• Am 30. März wird Wolfgang Niedecken 70 Jahre alt – und eigentlich wollte er an diesem Tag mit BAP auf der Bühne feiern.
  • Womit er sich nun entschädigt, erzählt er im Interview.
  • Außerdem spricht Niedecken über Bob Dylans Eigenheiten, Kontakt zur Fangemeinde, Songwriting auf Kölsch und welchen Stellenwert er seinem Zivildienst rückblickend einräumt.

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Herr Niedecken, war 2021 das erste Jahr, in dem Sie Köln ohne Karneval erlebt haben?

Wolfang Niedecken: Nein, ich erinnere mich, dass 1991 der Rosenmontagsumzug auch ausgefallen ist, aufgrund des ersten Irak-Kriegs. Ich selbst bin kein Karnevals-Jeck, trotzdem leide ich natürlich mit den Menschen, die das ganze Jahr auf diese Zeit hinfiebern. Aber es geht nun mal im Moment nicht. Das Virus hätte sich über den Umzug zu sehr gefreut.

Meiden Sie Ihre Heimatstadt zu Karnevals-Zeiten?

Ja, meistens versuche ich mich dann tatsächlich vom Acker zu machen. So ist übrigens auch das bekannteste BAP-Lied entstanden, "Verdamp lang her". Das habe ich auf einer Karnevals-Flucht geschrieben, am Rosenmontag vor genau 40 Jahren.

Eigentlich wollten Sie Ihren 70. Geburtstag am 30. März auf der Bühne der Kölnarena feiern. Wie entschädigen Sie sich für die abgesagte Party?

Mich entschädigt, dass ich über die ganze Corona-Zeit nur Dinge tue, die ich gerne tue. Ich habe ein Bob-Dylan-Buch geschrieben, was viel Spaß gemacht hat, und mich mit der Geburtstagsedition unseres Albums "Alles Fliesst" beschäftigt, wofür wir uns einige schöne Sachen ausgedacht haben.

Ich entschädige mich also mit kreativer Arbeit. Natürlich kann ich es kaum abwarten, endlich wieder auf die Bühne zu gehen, aber mir ist auch klar, dass wir da nichts überstürzen dürfen und man größte Vorsicht walten lassen muss.

"Im Vergleich zu mir geht es vielen Menschen im Moment sehr dreckig"

Sie jammern also nicht, weil es bereits Ihr zweiter Geburtstag im Lockdown ist?

Nein, ich leide keine Not und ich weiß, dass es im Vergleich zu mir vielen Menschen im Moment sehr dreckig geht. In meinem Leben passieren ja auch immer wieder schöne Dinge: Kurz vor Beginn des ersten Lockdown im vergangenen Jahr bin ich zwei Mal Großvater geworden. Da geht man als Mensch noch mal durch eine andere Tür, das weckt andere Instinkte und neue Gedanken.

In dem Buch, das Sie gerade veröffentlicht haben, stellen Sie die Frage, ob es Zufall ist, dass Bob Dylan "seine drei schwächsten Alben während der Reagan-Ära rausgebracht hat". Welchen Einfluss hatte Politik in Deutschland auf das Schaffen von BAP?

Sicher gab es einen Einfluss, zum Beispiel wenn ich an die Zeit der Nachrüstung Anfang der 80er-Jahre denke. Es kommt aber immer darauf an, in welcher Lebensphase einen eine politische Entwicklung trifft: ob man gerade resigniert und zurückgezogen ist, oder ob man motiviert ist und im Saft steht.

Einen konkreten Einfluss gab es, als in der Kohl-Ära im Radio und Fernsehen die Privatmedien Einzug hielten und plötzlich den Maßstab gesetzt haben. Da mussten die öffentlich-rechtlichen Sender auf einmal der Quote hinterherhecheln und Musiker setzten auf "Radiotauglichkeit".

Hat das auch Sie beeinflusst?

Mich nicht, aber andere Teile der Band wollten plötzlich radiotaugliche Songs machen. Ein Stück wie "Alles em Lot" ist auf Radiotauglichkeit produziert – und das habe ich gehasst. Ich habe den Text geschrieben, mit der Musik hatte ich nichts zu tun, das war ein Pastiche von irgendwas mit Phil Collins. Sich anzuhören, was gut im Radio läuft und dem dann nachzueifern, das war nie mein Ding.

Lief BAP denn vorher viel im Radio?

Ja, unser Stück "Kristallnaach", sechs Strophen, kein Refrain, lief 1982 auf Power-Rotation. Das war eben eine andere Zeit. Wenn wir die noch hätten, würde jetzt vermutlich auch unser neuer Song "Ruhe vor'm Sturm" im Radio laufen, ein Stück über die Ängste, die viele Menschen aktuell haben. Aber das läuft nicht, wahrscheinlich weil es nicht marktgerecht ist. Vielleicht gibt es mal einen Handeinsatz, wenn ich durch die Sender tingele, aber das Lied kommt auf keine Rotation, das können Sie vergessen.

"Bob Dylan ist kein Anpasser, kein Opportunist"

In Ihrem Buch über Dylan geht es auch darum, dass er angeblich nie etwas seinen Fans zuliebe getan hat ...

Ja, das hat mich beeindruckt, wie er immer stur seinen Weg gegangen ist. Er ist kein Anpasser, kein Opportunist. Es gibt ja Leute, die sich darüber aufregen, "wie der schon auf die Bühne kommt, sagt nicht Hallo oder Tschüss" – aber das braucht er für mich nicht. Wenn Dylan sagt "It's all in the songs", dann akzeptiere ich das. Es stimmt ja auch, in seinen Liedern steckt alles drin, da brauche ich keinen Beipackzettel und auch kein "seid ihr alle gut drauf?"

Sie selbst geben viel preis und teilen nicht nur auf der Bühne viele Gedanken mit den Fans.

Ich bin ja auch ein anderer Typ als Dylan. Ich habe schon ganz gerne Kontakt zur Fangemeinde. Viele von denen kenne ich sogar, einige Gesichter sind mir geläufig, wenn ich sie von der Bühne sehe. Und ich gebe auch was um die Meinung dieser Leute.

Was haben Sie von Fans gelernt?

Für mich ist es immer sehr interessant, wenn Fans mir ihre Sicht auf ein Album oder auf bestimmte Stücke erzählen. Das ist eine Perspektive, die ich selbst gar nicht einnehmen kann, weil ich sozusagen zu viel weiß. Die eigenen Songs mit anderen Ohren zu beurteilen – das ist schon wichtig. Auch weil es vorkommen kann, dass man im Laufe der Zeit betriebsblind wird.

Gab es Kritik von Fans, die Sie sich zu Herzen genommen haben?

Also, es gibt ja nicht die Fans, sondern die haben auch unterschiedliche Meinungen. Die einen haben unser Unplugged-Album abgefeiert, die anderen haben gesagt "das rockt ja gar nicht".

Ich sauge das alles auf, wie ein Schwamm und versuche damit zu arbeiten, aber ohne mich anzupassen. Ich nutze die Gespräche mit Fans nicht als Marktforschung.

"Ich sehe mich als Geschichtenerzähler"

Sind Sie als Musiker Perfektionist?

Ehrlich gesagt, sehe ich mich gar nicht so richtig als Musiker, sondern als Geschichtenerzähler. Aber wir haben Perfektionisten in der Band und die passen höllisch auf, dass nichts schief geht. Das sind fantastische Musiker, die dafür sorgen, dass wir in Eigenverantwortung alles so toll hinkriegen. Darüber bin ich sehr froh.

Anlässlich Ihres Geburtstages haben Sie für die ZDF-Dokumentation "Alles ist im Fluss" ein altes Lied neu aufgenommen. Was hat es damit auf sich?

Das ist "Leev Frau Herrmanns", ein Song, den ich 1976 in meiner Zivildienstzeit geschrieben habe, für eine alte Dame zu ihrem 93. Geburtstag. Den habe ich vor kurzem wiederentdeckt und jetzt zum ersten Mal aufgenommen, er ist auch auf der neuen Geburtstagsedition von "Alles Fliesst".

Im Grunde ist das sogar der allererste BAP-Song, denn bis zu dem Zeitpunkt hatten wir nur Coverversionen gespielt. Rückblickend würde ich auch sagen, dass es BAP gar nicht geben würde, wenn ich nicht Zivildienst gemacht hätte.

Warum das?

Ich war damals 25, kam gerade aus dem Kunststudium – da bist du eigentlich auf dem besten Weg in den Elfenbeinturm. In diesem Moment musste ich dann aber den Zivildienst absolvieren, was mich wunderbar geerdet hat. Ich habe 'Essen auf Rädern' ausgefahren und nachmittags in einer Altentagesstätte gearbeitet. Das war ein tolles Erleben und Zusammensein mit alten Menschen, ich habe deren Probleme kennengelernt, ihre Lebenserfahrung … das war für mich eine sehr prägende Zeit.

Bob Dylan hat jüngst die Rechte an seinen Songs für einen dreistelligen Millionen-Betrag verkauft. Müssen sich seine Fans jetzt verraten fühlen?

Nein. Das kann er doch machen wie er will. Ich vermute, er hat sich ein paar Gedanken gemacht, was er all seinen Kindern hinterlässt. Das ist seine Entscheidung, da würde ich mich nicht einmischen wollen.

Wie ist Ihr Verhältnis zum Geschäftlichen?

Katastrophe! Wenn niemand aufpasst, kann man mich wunderbar über den Tisch ziehen. Aber zum Glück passen ein paar Leute auf. (lacht)

Ich bin nicht angetreten, um viel Geld zu verdienen, sondern ich bin angetreten, um mich zu verwirklichen. Ich habe Malerei studiert und als mir dann plötzlich das Hobby mit der Band dazwischen kam, dachte ich mir: Das machst du jetzt ein, zwei Jahre und dann gehst du wieder malen.

Ich habe auch meinen Kindern, die alle etwas sehr freies studiert haben, gesagt: Ihr müsst euch im Klaren darüber sein, dass ihr eure Lebensqualität aus dem zieht, was ihr tut – und nicht aus dem, was ihr dafür kriegt. Das haben sie auch alle begriffen.

Doch was passiert eines Tages mit Ihren Texten? Beschäftigt Sie das Thema?

Nicht wirklich. Aber ich werde mich schon bemühen, alles geordnet zu hinterlassen, damit sich meine Nachkommen darin zurechtfinden und sehen können, was überflüssig ist und was nicht.

Songtexte von Bob Dylan oder auch Wolf Biermann wurden bereits mit Literaturpreisen bedacht. Sehen Sie Ihre Texte als Literatur?

Ja, das schon, aber im Gegensatz zu den beiden genannten ist mein Sprachraum natürlich sehr begrenzt. Ich kriege höchstens einen Preis für Dialekt-Literatur. (lacht)

Wenn bei BAP die Frage aufkam, auf welcher Sprache wir singen, habe ich immer gesagt: Lasst uns einfach das machen, was wir tatsächlich können und was uns unterscheidbar macht. Ich habe mich im Kölschen immer sehr wohlgefühlt, es ist ja auch meine Muttersprache.

"Es gibt ein russisches Schulbuch, in dem der Text von 'Kristallnaach' übersetzt wurde"

Erhalten Sie manchmal Feedback, dass zum Beispiel im Schulunterricht Ihre Texte besprochen werden?

Ja, klar. Es gibt zum Beispiel ein russisches Schulbuch, in dem der Text von "Kristallnaach" übersetzt wurde. Und eine Schule in Trier hat vor kurzem eine eigene Version von "Arsch huh - Zäng ussenander" gemacht. Die haben den Text entkölscht und ein Video dazu gedreht, im Sinne von 'Maul aufmachen gegen rechts'. Das fand ich wunderbar.

Kann Rockmusik die Jugend heute noch so politisieren wie früher?

Ich glaube schon. Wenn ich mir eine Band wie "Feine Sahne Fischfilet" anschaue, die kriegen das hin. Auch wir mit BAP haben da noch eine gewisse Credibility, glaube ich. Wenn wir auf den entsprechenden Festivals spielen würden, denke ich schon, dass uns die jungen Leute zuhören würden.

Bob Dylan wird in diesem Jahr 80. Geht nun eine Ära der Singer/Songwriter zu Ende?

Ja, die Generation Beatles, Stones, Kinks, Neil Young – das geht jetzt natürlich aufs Ende zu, Leonard Cohen ist ja bereits tot. Das muss man einfach akzeptieren. Fest steht, dass diese Generation Spuren hinterlässt.

Und ich würde es jedem jungen Musiker und jedem Singer/Songwriter empfehlen, sich damit auseinanderzusetzen. Von Dylan oder auch von Neil Young und Leonard Cohen kann man sehr viel lernen, deren Werk sollte man schön studieren. So wie Dylan früher Bertolt Brecht studiert hat. Der wusste schon, wie das läuft.

Gibt es junge Musiker, die Ihre kölsche Art des Songwritings fortführen?

Ehrlich gesagt bin ich da nicht so im Bilde. Ich glaube, die meisten jungen Bands, die heute Kölsch singen, sind auf Karneval ausgerichtet. Die texten auch nicht mehr selbst auf Kölsch, sondern wenn sie in diesem Dialekt schreiben wollen, müssen sie dafür erstmal im "Wrede", dem Kölschen Wörterbuch, nachschlagen. Ich habe das gemacht, weil es meine Muttersprache ist, weil ich in dieser Sprache denke, fühle und träume. Das ist schon noch etwas Anderes.

Im vergangenen Jahr haben Sie sich kritisch zu Corona-Demonstrationen geäußert. Was sind heute Dinge, für die Sie auf die Straße gehen würden?

Meine letzte Demo war eine von Fridays For Future in Köln, da sind wir mit der ganzen Familie hingegangen. Ich finde es wichtig, dass man die Kids dort nicht alleine laufen lässt, sondern die Generation der Eltern und Großeltern ihnen ein bisschen Rückhalt gibt. Wir können sie jetzt nicht hängen lassen, nach dem Motto: 'für uns hat's gereicht'.

Was würden Sie sich zum Geburtstag von der Politik wünschen?

Momentan würde ich mir wünschen, dass sich Politiker jeglicher Wahlkampfrhetorik enthalten und sich darauf konzentrieren, dass sie die Kuh mit dem Corona vom Eis kriegen. Es ist fast unerträglich, wie dort verbal aufeinander losgegangen wird, nur um jetzt irgendwie Wahlkampf zu betreiben.

Als es mit Corona losging, da habe ich gemerkt, dass es wirklich ernst ist, weil plötzlich alle am gleichen Strang gezogen haben. Das hat mir imponiert und das würde ich mir jetzt, nach einem Jahr Corona, auch wieder wünschen.

Neue Veröffentlichung:
  • Niedeckens BAP: Alles fließt - Geburtstagsedition (erschienen bei Universal Music)
TV-Tipp:
  • "Alles ist im Fluss - Wolfgang Niedecken zum 70." Dokumentation, Sonntag, 28. März 2021, 23.45 Uhr im ZDF oder in der ZDF-Mediathek

Verwendete Quellen:

  • Wolfgang Niedecken: Bob Dylan (erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 2021)
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