Das EU-Parlament hat das Ende der Zeitumstellung beschlossen. Aber bereits die Anschlussfrage sorgt für Diskussionen: Wird nun dauerhaft die Sommer- oder die Winterzeit eingestellt? Weil das jedes EU-Mitgliedsland selbst entscheiden darf, droht ein Flickenteppich aus Zeitzonen und damit Chaos-Szenarien im Reiseverkehr, befürchten viele. Stimmt das wirklich? Verkehrswissenschaftler Prof. Dr. Christian Böttger gibt die wichtigsten Antworten.

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Wer kennt sie nicht: Die Merksprüche zur Zeitumstellung. Im Frühjahr kommen die Gartenmöbel vor das Haus und im Herbst zurück in den Schuppen. Wer dachte, mit der Abschaffung der Zeitumstellung, wie sie das EU-Parlament am 26. März beschloss, hätten diese Eselsbrücken ausgedient, der könnte sich irren.

Zwar steht nun fest, dass die Uhren im Jahr 2021 das letzte Mal umgestellt werden sollen, unklar ist aber noch, ob dauerhaft Sommer- oder Winterzeit herrschen wird.

Die EU überlässt diese Entscheidung ihren Mitgliedsstaaten, sie sollen die Europäische Kommission lediglich sechs Monate vor der letzten Umstellung von ihrer Entscheidung in Kenntnis setzen.

Uhrumstellen auf der Urlaubsfahrt

Wenn sich Deutschland und Italien künftig für die dauerhafte Sommerzeit entschieden, Österreichs Verkehrsminister aber für die dauerhafte Winterzeit votieren würde, dann müsste man auf der Autofahrt in den Urlaub von München über Innsbruck nach Venedig theoretisch zwei Mal die Uhren umstellen.

Die Europäische Kommission schreibt deshalb: "Es ist wünschenswert, dass die Mitgliedstaaten in abgestimmter Weise die Entscheidungen über die Standardzeit treffen."

Aktuell gibt es in der EU drei Standardzeitzonen: Die meisten Uhren der Mitgliedstaaten (17) ticken nach mitteleuropäischer Zeit (MEZ). In Irland, Portugal und dem Vereinigten Königreich gilt die westeuropäische Zeit (MEZ-1), während die Uhren in Ländern wie Bulgarien, Estland, Finnland oder Rumänien die osteuropäische Zeit (MEZ+1) anzeigen.

Am letzten Sonntag im März werden die Uhren in allen europäischen Zeitzonen eine Stunde vorgestellt, im Oktober wieder eine Stunde zurück.

Es droht ein Flickenteppich

Eine dauerhafte Sommer oder Winterzeit in der größten Standardzeitzone, der mitteleuropäischen Zeitzone, würde vor allem Länder wie Spanien und Polen vor Herausforderungen stellen: Bei dauerhafter Sommerzeit würde in Spanien im Winter Dunkelheit bis kurz vor 10 Uhr morgens herrschen, bei dauerhafter Winterzeit würde es in Polen im Sommer bereits um 3 Uhr morgens hell.

Norbert Hofer, Österreichs Verkehrsminister, sagte aber gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa): "Es wäre unsinnig, wenn Deutschland oder Ungarn und Italien und Österreich unterschiedliche Zeitsysteme hätten." Nachbarstaaten müssten sich auf ein Modell einigen, sonst drohe ein "Zeit-Fleckerl-Teppich" in Europa.

Zurück in die Vergangenheit?

Ein Zeit-Flickenteppich mutet wie eine Reise in die Vergangenheit an. Professor Dr. Christian Böttger von der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Berlin erklärt, wieso: "Bevor es die Eisenbahn gab, hatte jeder Hof eine eigene Zeit. Wie viel Uhr es in der Nachbarstadt war, war nicht feststellbar."

Zeitumstellungen gab es damals also nicht nur zweimal im Jahr, sondern auf fast jeder Kutschfahrt. "Erst mit der Erfindung der Eisenbahn hat man damit begonnen, Zeit zu normieren", erklärt Böttger. Die Mitteleuropäische Zeit wurde 1893 eingeführt.

Wie würde sich ein Flickenteppich auf den Zugverkehr auswirken?

In Deutschland trat die Sommerzeit 1980 in Kraft, einheitlich gilt die Regelung in der EU seit 1995. Jede Menge Zeit also, um einen routinierten Ablauf einzuüben. Allein die Deutsche Bahn stellt jährlich 120.000 Uhren an Bahnhöfen, Automaten, Diensträumen und Informationssystemen um.

"Zeitumstellungen und Verschiebungen sind für Verkehrsunternehmen völlige Routine", kommentiert auch Böttger. Warum es durch einen möglichen Flickenteppich in der EU zu Verspätungen oder Problemen im Reiseverkehr kommen sollte, kann er nicht erkennen.

Zeitumstellungen sind problematischer

Also kein Chaos, verwirrte Reisende und Verspätungen, wenn ein Zug durch Europa künftig einen Zeit-Flickenteppich durchqueren würde? Philipp Kosok, Referent für Verkehrspolitik beim VCD, meint: "Nein, bei Bahnreisen sind weniger die Anzahl der Zeitzonen als die Zeitumstellungen ein Problem."

Fahrgäste könnten zwar verwirrt sein, wenn sie eine Zeitzone durchqueren und dann plötzlich scheinbar eine Stunde überspringen würden, "mit einem Chaos, mehr Verspätungen oder gar Sicherheitsproblemen ist jedoch in keinem Fall zu rechnen."

Eine einheitliche Zeit sei im Sinne der Reisenden wünschenswert, für die Bahn bedeute der entgegengesetzte Fall aber kein Problem. Laut Kosok ließen sich die verschiedenen Zeitzonen leicht ineinander umrechnen.

Deutsche Bahn wünscht sich einheitliche Regelung

Hingegen: "Jede Zeitumstellung muss in den Fahrplan eingepasst werden." In der Praxis würden Züge im Oktober nachts eine Stunde stehen, im März müssten sie eine Stunde "rausfahren".

Von der Abschaffung der Zeitumstellung im Sommer und Winter profitieren die Verkehrsunternehmen deshalb eher. Achim Stauß, Konzernsprecher der Deutschen Bahn, sagt gegenüber dieser Redaktion: "Als Deutsche Bahn möchten wir der Diskussion in der Politik nicht vorgreifen. Aus Sicht unserer Fahrgäste wäre es allerdings wünschenswert, wenn es bei der Zugfahrt über eine Grenze keine unterschiedlichen Zeiten gibt."

In welcher Form wäre der Flugverkehr betroffen?

"Der Flugverkehr ist gesondert zu betrachten, aber auch hier handelt es sich um Standardprozesse", erklärt Experte Böttger. Die Fluggesellschaften seien aufgrund der größeren Distanzen viel häufiger mit Zeitverschiebungen konfrontiert.

"Die Flüge werden nach der Greenwich Mean Time (GMT) geplant, deshalb spielt die lokale Ortszeit eigentlich keine Rolle", erklärt der Experte für Verkehrswesen.

Deshalb erwartet auch beispielsweise das Unternehmen Eurowings keinerlei Schwierigkeiten. "Wir planen die Flugpläne generell in der UTC-Zeit. Das heißt, dass sich dadurch an unserer Planung nichts ändern wird. Lediglich unsere Passagiere werden sich entsprechend umstellen müssen", teilt Natalie Gerber aus der Unternehmenskommunikation mit.

Der Deutsche Reiseverband (DRV) weist gegenüber dieser Redaktion aber darauf hin: "Ein Flickenteppich würde für Reiseveranstalter und Fluggesellschaften die Planung und Abstimmung der Start- und Landezeiten auch im Hinblick auf Nachtflugverbote deutlich erschweren." Auch hier wünscht man sich eine einheitliche Regelung.

Böttger aber urteilt: "Als Argument, warum sich die Mitgliedstaaten unbedingt für eine einheitliche Regelung entscheiden müssen, lassen sich die Auswirkungen auf den Reiseverkehr meiner Meinung nach nicht anführen."

Erhöhte Unfallgefahr durch Schlafmangel

Eine unterschätzte Gefahr aber könnte der Flickenteppich auf einer anderen Ebene bergen: Denn Studien zeigen, dass es insbesondere kurz nach Zeitumstellungen, in denen uns eine Stunde genommen wird, zu einem Anstieg an Verkehrsunfällen kommt.

In einer Studie der University of British Columbia zum Zusammenhang von Zeitumstellung und Verkehrsunfällen analysierten die Forscher kanadische Autounfallstatistiken: "Die Umstellung auf Sommerzeit und die damit verlorene Stunde an Schlaf resultierte in einem durchschnittlichen Anstieg an Verkehrsunfällen um ungefähr acht Prozent."

Zwar erscheine eine Zeitumstellung von einer Stunde nur wie eine kleine Störung im Biorhythmus, messbare Auswirkungen wie Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Kopfschmerzen könnten aber fünf Tage andauern.

Verantwortlich für die erhöhte Unfallrate ist also der verkürzte Schlaf. Problematische Konsequenzen eines Zeit-Flickenteppichs gäbe es daher nur dann, wenn die Mini-Jetlags beispielsweise dazu führen, dass Geschäftsreisende, Pendler oder Touristen häufiger als zuvor in ihrem Biorhythmus gestört werden.

Denn daraus resultieren Müdigkeit, Erschöpfung oder Konzentrationsprobleme – was wiederum häufige Unfallursachen sind.

Das Bus-Unternehmen Flixbus operiert in 28 Ländern Europas. Auf Anfrage erklärt es bezüglich seiner Vorbereitung auf ein mögliches Zeitzonen-Chaos: "Für uns ist die Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten unserer Fahrer ausschlaggebend."

Böttger hält jegliche Form der Panikmache dennoch für übertrieben. "Verschiedene Zeitzonen gibt es auf der ganzen Welt, in den USA vier innerhalb eines Landes."

Er meint: "Kulturell gibt es in der EU doch ohnehin Unterschiede im Tagesrhythmus, unabhängig von der Uhrzeit. Die Spanier haben etwa einen späteren Lebenszyklus als wir, dort braucht man um 8 Uhr morgens nicht anrufen."

Prof. Dr. Christian Böttger lehrt an der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Berlin in den Fachgebieten Industrial Marketing, Verkehrswesen und Eisenbahn. Der Wirtschaftswissenschaftler und Verkehrsexperte war zuvor bereits als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Deutschen Bahn tätig sowie bei Siemens, unter anderem im Geschäftszweig für Bahnelektrifizierung.
Philipp Kosok ist verkehrspolitischer Referent für ÖPNV und Bahnverkehr beim ökologischen Verkehrsclub Deutschland (VCD). Er studierte Intelligente Verkehrssysteme und Mobilitätsmanagement an der Fachhochschule Erfurt.

Quellen:

  • Studie der University of British Columbia zum Zusammenhang von Zeitumstellung und Verkehrsunfällen
  • Zeitumstellung bei der Deutschen Bahn:
  • Hofer gegenüber der DPA:
  • Statement der EU-Kommission
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