Es ist zweieinhalb Minuten vor zwölf: Seit 1947 zeigt die "Doomsday Clock" an, wie nah die Menschheit am Rande der weltweiten Katastrophe steht. Nur ein einziges Mal waren die Wissenschaftler noch pessimistischer: 1953, als die USA und die Sowjetunion im Kalten Krieg Wasserstoffbomben entwickelten.

2017 habe sich die internationale Lage wieder "verdunkelt", heißt es im aktuellen Statement des "Bulletin of the Atomic Scientists" - und selbst wer die "Doomsday Clock" für alarmistische Spielerei hält, wird bei einem Blick auf die Weltlage mehrere politische Krisen entdecken, die eine Gefahr für den Weltfrieden darstellen können.

Syrien

Geschätzt eine halbe Million Menschenleben hat der Bürgerkrieg in Syrien schon gekostet, fünf Millionen Menschen sind aus dem Land geflohen. So viel Leid der Krieg schon ausgelöst hat, er trägt das Potenzial für einen noch größeren Konflikt in sich.

Die USA schossen vorvergangenes Wochenende einen Kampfflieger der syrischen Armee ab, Russland kündigte an, die bisherige Kooperation mit den US-Luftkräften einzustellen und Flugzeuge der westlichen Koalition als potenzielle Abschussziele einzustufen.

Hunderttausende hungern in Nigeria. Schuld ist der Terrorismus.


Offensichtlich ringen die USA und Russland um ihre Position am Verhandlungstisch nach dem absehbaren Sieg der Assad-Koalition über die verbliebenen oppositionellen Kräfte und dem Rückzug des IS.

Der englische "Guardian" fühlte sich in einem Kommentar an die Stellvertreterkriege des Kalten Krieges erinnert – mit dem Unterschied, dass die damaligen Regeln und Kommunikationskanäle nicht mehr existierten.

Immerhin laden die Vereinten Nationen am 10. Juli in Genf zu neuen Verhandlungen. Generalsekretär António Guterres sagte allerdings schon vorab, er wolle keine allzu großen Erwartungen wecken, es seien zu viele Parteien involviert.

Tatsächlich tragen nicht nur die USA und Russland ihren Machtkampf in Syrien aus: Saudi-Arabien bekämpft den aufstrebenden Iran, die Türkei hat Ansprüche auf Aleppo und Mossul angemeldet. Wo so viele Interessen aufeinanderstoßen, wird der Weg zum Frieden weit.

Osteuropa

"Wie der Dritte Weltkrieg in Lettland beginnen könnte." Mit diesem Aufsatz sorgte der US-amerikanische Politikwissenschaftler Paul D. Miller im November 2016 für Diskussionen.

Er beschrieb ein Szenario, in dem Russland einen Aufstand der russischstämmigen Balten und damit Bürgerkriege in Lettland, Litauen und Estland provoziert.

Die drei Staaten sind seit 2004 Nato-Mitglieder, genau wie Bulgarien, Rumänien, die Slowakei und Slowenien und seit 1999 Tschechien, Polen und Ungarn. Die stetige Ost-Erweiterung des Nordatlantikpakts war und ist selbst im Westen stark umstritten.

Der Kreml fühlt sich von der Nato "verraten", weil es 1990 eine (offenbar informelle) Zusage gegeben haben soll, die Nato-Grenze nicht nach Osten zu verschieben. Dass Moskau deswegen einen Krieg im Baltikum anzettelt, halte er dennoch für unwahrscheinlich, sagte Dr. Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik unserer Redaktion.

Allerdings: Paul D. Miller hatte schon das russische Eingreifen in der Ukraine vorhergesagt. Dort schwelt der Krieg seit 2014, pro-russische Milizen und die "Grünen Männchen", irreguläre Truppen aus Russland, kämpfen gegen die ukrainische Armee, teils trainiert von US-Ausbildern.

Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden bislang etwa 10.000 Menschen getötet, es herrscht ein Stellungskrieg, mehrere Waffenruhen wurden vereinbart, aber nie eingehalten.

Die EU gibt Russland die Schuld und verlängerte auf ihrem Gipfel jüngst die Sanktionen um ein halbes Jahr, die USA weiteten ihre Sanktionen vor einer Woche aus.

Ein weiterer Streitpunkt, den Donald Trump und Wladimir Putin bei ihrem ersten Treffen beim G20-Treffen in Hamburg besprechen könnten - wenn es denn stattfindet.

Nordkorea

Die US-Streitkräfte haben den Ernstfall schon simuliert: Von den Marshallinseln im Pazifik aus startete eine Rakete, die abgefangen und zerstört wurde - so bereitet sich Washington auf einen Angriff aus Nordkorea vor.

Pjöngjang hat seit 2006 fünfmal Atomwaffen getestet, gleichzeitig arbeitet das Regime an Langstreckenraketen - eine Gefahr nicht nur für Südkorea, das sich offiziell noch immer im Krieg mit Nordkorea befindet.

Nordkorea-Konflikt: Blick auf die Streitkräfte zeigt Machtverhältnisse.


Auch Japan betrachtet die Aufrüstung als Bedrohung und lässt Flugzeugträger vor der Küste kreuzen, genauso wie die USA. "Nordkorea ist eine direkte Bedrohung der Vereinigten Staaten", sagte US-Verteidigungsminister James N. Mattis Anfang Juni.

Wie Washington darauf reagieren will, ist unklar. Das US-Magazin "The Nation" sieht drei Optionen:

1. Einen Militärschlag, der aber eine unkontrollierbare Reaktion Nordkoreas nach sich ziehen könnte.

2. Direkte Verhandlungen, in denen Kim Jong Un einen Friedensvertrag verlangen würde, den die USA ihm wohl nicht gewähren wollten.

3. Eine Einigung mit der Schutzmacht China.

Das allerdings ist nicht im Interesse Pekings, wie Nordkorea-Experte Rüdiger Frank jüngst in der FAZ erklärte. China wolle die Position der USA in Ostasien schwächen, wo es an vielen Stellen zu Konflikten kommt.

Nicht nur im Handel, sondern vor allem im Südchinesischen Meer, wo Peking seine Gebietsansprüche gegen die Philippinen, Malaysia, Vietnam und Brunei aggressiv untermauert, indem es künstliche Inseln zu Militärstützpunkten ausbaut.

Das will Trumps Regierung verhindern – und riskiert damit einen Krieg, analysierte der Politikwissenschaftler Ashley Townshend aus Sydney bei CNN.

Naher Osten

Ein Krieg zwischen Katar und Saudi-Arabien? Keine große Gefahr, sagte die Golfstaaten-Expertin Anna Sunik vom GIGA-Institut für Nahoststudien unserer Redaktion kürzlich. Trotz der aktuellen Krise, in der Riad den ungeliebten Nachbarn blockiert und isoliert.

Auf die gute Nachricht folgte eine schlechte: Die Spannungen zwischen den großen Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran nehmen zu.

Angeheizt wird der Konflikt durch die religiösen Gegensätze: Die saudische Königsfamilie betrachtet sich als Vertreter der Sunniten, der Iran sich als Schutzmacht der Schiiten. Dementsprechend unterstützen die Länder in so gut wie allen Krisenschauplätzen der Region – Syrien, Jemen, Bahrain, Katar, Libanon – rivalisierende Gruppen.

Selbst wenn es nicht zu einer direkten Konfrontation der beiden Länder kommen sollte, destabilisiert der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran die gesamte Region.

Ganz davon abgesehen, dass Donald Trump die Iran-Politik von Barack Obama "überdenken" will und alle Zeichen auf Konflikt stehen.

Sahel-Zone

Von einer "Achse des Terrors" sprach Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen 2016, als sie über die Offensive des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) in Nordafrika sprach.

Mittlerweile haben islamistische Gruppen auch in anderen Gebieten als im "Failed State" Libyen und im Maghreb Fuß gefasst, auch wenn sie keine gemeinsame Agenda verfolgen.

Boko Haram hat sich zwar dem IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi unterstellt, agiert allerdings unabhängig und weit entfernt von IS-Strukturen in den Ländern um den Tschad-See herum.

In Mali und den Nachbarländern Burkina Faso und der Elfenbeinküste verüben die Gruppe "Al-Kaida im islamischen Maghreb" und kleinere Ableger Terrorattacken.

Allein 2016 flohen 4,2 Millionen Menschen aus der Sahel-Zone. Die Fachzeitschrift "Foreign Policy" nahm die Region in ihre "10 Conflicts to Watch 2017"-Liste auf - weil das humanitäre Desaster die Saat für zukünftige Unruhen legen könnte.

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Aleppo: Bilder aus der umkämpften Stadt in Syrien

Bilder aus der so lange so hart umkämpften Stadt in Syrien.