln bei Löw. Mit Matthias Ginter saß ein anderer Innenverteidiger 90 Minuten lang auf der Bank, der Gladbacher dürfte aber trotzdem als der heimliche Gewinner des Abends gelten.

Leistungsgefälle im Kader

"Es ist gut zu sehen, dass noch einiges fehlt. Wir haben noch eine Menge Luft nach oben. Mannschaftlich überwiegt klar das Negative. Wir haben gesehen, dass wir nicht so gut sind, wie es uns manchmal eingeredet wird oder auch einige bei uns denken", sagte Kross dann noch. Von der Favoritenrolle beim Turnier in Russland wollte Kroos nur noch wenig wissen. "Es ist eigentlich völlig wurscht, wo wir stehen. Aber es ist definitiv nicht so, dass wir dieser absolute Favorit sind, der nach Russland fährt. Aber das war vorher Quatsch, das ist jetzt Quatsch. Jetzt sehen es vielleicht ein paar mehr so."

Gegen die absolute Topspitze wurde jetzt gegen Spanien und Brasilien klar, dass zwischen der Stammformation mit 14, 15 gesetzten Spielern auf Weltklasseniveau und dem Rest des Kaders doch ein klarer Qualitätsunterschied besteht. Die zweite Hälfte gegen Spanien fiel deutlich ab, das Spiel gegen Brasilien war mit einer besseren B-Elf von Beginn an klar von dem entfernt, was die A-Elf in der ersten Halbzeit gegen Spanien zeigte.

Der Weg führt über Spanien

Deutschland bleibt natürlich trotzdem einer der Favoriten. Kroos wollte gewiss noch einmal mit Nachdruck wachrütteln und zielte deshalb eine Spur übers Ziel hinaus. Im Grunde hat er mit seiner Kritik aber Recht, denn die Konkurrenz bei der WM ist groß.

Spanien ist in unglaublich guter Frühform und besitzt eine enorme Kadertiefe. Brasilien hat in der souveränen WM-Quali gezeigt, dass die Mannschaft mit Coach Tite endlich das unglaubliche Potenzial seiner Einzelspieler nutzen und ausschöpfen kann.

Die Franzosen haben einen ähnlich starken Kader wie Deutschland, Spanien oder Brasilien, sind aber auch noch ein wenig auf der Suche. Zuletzt gab es nach einer 2:0-Führung zu Hause noch ein 2:3 gegen Kolumbien.

England, Portugal oder Belgien sind gefährliche Teams, die Belgier sogar nah dran an der Weltspitze. Auch mit dem Trio ist wohl zu rechnen. Und mit Argentinien. Die Albiceleste ist zwar noch immer keine Mannschaft, die Demütigung in Spanien könnte aber auch einige nochmals so richtig aufgerüttelt haben. Und dass diese Mannschaft offensiv so stark ist wie keine andere, muss man wohl nicht extra erwähnen.

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