• Gigantische LKW-Staus, leere Regale – das waren die ersten sichtbaren Folgen des Brexit in Großbritannien.
  • Nun flammt auch noch der Nordirland-Konflikt wieder auf.
  • Wir ziehen ein Zwischenfazit nach 100 Tagen Brexit.

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Kilometerlange LKW-Staus, Chaos bei der Einreise – die Szenen, die sich kurz nach Weihnachten in Dover abspielten, ließen Schlimmes für die Nach-Brexit-Zeit befürchten. 100 Tage später sind nur noch selten Schlangen in Dover zu sehen. Waren die Befürchtungen also übertrieben?

Tatsächlich werden in Dover noch keine Grenzkontrollen durchgeführt. Die Anlagen dazu sind schlicht und einfach noch nicht fertiggestellt.

Und die fehlenden LKW lassen sich auch anders interpretieren. Denn der Handel Großbritanniens mit der EU ist massiv eingebrochen. Bereits im Januar meldete das britische Statistikamt ONS ein Minus von 40,7 Prozent für die Exporte in die EU. Im gleichen Zeitraum brachen die Importe aus der EU um 28,8 Prozent ein.

Unternehmen müssen mit einem Wust an Bürokratie, unübersichtlichen Regelungen und überforderten Beamten zurechtkommen. Kosten explodieren, Handelsketten geraten unter Druck. Jährlich fallen zusätzlich ca. 220 Millionen Zolldeklarationen auf britischer Seite an, berichtet die "Tagesschau".

Brexit-Bürokratie lässt Handel einbrechen

Die britische Tageszeitung "The Guardian" zeigt die ganze Abstrusität der Situation anhand der Auswirkungen auf die Fleischindustrie. Unternehmen, die Fleischwaren in die EU exportieren, müssen seit dem Brexit einen Prozess mit 26 Stufen durchlaufen. Dabei wird jede einzelne Sendung in einer Datenbank und durch unzählige Formulare protokolliert.

Ein einziger Fehler in der Kette bedeutet tagelange Verzögerung. Gerade bei verderblichen Waren kommt dies einer Katastrophe gleich. Das könnte einer der Gründe dafür sein, - so vermutet der "Guardian" - dass Fleischexporte in die EU um sage und schreibe 92 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum eingebrochen sind.

Donald Trumps Strafzölle lassen Umsatz schottischen Whiskys einbrechen

Der Export schottischen Whisky in die USA ist dramatisch eingebrochen. Den Herstellern ist nach Verbandsangaben bereits über eine halbe Milliarde Euro Umsatz verlorengegangen. Grund sind die Strafzölle, die Donald Trump in seiner Regierungszeit als US-Präsident eingeführt hat.

Dass der Brexit sich für beide Seiten negativ auswirken würde, war immer klar. EU-Berechnungen zeigen jedoch, dass die Kosten für Großbritannien viermal so hoch sein werden. Bis Ende 2022 sollen die Briten 2,25 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes einbüßen.

Seriöse Prognosen bleiben allerdings auch nach 100 Tagen schwierig. Das Problem: Im Augenblick wird alles von der Corona-Krise dominiert. Ob die Pandemie oder der Brexit für den Abwärtstrend verantwortlich ist, lässt sich oft nicht so einfach auseinanderdividieren.

Nach 100 Tagen Brexit - viele Branchen schlagen Alarm

Derweil schlagen ganze Branchen Alarm. So schrieben prominente Vertreter der Modebranche – darunter auch Vivienne Westwood - einen offenen Brief an die Regierung. Darin fordern Sie Johnson und Co. auf, die Modeindustrie stärker zu unterstützen. Lieferketten seien unter Druck geraten, Businessmöglichkeiten in Europa weggebrochen und der enorme bürokratische Aufwand sorge für gestiegene Kosten.

Für jedes Land, in dem man arbeite, benötige man nun kostspielige Arbeitserlaubnisse. Das sei völlig an der Realität der Branche vorbeigedacht, heißt es in dem offenen Brief. Immerhin trage die Modeindustrie mehr zum Bruttoinlandsprodukt bei als die Fischerei sowie die Musik-, Film- und Autoindustrie des Landes zusammen.

Auch die Finanzindustrie ist stark getroffen. London, einst wichtigstes Finanzzentrum Europas, hat seine Vormachtstellung gegenüber Amsterdam und Paris verloren. Laut einer Pressemitteilung der Kapitalverwaltungsgesellschaft Ethena habe sich der Aktienhandel "quasi über Nacht nach Kontinentaleuropa verschoben".

Vor allem kleine Unternehmer leiden unter dem Brexit

Doch vor allem sind es die kleinen Unternehmer, die unter dem Brexit leiden. Der "Guardian" beschreibt den Fall eines schottischen Hundefutter-Unternehmers, der an den neuen Handelsbeschränkungen verzweifelt ist. Da der finanzielle und bürokratische Aufwand für den Export seiner Produkte zu groß geworden war, entschloss er sich, seine Firma nach Frankreich zu verlegen.

Und auch Verbraucher spüren nach 100 Tagen bereits die Folgen des Brexit. So treibt die Inflation Lebensmittelpreise nach oben. Und bei Importen aus der EU wird eine Einfuhrumsatzsteuer fällig.

Zu allem Überfluss flammt der Nordirland-Konflikt wieder auf. Die umständlichen Kontrollen behindern dort den Warenverkehr, Regale in den Supermärkten bleiben oft leer. Die Wut entlädt sich in immer gewalttätigeren Ausschreitungen.

Krieg auf den Straßen Nordirlands

Laut Sicherheitsbehörden bekämpfen sich pro-britische Unionisten mit Anhängern eines vereinigten Irlands. (Foto: Reuters)

Impfkampagne als Erfolgsstory des Brexit

Boris Johnson scheint das alles nicht zu schaden. Er sonnt sich in den Erfolgen seiner Impfkampagne. Dies dürfte einer der wenigen Bereiche sein, in denen Großbritannien vom Brexit profitiert.

Während die EU noch zögerte und zauderte, brachte die britische Regierung frühzeitig und konsequent ihre Impfkampagne ins Rollen. Laut einer Studie der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England konnten dadurch bis Ende März 2021 über 10.000 Leben gerettet werden.

Die Corona-Pandemie wird die Folgen des Brexit wohl noch lange überdecken. Ganze Branchen, wie etwa Tourismus und Gastronomie, fallen zurzeit aus. Ähnlich wie in anderen Ländern ist die Wirtschaft heruntergefahren. Wie schwer der Brexit das Land als Ganzes und jeden einzelnen trifft, wird man wohl erst mit Abstand vollständig beurteilen können.

Verwendete Quellen:

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