Norwegens Alpine fahren derzeit die Konkurrenz in Grund und Boden - daran ändert auch die Verletzung von König Aksel Lund Svindal nichts. Die Ski-Welt staunt und rätselt über die Geheimnisse der Wikinger. Deren Chef findet recht simple Erklärungen.

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Wer gezweifelt hatte, welche Nation die bisherige Ski-Alpin-Saison dominiert, dem wurden beim Slalom von Kitzbühel vergangenen Sonntag die Augen geöffnet.

Am Ganslernhang drohte die Dominanz der Norweger plötzlich zu bröckeln. Einen Tag nach dem bösen Sturz von Aksel Lund Svindal auf der Streif und seiner Knieverletzung zeigte erstmals in dieser Saison auch Henrik Kristoffersen Anzeichen von Schwäche.

Der 21-Jährige lag nach dem ersten Durchgang des wichtigsten Slalomrennens der Saison scheinbar abgeschlagen auf Rang zwölf.

Kristoffersen hatte in diesem Winter selbst den Überathleten der vergangenen Jahre, Marcel Hirscher, zum Teil um über eine Sekunde abgehängt. Der Norweger legte alles in den zweiten Lauf, flog förmlich durch die Stangen.

Und nachdem ihn auch der Führende des ersten Durchgangs ihn nicht einholen konnte, als er tatsächlich von Platz zwölf bis ganz nach vorne gefahren war, sagte er Sätze wie diesen: "Es ist unglaublich, das ist der coolste Sieg in meinem Leben."

Keine 30 Stunden später fuhr er den nächsten coolen Sieg ein, diesmal beim Nachtslalom von Schladming. Vor 50.000 Zuschauern.

Norwegen ist nicht zu stoppen

Kristoffersen, Svindal und Kjetil Jansrud räumen ab, und zwar die ganze Palette. Svindals Ausfall ist ein Einschnitt, der in den Speed-Disziplinen natürlich große Spuren hinterlässt. Sein Sturz in der Traverse ist der schwarze Fleck auf einer ansonsten nahezu makellos weißen Weste.

Die Norweger erleben den besten Winter ihrer Geschichte. Kristoffersen ist der erste Läufer überhaupt, der hintereinander die Slaloms in Adelboden, Wengen, Kitzbühel und nun Schladming gewonnen hat. Mittlerweile 15 Saisonsiege für Norwegens Männer und Frauen sind Rekord für die kleine Nation.

Das Männertrio und die bereits 27-jährige Nina Löseth haben zu Hause in Norwegen die Idole der 1990er-Jahre längst überflügelt. Damals gewannen Kjetil Andre Aamodt, Lasse Kjus und Finn Christian Jagge in einer Saison elf Rennen.

Wahnwitzig, geisteskrank, verrückt

"Das ist wahnwitzig, wir erleben eine Goldader", wird Aamodt in norwegischen Zeitungen zitiert. So richtig erklären kann aber auch er sich das Ski-Wunder nicht.

Die Norweger haben die etablierten Nationen wie Österreich, die Schweiz oder Frankreich abgehängt. "Das ist geisteskrank, einfach völlig verrückt! Wir sollten das genießen", sagte Svindal nach dessen Triumph auf dem Lauberhorn Mitte Jänner.

Die Konkurrenz ist ratlos

Die Konkurrenz rätselt, warum die Wikinger in diesem Winter alles dominieren. Unter dem langjährigen Cheftrainer Håvard Tjørhom waren die norwegischen Herren immer da, immer auch mal für einen Sieg gut.

In ihrer Heimat standen die Alpinen aber immer im Schatten der großen Biathlon- und Langlauf-Stars. Und jetzt explodieren sie förmlich.

Steckt ein Österreicher dahinter?

Vielleicht hat dieser Leistungsschub ja auch ganz viel mit einem zu tun, der gar kein Norweger ist: Seit nunmehr neun Jahren lebt und trainiert Christian Mitter in Norwegen.

Über die Damen-Mannschaft kam der Steirer auf ein Ski-Gymnasium in Oslo, wo er unter anderem Kristoffersen entdeckte und förderte.

Von da ging es als Technik-Chef zurück zum norwegischen Skiverband ins Herrenteam. Und seit April ist Mitter nun Cheftrainer der Herren.

Christian Mitter: "Es gibt kein Geheimnis"

Es wird viel spekuliert, sogar die Rennanzüge der Norweger sollen ein Grund für die Triumphe sein. "Das ist ein Blödsinn, das stimmt nicht!", sagt Mitter im Interview mit "Heute.at". "Wir fahren denselben Anzug wie voriges Jahr auch."

So richtig erklären kann er sich die exorbitanten Erfolge nicht. Zumindest bleibt er in seinen Formulierungen abstrakt. "Es gibt eigentlich kein Geheimnis. Harte Arbeit, zielstrebig sein und gesund bleiben, das ist es im Wesentlichen."

Mentalität, Training, Geduld

Ganz so einfach wird es nicht sein, dafür ist die Konkurrenz im Profi-Zirkus zu groß. "Wir wollen zusammen gut sein. Wir wollen diejenigen sein, die am besten Skifahren und am besten ausgerüstet sind. Wir wollen immer einen Schritt voraus sein und schauen nicht nach links oder rechts, was die anderen machen", betont Mitter im Gespräch mit "Laola1".

Vielleicht ist es ja die spezielle Mentalität der Norweger, diese Lockerheit im Kopf. Die "Attacking Vikings", wie sich das Team selbst nennt, funktioniert in der Tat als geschlossene Einheit.

Niemand ist dem anderen neidisch, jeder gönnt jedem den Erfolg. Und geht ein Rennen nicht wie gewünscht über die Bühne, haken die Fahrer das erstaunlich schnell ab.

Die Termine im Weltcup-Winter

Druck ist auch in Norwegen groß

Dabei ist wie etwa in Österreich der Druck der Öffentlichkeit und der Medien enorm. "Es zählt nur das Gewinnen, alles andere ist eigentlich egal", sagt Mitter. "In Norwegen ist ein sechster Platz nichts wert."

Dafür wird so hart gearbeitet wie bei wohl keinem anderen Skiverband. In der Sommervorbereitung spulten die Norweger die meisten Kilometer auf den Ski ab, nahmen strapaziöse Fahrten nach Übersee in Kauf.

"Fahrer wie Hirscher sind an einem anderen Punkt ihrer Karriere und setzen eben andere Prioritäten. Aber auch Svindal und Co. brauchen viel Training, damit sie in die Gänge kommen. Wir sind momentan nicht die Besten und müssen aufholen, deshalb müssen wir mehr tun als die anderen", erklärt Mitter den Hunger seiner Athleten.

Kein Läufer ist zu alt

Und noch ein interessanter Aspekt unterscheidet die norwegischen Skimodelle von vielen anderen: Ein Läufer ist nie zu alt, um Leistungen zu bringen.

Weltcup-Siegerin Löseth galt in ihrer Heimat als ewiges Talent. Jetzt hat sie mit 27 Jahren ihr erstes großes Rennen gewonnen. In anderen Verbänden wäre sie längst aussortiert worden.

Einen Athleten so lange zu betreuen, ihm Trainings- und Wettkampfpraxis zu geben, das erfordert Zeit und jede Menge Geld.

Denn natürlich - und das darf bei all der Arbeit und dem Fleiß nicht vergessen werden - stehen in Norwegen auch die entsprechenden Gelder zur Verfügung, welche Spitzenleistungen erst möglich machen.

Norwegischer Sieg im Gesamtweltcup ist möglich

Bis Mitte März stehen noch etliche Entscheidungen an, dann wird in St. Moritz nach dem finalen Slalom der Herren abgerechnet. Selbst ein Gesamtweltcupsieg der Norweger - nach Svindals Aus am ehesten durch Kristoffersen - scheint in diesem Winter absolut möglich.

Nach seinem Schladming-Triumph liegt Kristoffersen noch 98 Punkte hinter Hirscher. Und auch wenn der Salzburger im Riesentorlauf deutliche Vorteile hat, sieht er den jungen Norweger als einzigen echten Kontrahenten.

Falls es nicht klappt mit Kristoffersen als bestem Skifahrer des Winters? Dann bleibt die tröstliche Gewissheit, so gut wie noch nie gefahren zu sein.

"Für unsere Alpin-Mannschaft gibt es keine Grenzen mehr", sagt Kjetil Andre Aamodt. "Die können in diesem Winter auch 20 Rennen gewinnen!"

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