Von
Fabian Busch
  • Um Energie zu sparen, hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) dazu aufgerufen, vermehrt den Waschlappen statt die Dusche zu benutzen.
  • Aus den anderen Parteien kommt heftiger Widerspruch.
  • In der jetzigen Situation brauche es keine Politiker, "die den Menschen von oben herab Hygiene-Hinweise erteilen", sagt der FDP-Abgeordnete Jens Teutrine.

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Der Waschlappen beschäftigt die deutsche Politik. Verantwortlich dafür ist Winfried Kretschmann: Der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg hatte die Bürgerinnen und Bürger in einem Interview mit der "Südwest-Presse" (Bezahlinhalt) in der vergangenen Woche zum Energiesparen aufgerufen: Man müsse nicht ständig duschen, sagte Kretschmann. "Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung."

Das Echo fällt eindeutig aus: Kretschmann schlägt allgemeiner Widerspruch entgegen. "Bei den aktuellen Preisexplosionen ist für viele Menschen Energiesparen und Verzicht ohnehin längst eine notwendige Lebensrealität", sagt der FDP-Bundestagsabgeordnete Jens Teutrine, Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales und Vorsitzender der "Jungen Gruppe" in seiner Fraktion. "Dafür braucht es in der jetzigen Situation auch keine Politiker mit fünfstelligen Monatsgehältern, die den Menschen mit erhobenem Zeigefinger von oben herab Hygiene-Hinweise erteilen."

Sepp Müller (CDU): "Altväterliche Ratschläge sind nicht hilfreich"

Um die Versorgungssicherheit der nächsten zwei bis drei Jahre für die Industrienation Deutschland zu garantieren und sich aus der Abhängigkeit von Russland zu befreien, brauche es "ernsthaftere Maßnahmen als Waschlappen und andere absurde Verzichtsappelle", sagt Jens Teutrine. Sein Parteifreund, Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP), stellte auf Twitter – vielleicht bewusst zweideutig – fest: "Waschlappen haben in der deutschen Politik nichts verloren."

Allerdings stellt sich durchaus eine allgemeinere Frage. Wegen des russischen Krieges gegen die Ukraine und wegen der Sanktionen des Westens gegen Moskau droht Deutschland eine Energiekrise. Staat, Unternehmen, Bürgerinnen und Bürger müssen Gas sparen. Ist es in dieser Situation nicht auch angebracht, dass Politikerinnen und Politiker den Menschen Energiespar-Tipps geben?

Nein, findet der Bundestagsabgeordnete Sepp Müller, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion. "Die Politik sollte sich mit Gängeleien jeglicher Art zurückhalten. Wir leben in einem freien Land, in dem die Menschen gelernt haben mitzudenken." Die Ampel-Koalition müsse jetzt Menschen mit untersten und mittleren Einkommen entlasten, statt viele Einzelmaßnahmen auf den Weg zu bringen und den Menschen das Energiesparen zu erklären. "Dieses unsägliche Gießkannenprinzip gepaart mit altväterlichen Ratschlägen ist nicht hilfreich", sagt Müller gegenüber unserer Redaktion.

Nina Scheer (SPD): Politik ist für die Rahmenbedingungen zuständig

Etwas diplomatischer klingt Nina Scheer, klima- und energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Sie weist darauf hin, dass Tipps aus der Politik schnell reduziert und ins Lächerliche gezogen werden. Aus ihrer Sicht ist die Politik dafür zuständig, den gesetzlichen Rahmen zu setzen. "Über die Verbraucherzentralen und Informationsseiten von behördlichen Einrichtungen wie dem Umweltbundesamt, aber etwa auch Energieversorger, gibt es zahlreiche Informationsmöglichkeiten. Hier werden die Energiespartipps auch bedarfsgerecht aufbereitet", sagt Scheer.

Grüne äußern sich am Montag nicht

Winfried Kretschmann war nicht der erste Grünen-Politiker, der Diskussionen zu dem Thema ausgelöst hat. Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck hatte im Juni bekannt gegeben, kürzer zu duschen als zuvor. Bettina Jarasch, Verkehrssenatorin in Berlin, rief angesichts des ungewöhnlich heißen und trockenen Sommers im Sender TV.Berlin zum Wassersparen auf: "Ich oute mich jetzt: Ich mache wirklich nur Katzenwäsche oft."

Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnenmacher sagte der Deutschen Presse-Agentur im Juli, Vollbäder seien in ihrer Familie aus der Mode gekommen. "Aber nicht, weil wir es uns nicht leisten können, sondern weil wir als Grüne dort einen klaren Auftrag sehen, dass sich jeder nach Kräften am Energiesparen beteiligt."

In der aktuellen "Waschlappen"-Diskussion scheint aber auch aus Reihen der Grünen niemand dem baden-württembergischen Landesvater Kretschmann beispringen zu wollen. Mehrere Bundestagsabgeordnete und die Parteispitze und die Fraktionsführung lassen am Montag auf Anfrage unserer Redaktion mitteilen, dass eine Stellungnahme nicht möglich sei – aus Zeitgründen.

Verwendete Quellen:

  • Stellungnahmen von Sepp Müller, Nina Scheer und Jens Teutrine
  • SWP.de: Statt duschen: "Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung"
  • Twitter-Profil von Marco Buschmann
  • Youtube-Kanal von TV.Berlin