Nach dem blamablen Ausscheiden der deutschen Handball-Nationalmannschaft bei der EM in Kroatien steht Bundestrainer Christian Prokop unter Beschuss. Der 39-Jährige hat viele Fehler gemacht - die Verantwortlichen wollen aber an ihm festhalten.

Jetzt werden alle Beteiligten erstmal abtauchen. Nach dem krachenden Aus der deutschen Handballer bei der Europameisterschaft in Kroatien und der harschen Kritik von allen Seiten wollen die Protagonisten die Ereignisse der letzten Tage ein bisschen sacken lassen.

Erst in zwei bis drei Wochen werde man eine "ernste, ehrliche und harte Analyse" betreiben, wie DHB-Vizepräsident Bob Hanning versprach. Dabei müssten sich alle hinterfragen, "angefangen bei mir, bis zum Trainerstab und jedem einzelnen Spieler."

DHB-Präsident Andreas Michelmann äußerte sich ähnlich, nur etwas zurückhaltender. "Wir stellen uns unserer Verantwortung. Wir werden alles gründlich auswerten und dann mehr dazu sagen." Spätestens mit Beginn dieser Auswertungen dann wird es aber zur Sache gehen - und zwar schonungslos.

Hanning: "Prokop steht nicht zur Disposition"

Das betrifft auch und in erster Linie Bundestrainer Christian Prokop. Eine vorzeitige Freistellung des 39-Jährigen wegen "nur" einer verpatzten EM hält Hanning für ausgeschlossen. "Für mich steht der Trainer nicht zur Disposition. Wir haben das Ziel, mit ihm weiterzumachen."

Das erste große Turnier der "absoluten Wunschlösung" für die Nachfolge von Dagur Sigurdsson geriet für den Verband, für die Mannschaft und nicht zuletzt für Prokop selbst zu einer einzigen großen Enttäuschung.

Trotzdem will auch der Bundestrainer selbst weitermachen. Wenige Minuten nach dem Desaster gegen Spanien wischte Prokop Gerüchte, er würde von sich aus hinwerfen, vom Tisch. "Das kann ich ausschließen, weil ich etwas vorhabe", sagte er da. "Ich möchte eine Mannschaft in Zukunft präsentieren, mit der man sich sehr gut identifizieren kann."

Das große Sigurdsson-Vermächtnis

Mit Prokop hat sich der Deutsche Handball-Bund für eine auf mehreren Ebenen riskante Variante entschieden. Prokop war bisher nur als Vereinstrainer aktiv - und auch das erst seit einigen Jahren. Die Spielerkarriere musste er wegen Verletzungen früh beenden, eine Länderspielkarriere kam auch deshalb nie zustande.

Damit unterschied sich Prokop von vielen seiner Vorgänger. Das muss indes kein Makel sein, auch Martin Heuberger war kein verdienter deutscher Nationalspieler.

Das Problem besteht wohl eher darin, dass Prokop auf einen Trainer folgen musste, der enorm erfolgreich und beliebt war und aus einer Mannschaft von Greenhorns eine Truppe von Weltformat gebastelt hat. Und der, wie nur wenige vor ihm, schnell und ausnahmslos einen Draht zu seinen Spielern gefunden hat, von der Nummer eins bis zur Nummer 16 im Kader und darüber hinaus.

Sigurdssons große Stärke war die Art, wie er die Mannschaft emotional packen konnte, wie er sich vor sie stellen konnte und seine Spieler ihm dann blind gefolgt sind. Technisch oder handwerklich ist Prokop womöglich sogar besser ausgebildet als der Isländer, im Fußball würde man einen wie ihn - jung, unerfahren, ohne große eigene Spielerkarriere - wohl einen Laptoptrainer nennen. Dass es zwischenmenschliche Differenzen zwischen Trainer und Mannschaft gab, haben beide Seiten vehement bestritten. Manchmal sogar so vehement, dass es aufgesetzt wirkte.

Unglückliche Kaderauswahl

Das alles spielt im Erfolg keine Rolle. Nur hat sich der bei dieser EM einfach nicht einstellen wollen. Deutschland hat nur zwei von sechs Spielen gewonnen, der erste Sieg gegen Montenegro wurde zudem zum Streichergebnis und hatte keine Relevanz für die Zwischenrunde. Die Mannschaft schwankte extrem in ihren Leistungen.

Prokop machte sich nach dem letzten Testspiel gegen Island schon angreifbar, als er die beiden Europameister Rune Dahmke und Finn Lemke aus dem Kader strich.

Gerade die Personalie von Abwehrchef Lemke wurde intern heftig und kontrovers diskutiert. Prokop wollte eine offensivere Verteidigungsstrategie verfolgen und mit dem Mittelblock Lemke/Pekeler nicht so tief stehen. Dass er Lemke dann nach wenigen Tagen ebenso wie Dahmke doch wieder zur Mannschaft holte und auch dauerhaft spielen ließ, wird von einigen als Schwäche oder Eingeständnis Prokops ausgelegt, andere sahen darin die Souveränität, eine falsche Entscheidung auch mal zu korrigieren.

Prokops Fehler

So oder so, innerhalb der Mannschaft war Unruhe auszumachen. "Ich glaube, das hat uns nicht gut getan. Ich finde, dass die sportliche Entscheidung beim Trainer liegen muss. Und er war nun einmal davon überzeugt, es so richtig zu machen. Nach drei Tagen hat er dann ja schon reagiert", sagt Hanning.

Dass die Spieler dann klare Anweisungen des Trainers auf dem Platz ignorieren und eigenmächtig handeln, war ein Resultat jener Verunsicherung, für die auch Prokop mit seinen Maßnahmen verantwortlich war. Auch wenn aus der Mannschaft oft zu hören war, dass das "ausgemachter Mist" sei, den keiner mehr hören wolle.

Prokop wechselte viel und ohne Not. Weder im Rückraum noch in der Abwehr konnten sich Pärchen einspielen oder Spieler durch mehr Spielzeit zu mehr Sicherheit finden. Die Angst davor, einen Fehler zu machen und dann wieder auf der Bank zu landen, lähmte gerade die Rückraumschützen doch merklich.

Die Ansprachen in den Auszeiten waren extrem detailliert und mit vielen Informationen in kurzer Zeit überladen, nicht selten sah man Spieler mit fragenden Blicken um Prokop stehen.

Das gipfelte in einem 0:8-Lauf gegen keineswegs übermächtige Spanier nach zwei Auszeiten von Prokop - etliche Bälle gingen planlos verloren, die Arbeit mehrerer Monate war binnen Minuten zunichte. Die Mannschaft hat den Trainer in diesen Sequenzen im Stich gelassen, von den vermeintlichen Führungsspielern war keiner in der Lage, Verantwortung zu übernehmen.

Trainer und Team keine Einheit

Das Gefühl, dass Trainer und Mannschaft nie so richtig zu einer Einheit verschmolzen sind, blieb über das gesamte Turnier haften. "Der Trainer ist Teil der Mannschaft. Er ist genauso Teil der Truppe, wie ich es bin und wie es jeder einzelne Spieler ist", sagte Hanning und konterkarierte damit die kaum zu übersehenden Gräben. Nach nur zehn Monaten Amtszeit steht sein Trainer heftig in der Kritik und arbeitet vorerst auf Bewährung. Und Hanning steckt in der Zwickmühle. Erstmals musste der DHB einen Trainer loseisen und 500.000 Euro Ablöse bezahlen.

Das ist nicht wenig Geld im Handball - allein schon deshalb dürfte Hanning weiter zu seiner Wahl stehen - auch wenn in den Tagen in Kroatien immer mal wieder andere Namen kursierten. Unter anderem der von Markus Baur. Der hat über 200 Länderspiele auf dem Buckel, wurde Welt- und Europameister und gilt als Spielerversteher. Baur war schon ein Kandidat für die Sigurdsson-Nachfolge. Womöglich kommt er für diesen Posten bald mit etwas Verzögerung doch noch einmal in Frage.

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