• Als Schausteller-Tochter ist Peggy Schierenbeck durch Deutschland gereist und hat 113 verschiedene Schulen besucht. Später tourte sie mit einer eigenen Achterbahn durch Europa.
  • Jetzt sitzt die Unternehmerin aus Niedersachsen für die SPD im Bundestag.
  • Mit ihrer Biografie will sie Mut machen: "Jeder Mensch ist wertvoll dort, wo er etwas leistet."
Ein Porträt

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Eine Abenteuerbahn hat die Kindheit von Peggy Schierenbeck geprägt. Mit dem Karussell tourten ihre Eltern durch die Republik, blieben mal für ein paar Tage, mal für mehrere Wochen an einem Ort. Und die Tochter war immer dabei. "Wir haben uns in jeder neuen Stadt eine Schule gesucht. Meistens ist mein Vater mitgegangen und hat mich im Rektorat angemeldet", erzählt Peggy Schierenbeck. Eine Kindheit, eine Jugend auf Wanderschaft.

Dieser Lebensweg hat Peggy Schierenbeck inzwischen in die Politik geführt: Seit der Wahl im vergangenen Jahr sitzt sie für die SPD im Bundestag. Es ist eine ungewöhnliche Biografie für eine Bundestagsabgeordnete – schließlich dominieren in der deutschen Volksvertretung immer noch Akademikerinnen und Akademiker.

In jeder neuen Stadt eine neue Schule

Schierenbeck findet das Klischee eines Parlaments von Juristinnen und Wissenschaftlern trotzdem falsch. In ihrer Fraktion sitzen Polizisten, eine Tagesmutter, ein Festival-Gründer, natürlich auch erfahrene Politikerinnen und Politiker. "Ich finde die Mischung so wichtig, damit man aus unterschiedlichen Perspektiven auf ein Thema schaut", sagt sie.

Sie selbst bringt in der Tat eine sehr besondere Perspektive mit. Als Schausteller-Tochter hat sie 113 verschiedene Schulen in ganz Deutschland besucht. Das klingt für Außenstehende nach einem sehr unbeständigen Leben, doch Schierenbeck kannte es nicht anders. Sie reiste lieber mit ihren Eltern durchs Land, als auf einem Internat oder bei Pflegeeltern zu wohnen. Die Lehrerinnen und Lehrer an ihren vielen Schulen habe sie von ihrer besten Seite kennengelernt, sagt Schierenbeck. Ihrem eigenen Bildungsweg hat diese "Wanderschaft" nicht geschadet. "Ich war eine gute Schülerin. Mir ist das Lernen immer leichtgefallen, weil ich einen großen Wissensdurst hatte."

"Wir haben ein tolles durchlässiges Bildungssystem"

Eigentlich wollte sie eine Realschule besuchen. Doch das wäre zumindest in Bayern nicht mit dem ständigen Schulwechsel vereinbar gewesen. Also machte sie einen Hauptschulabschluss. Schierenbeck weiß, dass das kein Hindernis sein muss. "Kinder sollten nicht unter dem Druck aufwachsen, studieren zu müssen: Jeder Mensch ist wertvoll dort, wo er etwas leistet."

Überall werden derzeit Fachkräfte, auch ohne Studium, gesucht. Überall haben die Bundesländer in den vergangenen Jahrzehnten versucht, den Ruf der Haupt- und Mittelschulen zu verbessern. Doch viele Mütter und Väter schicken ihre Kinder noch immer lieber auf ein Gymnasium. Peggy Schierenbeck weiß daher, dass noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist. "Wir haben ein tolles, durchlässiges Bildungssystem. Das müssen wir vor allem den Eltern vermitteln – und dafür sind auch interessante Biografien wichtig." Umso mehr freut sich Schierenbeck, dass mit Bärbel Bas jetzt auch eine ehemalige Hauptschülerin an der Spitze des Bundestags steht und damit das zweithöchste Amt im Staat bekleidet.

Die Stärkung der beruflichen Schulen ist Schierenbeck ein besonderes Anliegen, vor allem für die Arbeit in ihrem Wahlkreis Diepholz-Nienburg in Niedersachsen. Im Bundestag hat sie sich andere Themen vorgenommen. Dort ist sie Mitglied in den Ausschüssen für Inneres und Heimat sowie für Ernährung und Landwirtschaft. In ihrer Fraktion ist die 50-Jährige Berichterstatterin für Ernährungspolitik. Sie spricht sich zum Beispiel dafür aus, den Zucker- und Salzgehalt in Lebensmitteln zu reduzieren. "Eine ausgewogene Ernährung für alle ist die Basis für Gesundheits- und Chancengleichheit und damit auch eine soziale Frage", sagte sie in ihrer ersten Bundestagsrede.

25 Jahre mit der Achterbahn durch Europa

Peggy Schierenbeck ist nach dem Hauptschulabschluss zunächst in die Fußstapfen ihrer Eltern getreten. Sie und ihr Mann bekamen früh Kinder, kauften eine Achterbahn und fuhren mit ihr 25 Jahre lang nicht nur durch Deutschland, sondern über den Kontinent: Die Achterbahn stand in Berlin und Frankfurt, London und Brüssel, in Basel und an der Côte d’Azur. Europa war buchstäblich Schierenbecks Zuhause.

"Absolut schön" sei diese Zeit gewesen. "Ich habe so viele Menschen kennengelernt, mit so vielen unterschiedlichen Mentalitäten." Noch heute kommt ihr das entgegen: Sie hat in ihrem bisherigen Leben so viele Volksfeste, so viel von Land und Kontinent gesehen wie nur wenige andere Politiker. Der Hamburger Dom, die Mannheimer Mess, der St. Petri-Markt in Versmold: "Egal wen ich heute treffe und woher die Person kommt: Ich war meistens schon mal da."

Unternehmerin und Sozialdemokratin? Das passt zusammen, findet sie

2019 begann für die Familie ein neuer Lebensabschnitt. Aus wirtschaftlichen Gründen verkauften Schierenbeck und ihr Mann die Achterbahn, sie steht heute in einem Freizeitpark bei Würzburg. Mit einer letzten Fahrt nahm die Familie Abschied und verlagerte ihren Lebensmittelpunkt in ihr Haus im niedersächsischen Weyhe.

Peggy Schierenbeck arbeitete danach als Business-Coach, um ihr Wissen als Unternehmerin an andere Führungskräfte weiterzugeben. Und dann ist da noch die Sache mit der Politik. Ihren Weg in die SPD hat die 50-Jährige über Gerhard Schröder gefunden. Dessen Verhältnis zur Partei ist heute nicht nur wegen seiner engen und unverbrüchlichen Russland-Kontakte zerrüttet. Auch die Sozialreformen seiner Agenda 2010 waren für viele in der SPD eine Zumutung.

Schierenbeck ist trotzdem überzeugt, dass der Ansatz richtig war: "Deutschland war vorher der kranke Mann Europas, nach Schröders Sozialreformen hat uns Europa um unsere Reformen beneidet", sagt sie. Der Fehler sei nur gewesen, dass der damalige Kanzler im Bundestag Neuwahlen herbeiführte und die Weiterentwicklung der Reformen dann nicht mehr allein in der Hand der SPD lag. "Die Idee war gut. Leider konnte die SPD sie aber damals in der Bundesregierung nicht zu Ende führen und die Reformen reformieren."

Unternehmerin und Sozialdemokratin zu sein, ist für sie übrigens kein Widerspruch. "Ich war eine sozialdemokratische Unternehmerin", sagt Schierenbeck. "Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren immer das Wichtigste für mich."

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