Der "Bild"-Skandal um den entlassenen Chefredakteur Julian Reichelt und danach bekannt gewordene Aussagen von Springer-Vorstandschef Matthias Döpfner waren in der vergangenen Woche das Hauptthema. Ein bissiger Rückblick von unserer Kolumnistin.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Dieser Wochenrückblick kommt etwas maritim angehaucht daher. Ich habe die gesamte Woche auf dem Mittelmeer verbracht, um gemeinsam mit Hannes Jaenicke für seine neue Stiftung "Pelorus Jack" die Reichweiten-Trommel zu rühren. Pelorus Jack war ein Delfin, der ab 1888 dafür bekannt wurde, regelmäßig Dampfer durch die Cook-Straße zwischen der Nordinsel und der Südinsel Neuseelands zu lotsen.

Wer sich schon mal bei Twitter informiert hat, welche nervigen Accounts man als erstes permanent blockieren sollte, der weiß: Mein Name in den sozialen Netzwerken lautet "Regendelfin". Pelorus Jack und ich sind also quasi artverwand. Ehrensache, dass ich mich dem illustren Kreis angeschlossen habe, der mit dem Peugeot Circle und Kollege Jaenicke im Mittelmeer aufzeigen wollte, dass die Themen Umweltschutz und Lifestyle keinesfalls schwierig zu vereinbaren sind. Im Gegenteil.

Mit mir auf See waren unter anderen Haio von Stetten, Thomas Heinze, Larissa Marolt, Paula Schramm, Wolfgang Lippert, Constantin von Jascheroff, Felix Klare oder Sina Tkotsch. Wenn man so will: Jede Menge Promis – und ich. Plus: ein Team von ARD "Brisant". Redakteure von der ARD, oder wie Mathias Döpfner sagt: "Propaganda-Assistenten". Womit wir beim Thema Beischlaf-Szenarien im Axel-Springer-Hochhaus sind. Für Döpfner, immerhin sowas wie der Alleinerbe des gesamten Verlags, Vorstandsvorsitzender und Videobotschafts-Experte, hatte die Woche verhältnismäßig turbulent begonnen.

Satirischer Wochenrückblick: Breakfast for Zonis

Zum Frühstück gab es in der "New York Times" am Montag Berichte über Sexskandal-Gerüchte seines wichtigsten Chefredakteurs. Die stießen, wie man hört, auf relativ verhaltenen Jubel bei den Hauptaktionären von KKR. Das ist eine US-amerikanische Beteiligungsgesellschaft. In den USA reagiert man auf Affären von Chefs mit hierarchisch untergeordneten jungen Frauen traditionell sensibel.

Plötzlich hatte man also neben dramatisch sinkenden Auflagen, moralisch zweifelhaftem Verhältnis zu Fakten, einem Dauerabo auf Rügen vom Presserat und einem neuen TV-Sender, der durchschnittlich weniger Zuschauer begeistern kann als die Aufführung von "Hamlet" von der Theater-AG der Waldorfschule Eckernförde, auch noch einen veritablen Sex- und Machtmissbrauchs-Skandal an der Backe. Unangenehm.

Sich selber eine Grube graben

Das Thema war bereits im März erstmals in den Fokus rückte, Damals konnte Axel Springer nicht mehr anders, als mit einer internen Ermittlung zu reagieren. Anschließend hätte man die Chance gehabt, den als Harvey Weinstein Europas geltenden Chefredakteur an die Luft zu setzen. Tat man aber nicht. Hätte man seinerzeit einen Schlussstrich gezogen, wäre der Knall heute bereits verhallt. So aber zog man sich den Unmut der Öffentlichkeit, das Misstrauen seiner eigenen Belegschaft und den journalistischen Recherche-Elan vieler Investigativteams zu. Das Dickicht aus Arroganz, Sexismus, Macht, Lügen, Schmuddeligkeit und Unehrenhaftigkeit war seitens Axel Springer nur flüchtig mit einem zittrigen Streichholz ausgeleuchtet worden. Jetzt kamen andere, von außen. Mit Flutlichtern.

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Als die Stimmung komplett kippte, drohte sich nicht mehr nur die einschlägig bekannten Axel-Springer-Hasser und üblichen Krawall-Claqueure in Rage zu empören, sondern auch reihenweise Journalisten-Kollegen aus der Beletage, Politiker, Prominente und Wirtschaftsgrößen, musste gehandelt werden. Das sofortige Absetzen des Chefredakteurs reichte der Meute nicht mehr aus, die sich fragte, mit welcher Ernsthaftigkeit man im März wohl vorgegangen war, dass derartige Handlungen nicht zu einer Demission geführt hatten.

Plötzlich stand man mit dem Rücken zur Wand. Nicht nur bei der Heerschar von selbsternannten Schafrichtern, die nicht müde werden, 500-mal am Tag dasselbe Zitat von Max Goldt zu posten, sobald irgendwo die "BILD" ins Spiel gebracht wird. Nein, überall.

Alle sind so gemein zum Axel Springer Verlag

Es wäre ein fantastischer Moment gewesen, um Größe zu zeigen - und Reue. Mathias Döpfner und seine hochbezahlten PR-Experten entschieden sich anders. Ein hochbrisantes 7-Minuten-Epos auf YouTube, eingesprochen in einem mittelmäßig gut ausgeleuchteten Webcam-Szenario, sollte die Wogen glätten. Hätte man es ohne Ton veröffentlicht, hätte Döpfner darin wie ein Entführungsopfer gewirkt. Mit Ton allerdings geriet der Frontalunterricht aus dem Lehrbuch "Tutorials, wie man seine Firma garantiert nicht aus den Negativ-Schlagzeilen holt" zu einem echten Schimpfdruchbruch: Nicht die kleinste Entschuldigung bei den betroffenen Frauen. Die schienen Mathias Döpfner weiterhin genau so wenig zu interessieren, wie schon im März. Ungefähr so viel wie Michael Wendler die Ratschläge von Dr. Christian Drosten.

Stattdessen gab es ein Feuerwerk an Verschwörungstheorien. Das alles wären orchestrierte Demontage-Feldzüge gekränkter Ex-Freundinnen oder neidischer Ex-Kollegen. Gipfelnd in einem waghalsigen Interpretationsmanöver, die eigene Rolle in diesen Schlamassel betreffend. Döpfner hatte seinen Chefredakteur Julian Reichelt in einer Nachricht an den Popliteraten Benjamin von Stuckrad-Barre mit den Worten verteidigt, er wäre "halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt" und die meisten anderen wären "Propaganda-Assistenten".

Döpfner im Duett mit Querdenkern

Plötzlich zeigte Döpfner ein Weltbild, gegen das selbst die an Fakten nicht gerade reich durchsetzen Pamphlete eines Boris Reitschuster wie wissenschaftlich fundierte Abhandlungen wirken. Die "BILD" als letzter Freiheitskämpfer, mit Reichelt als Jean d´Arc der antisozialistischen Befreiungsfront als Galionsfigur. Der Moment, in dem ein nicht hinnehmbarer Machtmissbrauch sogar noch überschattet wurde von einem veritablen Ideologie-Skandal.

Fortan, und dieser Prozess ist noch lange nicht beendet, ging es nicht mehr um einen viel zu spät in Ungnade gefallenen Chefredakteur. Es ging darum, dass der Chef des wichtigsten Medienhauses des Landes Gedankengut teilt, das an keinem AfD-Stammtisch, auf keiner PEGIDA-Demo, auf keiner Querdenker-Kundgebung und nicht mal in der Telegram-Gruppe von Attila Hildmann aufgefallen wäre. Das Land lernte ungläubig staunend: Mathias Döpfner denkt Tür an Tür mit Verschwörungstheoretikern. Es folgte eine Flut der Entrüstung, gegen die sogar die Machenschaften von Sebastian Kurz als charmanter Lausbubenstreich wirken.

Fremdscham in einer neuen Dimension

Diese Reaktionen waren vorhersehbar. Vielleicht sogar gewollt, um sich vom Sex-Verlag wenigstens nur zum Querdenker-Verlag runterechauffieren zu lassen. Die Episode um Julian Reichelt wird in einigen Monaten vergessen sein. Das Einzige, was Axel Springer, auch international, wirklich nachhaltig beschädigen wird, sind die zahlreichen Solidaritätsbekundungen für Reichelt und Döpfner aus den eigenen Reihen. Von keinem einzigen Mitarbeiter, von Chefredakteuren über Vorstandsmitglieder bis hin zu prägenden Gesichtern der Berichterstattung, war auch nur ein einziges Wort der Anteilnahme mit den Opfern zu hören oder zu lesen.

Nicht mal im Ansatz konnte der Eindruck vermittelt werden, irgendeiner der langjährigen Weggefährten von Julian Reichelt würde sein Verhalten oder die DDR-Schwurbeleien verurteilen. Stattdessen gab es breite Solidarität und erschreckend erbärmlich vorgetragene Gegenangriffe.

Diese moralisch hemmungslos verfallene Attitüde hätte sicher niemand erwartet: Im Axel-Springer-Hochhaus setzte man sich ganz schnell an die Tastaturen, um fleißig öffentliche Gegenrede zu formulieren. Klar, wer seinen Job behalten möchte, der beeilte sich, schnellstmöglich und unmissverständlich klar zu machen, keinesfalls ein "Propaganda-Assistent" zu sein.

Bunga Bunga bei "BILD"

Dass man sich mit jedem Satz zwar womöglich eine Survival-Infusion in die Vorstands-Etage legt, gleichzeitig aber außerhalb der eigenen Verlagsmauern als duldender oder womöglich sogar Beifall klatschender Mitwisser gilt, schien endgültig keine Rolle mehr zu spielen.

Längst ist der Verteidigungs-Tsunami intellektueller Trostlosigkeit zu einem feuilletonistischen Straßenkampf eskaliert, auf dem die Springer-Armee ihren Bunga-Bunga-Boulevard der Eitelkeiten mit allen Mitteln zu verteidigen bereit ist. Das verbliebene Personal wird zum Kanonenfutter im Stellungskrieg des Kampfes gegen Corona-Impfungen und Diktatur. Kollateralschäden der Glaubwürdigkeit inklusive.

Diese Reaktionen sind auf so viele Arten beschämend, dass ich unbedingt noch ein Plädoyer loswerden möchte: Ich verstehe, dass viele nun jubilieren. Vielen gefällt es, was mit Reichelt und Döpfner nun passiert. Schadenfreude ist nicht unbedingt eine der empathischsten Charaktereigenschaften, aber okay.

Was aber auf keinen Fall zu tolerieren ist: Sich auf das Niveau des so leidenschaftlich kritisierten Gegners zu begeben – oder mitunter sogar darunter. Was bei Axel Springer passiert ist, ist unentschuldbar. Es ist allerdings genauso sexistisch, unmenschlich und falsch, nun jede Mitarbeiterin bei Axel Springer pauschal mit der höhnischen Frage zu konfrontieren, wie oft sie denn wohl mit ihrem Vorgesetzten ins Bett gestiegen sein muss, um ihren Job zu bekommen.

Bei Springer arbeiten einige ausgezeichnete Menschen, einige tolle und charakterfeste Journalistinnen. Denen nun zu unterstellen, ihre gute Position hätten sie zwangsläufig ebenfalls per "Hochschlafen" erreicht, ist an Erbärmlichkeit kaum zu überbieten. Lasst das bitte. Danke und bis nächste Woche!