Sofort nach dem Abzug der westlichen Truppen überrennen die radikalislamistischen Taliban Afghanistan. Die USA wirken wie Verlierer, und für die Afghanen beginnt das Grauen. Mit Hibatullah Achundsada übernimmt ein brutaler Religionsführer und Massenmörder die Macht - wer ist der Mann?

Dr. Wolfram Weimer
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Die Taliban überrennen Afghanistan. Wo immer westliche Truppen in diesen Tagen abziehen, erstürmen radikalislamistische Milizen die Stellungen. Reihenweise fallen ihnen Militärbasen und Polizeistationen zu, viele Regierungssoldaten ergeben sich und liefern den Taliban ihre Waffen und Fahrzeuge kampflos aus.

Die aktuelle Front-Auswertung des "Long War Journal" zeigt, dass die Taliban jetzt bereits 223 der 407 Distrikte Afghanistans beherrschen, große Gebiete auch im Norden des Landes, wo die Bundeswehr stationiert war. Taliban-Kämpfer sind auch in die Städte Kunduz, Faizabad, Mazar-i-Sharif und Taloqan vorgedrungen.

Nach heftigen Kämpfen mit den afghanischen Regierungstruppen haben die Taliban auch einen Schlüsselbezirk in ihrer ehemaligen Bastion Kandahar eingenommen. Eine Massenflucht der Zivilbevölkerung hat begonnen.

Der Fall dieses Distrikts Panjwai erfolgte nur zwei Tage nach dem Abzug der US-Truppen vom Luftwaffenstützpunkt Bagram in der Nähe von Kabul, von dem aus die Amerikaner zwei Jahrzehnte lang die Operationen gegen die Taliban und ihre Al-Kaida-Verbündeten geleitet hatten. Panjwai ist nicht nur der Schlüssel zur Eroberung der Provinzhauptstadt Kandahar. Es hat für die Taliban auch eine hohe symbolische Bedeutung, denn ihr Anführer Hibatullah Achundsada stammt aus Panjwai.

Afghanistans Tage der Demokratie sind gezählt

Achundsada ist der neue starke Mann Afghanistans. Er trägt den Titel "Emir-al-Momineen" (Befehlshaber der Gläubigen), trumpft dieser Tage als Glaubenskrieger auf und lässt die Weltöffentlichkeit in einer offiziellen Botschaft gönnerhaft wissen, die Taliban betrachteten den Abzug der ausländischen Truppen als "einen guten Schritt".

Achundsada und seine Milizen wollen nach dem Abzug der Amerikaner wieder ein islamisches Emirat mit Sharia und strikter Geschlechtertrennung gründen. Die Tage von Demokratie, Menschen-, Frauen- und Freiheitsrechten wären gezählt - 20 Jahre westliche Militärpräsenz drohen damit grandios zu scheitern.

Achundsada gilt damit in der islamischen Welt als der Mann, der die USA besiegt hat. Er baut Tag für Tag mit neuen Eroberungen seine Machtbastion aus. Und viele Afghanen haben furchtbare Angst davor. Denn Achundsada eilt der Ruf eines brutalen Hardliners voraus.

Zum Auftakt seines Eroberungszugs kam es zu einem perfiden Angriff auf eine Mädchenschule in Kabul mit 58 Todesopfern. Das Attentat wirkt wie eine drastische Schockbotschaft für das, was nun bevorsteht: Insbesondere Frauen und Mädchen steht brutale Unterdrückung bevor.

Zunächst hatten die Attentäter eine Autobombe vor der Schule gezündet. Viele Schülerinnen waren daraufhin in Panik aus dem Gebäude gelaufen. Kurz darauf wurden zwei weitere Sprengkörper zur Explosion gebracht, um möglichst viele Mädchen zu töten. Die US-Regierung sprach von einem "barbarischen" Anschlag, in einer Erklärung der deutschen Botschaft hieß es: "Kinder zu töten, ist ein Anschlag auf die Zukunft Afghanistans."

Mädchen die Schulbildung zu verweigern, ist ebenso Taliban-Programm, wie nicht-islamische Kulturgüter zu zerstören. So war Achundsada einer der Anführer, der die Buddha-Statuen von Bamyian (ein Weltkulturerbe) hat zerstören lassen.

Achundsada, Sohn eines Imams, ist 60 Jahre alt und seit zwei Jahrzehnten zunächst der theologische und jetzt der militärisch-politische Führer der Taliban. Er finanziert seine angreifenden Truppen vor allem durch Drogenhandel.

Zeitweise fungierte er im Taliban-System als erbarmungsloser oberster Richter der Sharia-Gerichte, er wird von der UNO für Massaker mitverantwortlich gemacht, insbesondere gegen Angehörige der mehrheitlich schiitischen Hazara-Volksgruppe. Vertreter der Vereinten Nationen vergleichen die systematischen Massaker mit den ethnischen Säuberungen, die während des Bosnienkrieges stattgefunden haben.

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Hibatullah Achundsada zieht Krieg dem Frieden vor

Für den Westen, die NATO und die USA ist die rasante Machtübernahme der Talibantruppen ein Desaster. Alle Bemühungen, nach jahrelangen Friedenseinsätzen das Land in eine zivile Regierung zu übergeben, drohen zu scheitern. Eine dauerhafte Teilung der Macht zwischen den verfeindeten Gruppen - "power sharing" schien der Schlüssel zum Frieden - ist "sehr unwahrscheinlich" und die jüngsten Gebietsgewinne der Taliban deuten alle auf eine "gewaltsame Übernahme" hin, sagt Madiha Afzal, eine Analystin der Brookings Institution in Washington.

Auch die UNO blickt mit Entsetzen auf die Taliban-Offensive. Die Zahl der zivilen Opfer sei schon im ersten Quartal 2021 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 29 Prozent gestiegen, sagte Deborah Lyons, die oberste UN-Gesandte in Afghanistan vor dem Sicherheitsrat. "Die Aktionen auf dem Schlachtfeld sind weit größer als der Fortschritt am Verhandlungstisch", warnt sie.

Achundsadas Leben ist von Gewalt dominiert. Sein Sohn Abdur Rahman starb bei einem Selbstmordanschlag auf eine afghanische Militärbasis in Gereshk. Sein Bruder wurde im August 2019 von einer Bombe getötet. Er selbst überlebte einen Attentatsversuch durch den afghanischen Geheimdienst. Während einer seiner Vorlesungen stand eines Tages ein Mann unter den Studenten und richtete eine Pistole auf Achundsada aus nächster Nähe, doch die Pistole klemmte - und er überlebte. Der pakistanische Sicherheitsanalyst Baschir Bisan beschreibt ihn so: "Achundsada zieht Krieg dem Frieden vor und das Töten dem Leben."

Achundsadas Machtübernahme Afghanistans

Das Amt des Talibanführers übernahm er am 25. Mai 2016 als Nachfolger von Mullah Akhtar Mansour. Mansour starb durch den Angriff einer US-Drohne auf sein Auto. Der Angriff war von US-Präsident Barack Obama genehmigt worden. Bis dahin war Achundsada Stellvertreter von Mansour.

Angeblich hatte Mansour ihn in seinem Testament als seinen Nachfolger benannt. Doch die Berufung ist bis heute unter den Taliban-Führern umstritten. Achundsada muss sich insbesondere der Konkurrenz von Mullah Yaqoob und Sirajuddin Haqqani erwehren. Um seine Macht zu sichern, kommt ihm die jetzige Rückeroberung Afghanistans gerade recht.

Im Mai 2017 veröffentlichte Achundsada ein 122seitiges Taliban-Handbuch, wie man den Dschihad zu führen habe. Darin kündigt er einen langfristigen Dschihad nach dem Abzug der westlichen Gruppen bereits an: "Es ist falsch, wenn jemand sagt, dass der Dschihad sofort nach dem Weggang der Ungläubigen aufhören sollte."

Und er macht in dem Buch auch klar, dass es "eine Sünde" sei, dem Führer nicht zu vertrauen; und wenn man den Anweisungen des Führers nicht folge, so sei das gleichbedeutend mit dem Ungehorsam gegenüber dem Propheten und Gott. Achundsada will nicht nur die Macht über Afghanistan, er fordert auch unbedingten Gehorsam.

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