• Bilder von anti-westlichen Demonstrationen im Niger machen die Runde.
  • Eigentlich gilt die Regierung als pro-westlich, doch die Stabilität scheint brüchig, und Russland nutzt die Gunst der Stunde.
  • Warum Niger für Deutschland so relevant ist und wie ein Experte die Lage einschätzt.

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Tausende Menschen, vorrangig junge Männer, drängen sich dicht an dicht vor dem Parlament im Stadtzentrum. Sie strecken Plakate in die Höhe, die den Abzug der Franzosen fordern und Frankreich als "Nazi-Staat" bezeichnen. Russische Flaggen sind zwischen der Nationalflagge des Niger zu sehen.

Die Bilder, die aus der nigrischen Hauptstadt Niamey stammen, wecken Erinnerungen an Proteste in Mali, wo die EU zuletzt mit dem Antiterrorkampf und Staatsaufbau scheiterte. Jetzt will sie es in Niger versuchen und hat im malischen Nachbarland ihre neue Basis im "Krieg gegen den Terror" errichtet.

Anti-westliche Stimmung nimmt zu

Nachdem Frankreich seine Operation in Mali für beendet erklärt hatte, hatten Paris und andere europäische Länder ihre Spezialeinheiten in den Niger verlegt. Auch Berlin verlagerte seine Kräfte. Die jetzigen Proteste geben eine dunkle Vorahnung auf das, was sich wiederholen könnte.

"Das sind die ersten anti-westlichen Proteste dieser Art in Niger", sagt Experte Ulf Laessing. Bislang sei die Regierung in Niger eigentlich pro-westlich gewesen und habe mit Deutschland und Europa kooperiert. Doch in der Bevölkerung macht sich vor allem die anti-französische Stimmung immer breiter.

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Niger ist ein krisengebeuteltes Land

"In Niger gibt es noch eine der wenigen demokratisch legitimierten Regierungen in der Sahel-Region", erinnert Laessing. Doch das Land ist krisengebeutelt: Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen steht Niger auf dem letzten Platz. Dürren schmälern die Ernteerträge, große Teile der 25 Millionen Einwohner leben in absoluter Armut.

Dschihadisten kontrollieren weite Teile des Gebiets und rekrutieren junge Männer ohne Perspektive. Das Land steht vor riesigen demographischen Herausforderungen: Eine Frau bekommt in Mali im Schnitt sieben Kinder.

"Der Staat ist sehr schwach, er ist kaum präsent", weiß auch Laessing. Es gebe wenige Schulen, Krankenhäuser und Straßen, die die wachsende Bevölkerung auffangen könnten. Ausländer können die Hauptstadt Niamey nicht mehr ohne Militärgeleit verlassen.

Experte sieht Stabilität in Gefahr

Droht die Stabilität auch im Niger brüchig zu werden? Könnte sich abspielen, was auch schon in Mali passierte? Dort ist eine Militärjunta an der Macht, die sich gegen die alte Kolonialmacht Frankreich stellte und mit Russland paktiert. "Das Protestpotenzial ist groß", meint jedenfalls der Experte. Der Niger sei dabei für Deutschland und Europa strategisch noch relevanter als Mali, weil durch das Land die Hauptmigrationsrouten nach Europa verliefen.

In der nigrischen Stadt Agadez habe sich einer der größten Menschenschmuggler-Hubs befunden. "Die Vereinten Nationen haben viel Druck auf den Niger ausgeübt, hier tätig zu werden", erinnert Laessing. In der Folge hätten sich die Schmuggelwege verlagert, in Agadez seien viele Menschen arbeitslos geworden, die von dem Menschenschmuggel gelebt hätten. Außerdem lässt Frankreich in dem westafrikanischen Land Uran für seine Atomkraftwerke fördern, ohne dass die nigrische Bevölkerung von den Rohstoffe profitiert.

Russland nutzt die Stimmung

"Russland versucht die Stimmung auszunutzen und zu mobilisieren", ist sich der Experte sicher. Mali mit seiner Militärregierung, die sich Frankreich verschließt und Russland zuwendet, werde als Vorbild inszeniert.

In den letzten Jahren hat Moskau seinen Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent immer weiter ausgebaut – etwa mit Waffenlieferungen, Söldnern, Propaganda und Betonung der historischen Bande. Den diplomatischen Lohn dafür gab es bereits: In der UN-Generalversammlung, bei der Anfang März der Angriff Russlands auf die Ukraine verurteilt wurde, enthielten sich 17 afrikanische Staaten der Stimme. Eritrea stimmte gegen die Resolution.

Experte: "Russland hat Spaltpotenzial erkannt"

"Das Risiko, dass auch das Regime in Niger ins Wanken gerät, ist groß", schätzt Laessing. 2021 hatte sich in dem Land in der Sahel-Zone ein demokratischer Machtwechsel vollzogen. Der neue Präsident Mohamed Bazoum strebt Reformen an und will durch mehr Sicherheit wieder mehr Vertrauen in den Staat schaffen. Doch während die Politiker die ausländischen westlichen Truppen wollen, lehnt die Bevölkerung sie ab. Ziel der westlichen Kräfte ist es, die einheimische Polizei, Nationalgarde und Gendarmerie zu stärken. "Die Ausbildung der Einheiten erfolgt oft ohne viel Koordinierung", kritisiert Laessing.

Im Niger würden die Strukturen fehlen, um die finanziellen Hilfen aufzufangen – während sich im Land wenig verändere, würden sich die Konten der Politiker mit Millionen an Entwicklungshilfe füllen.

"Deutschland sollte sich aber weiter engagieren und mit der nigrischen Regierung reden", fordert Laessing. Die Frage sei, welche Art von militärischer Hilfe gewollt sei. "Die Franzosen sind nach ihrem Abzug aus Mali zu schnell vorgeprescht und haben angekündigt, dass sie im Niger aktiver sein wollen. Das führte zu einem Aufschrei in der Opposition", erinnert der Experte. Man müsse deshalb diplomatischer auftreten. "Denn Russland hat das Spaltpotenzial längst erkannt", ist er sich sicher.

Über den Experten: Ulf Laessing ist Leiter des "Sahel"-Programms der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Bamako. Er arbeitete zuvor als Auslandskorrespondent und Büroleiter bei der Nachrichtenagentur Reuters im Nahen Osten, Nordafrika und Afrika südlich der Sahara. Er hat Geschichte, Islamwissenschaft und Volkswirtschaft in Hamburg, Leipzig und Kuwait studiert.
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