Die Erwartungen sind gestiegen: Als Mitfavorit auf den Titel tritt die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei der WM in Frankreich an. Nationalspieler Kai Häfner schreckt vor dieser Rolle nicht zurück. "Wir glauben an uns", sagt der Shootingstar im Exklusiv-Interview mit unserer Redaktion und spricht zudem über den scheidenden Trainer sowie die fehlenden TV-Übertragungen.

Vor gut einem Jahr, vor der Handball-Europameisterschaft in Polen, hätte kaum ein Experte auch nur einen Cent auf die deutsche Nationalmannschaft gesetzt. Zu viele Verletzungen, zu viele neue Spieler, zu viele Problemzonen - es war beinahe unvorstellbar, dass die deutschen Handballer die Hauptrunde überstehen könnten.

Einen EM-Titel und eine Olympia-Bronzemedaille später sind die Erwartungen an die Spieler ganz andere. "Vor einem Jahr hätten Sie mich nicht gefragt, ob wir Weltmeister werden können. Auf die Idee wären sie nie gekommen", sagt Rückraumspieler Kai Häfner im Exklusiv-Interview mit unserer Redaktion. "Aber wir haben damit kein Problem. Wir wissen, dass unser Standing in der Handballwelt viel, viel besser ist als vor einem Jahr."

Die EM hat für Selbstvertrauen gesorgt

Häfner selbst steht exemplarisch für den Höhenflug einer Mannschaft, die alle namhaften Konkurrenten im Jahr 2016 überraschte. Der Linkshänder, der in der Bundesliga für die TSV Hannover-Burgdorf aufläuft, war gar nicht für die EM nominiert, reiste erst nach der Verletzung des Kapitäns Steffen Weinhold zum Team. Kaum angekommen, erzielte er im Halbfinale mit der Schlusssirene in der Verlängerung das entscheidende Tor gegen Norwegen, zwei Tage später war er der beste Torschütze des Endspiels.

Entsprechend gestiegen ist sein Selbstvertrauen - und das der Mannschaft. "Wenn du Europameister bist und die guten Leistungen bei Olympia über weite Strecken bestätigen kannst, weißt du als Team, dass du gegen wirklich jeden Gegner bestehen kannst. Wir sind aber auch bodenständig genug, um zu wissen, dass kein Spiel ein Selbstläufer wird."

Dennoch warten in der Gruppe schlagbare Kontrahenten: Erster Gegner am Freitag um 17:45 Uhr (live bei uns im Ticker) ist Ungarn, anschließend spielt das DHB-Team gegen Chile, Saudi-Arabien, Weißrussland und Kroatien. Da vier der sechs Mannschaften ins Achtelfinale einziehen, gibt es am Weiterkommen keinerlei Zweifel. Entscheidender ist, möglichst Platz eins oder zwei zu holen, um einem richtig dicken Brocken in der Runde der besten Sechzehn aus dem Weg zu gehen.

Wichtig sei, so Häfner, dass die Automatismen von Spiel zu Spiel besser greifen: "Die Vorbereitung war wie immer unglaublich kurz, wir haben zudem ein paar personelle Veränderungen. Da lässt es sich nicht verhindern, dass du im ersten Spiel noch nicht bei 100 Prozent bist. Aber die letzten beiden Turniere haben ja gezeigt, wie man sich von Auftritt zu Auftritt steigern kann."

Damit das gelingt, versucht die Mannschaft auch alle potenziellen Störgeräusche auszublenden. Und davon gab es im Vorfeld der WM mindestens zwei.

Bundestrainer Dagur Sigurdsson macht Schluss

Auf der einen Seite ist da die Tatsache, dass Bundestrainer Dagur Sigurdsson, der Architekt des Erfolgs, dem DHB nach der Weltmeisterschaft den Rücken kehren wird, um die japanische Nationalmannschaft auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorzubereiten. "Wir haben es zur Kenntnis genommen, wir müssen seine Entscheidung respektieren", sagt Häfner, der sich darüber hinaus aber keine Gedanken über den Abschied oder potenzielle Nachfolger gemacht hat: "Wir wollen uns aufs Sportliche konzentrieren und mit Dagur noch einmal Erfolg haben. Nur das zählt."

Auf der anderen Seite waren da die hitzigen Diskussionen über die Tatsache, dass die WM-Spiele nicht im Fernsehen zu sehen sein werden. Häfner "kann und will inhaltlich dazu nichts sagen, weil ich kein Funktionär bin und keine Details kenne". Doch im Sinne seines Sports hat ihm die lange Hängepartie nicht gefallen: "Für den Handball ist es eine Katastrophe, dass du gut eine Woche vor dem Turnier noch nicht einmal weißt, ob die Fans überhaupt irgendetwas sehen können."

Mittlerweile wurde eine Lösung gefunden, die Partien werden von einem Sponsor im Internet gestreamt. "Ich bin sehr froh, dass das möglich ist", sagt Häfner.

Bleibt nur noch eine Frage unbeantwortet: Können die Deutschen denn Weltmeister werden oder nicht? Häfner schmunzelt: "In der Theorie: ja!"

Auch er sieht Deutschland "als einen Mitfavoriten an", aber "eben nicht als den einen großen Topfavoriten, das ist ein gewaltiger Unterschied". Die Liste möglicher Turniersieger sei lang, wie vor jedem Turnier, "das sind immer wieder die gleichen Kandidaten".

Im Gegensatz zur Situation vor einem Jahr muss sich die deutsche Nationalmannschaft vor diesen aber nicht verstecken: "Wir glauben an uns", sagt Häfner. "Und ich sehe es wie vor den Olympischen Spielen: Wenn man zu einem Turnier fährt, möchte man am Ende eine Medaille mitnehmen."