Während die Politik ihre Strategie der kostenlosen Tests für alle als entscheidend im Kampf gegen die Corona-Pandemie verkauft, gehen die Hausärzte auf die Barrikaden. In einem offenen Brief greifen sie die Kurzsichtigkeit und Kurzfristigkeit der neuen Test-Regelungen von Gesundheitsminister Spahn und Ministerpräsident Söder an und fürchten eine Überforderung.

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Es ist ein Hilfeschrei. Mehr als 60 Hausärzte aus ganz Deutschland haben einen offenen Brief unterzeichnet. Sie fühlen sich übergangen, im Stich gelassen und nicht ernst genommen.

Von "enormem Ressourcenverbrauch", "nicht zu bewältigendem Andrang von Reiseheimkehrern in der Praxis", "Missachtung unserer Arbeit" und "Sabotage 'von oben'" ist die Rede.

Corona-Tests für alle - verpflichtend, freiwillig, in jedem Fall kostenlos

Anlass ist die große Testoffensive, die zunächst Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für den Freistaat und kurz darauf auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) national ausgerufen haben.

Seit 1. August gilt die Regel, dass sich jeder Bundesbürger, der nach dem Urlaub wieder nach Deutschland zurückkehrt, freiwillig testen lassen kann, ob er sich mit dem Coronavirus infiziert hat.

Wer aus einem Risikogebiet zurückkehrt, ist sogar verpflichtet, sich entweder innerhalb von 48 Stunden vor der Einreise testen zu lassen oder innerhalb von 72 Stunden nach der Einreise. Laut Bundesgesundheitsministerium soll die Anordnung dazu in dieser Woche in Kraft treten.

Bayern hat eine eigene Teststrategie

In Bayern gilt bereits seit dem 1. Juli die sogenannte "Bayerische Teststrategie", wonach sich alle Bürgerinnen und Bürger Bayerns bei einer niedergelassenen Vertragsärztin oder einem niedergelassenen Vertragsarzt auch ohne Symptome kostenlos testen lassen können.

"Wir werden die Tests massiv ausbauen. Dazu legt die Staatsregierung mit dem Testkonzept einen weiteren wichtigen Baustein zur Eindämmung der Corona-Pandemie vor. Denn Tests sind die Grundvoraussetzung dafür, Infektionsketten zu durchbrechen", erklärte Melanie Huml, die bayerische Staatsministerin für Gesundheit.

Auch Melanie Huml (M.) gehört wie Spahn (l.) und Söder (r.) zu den Adressaten des offenen Briefs.

Offener Brief an Söder, Huml und Spahn

Dementsprechend richten die Hausärzte ihren offenen Brief, über den der "Münchner Merkur" zunächst berichtete und der auch unserer Redaktion vorliegt, an eben diese drei Personen: Spahn, Söder und Huml.

Das Schreiben strotzt vor Kritik an den Politikern und ihren aus Sicht der Mediziner unausgegorenen und nicht abgesprochenen Maßnahmen.

"'Testen, Testen, Testen' scheint für die Politik das Maß aller Dinge und bereits ein ausreichendes 'Konzept' zu sein. Eine ungezielte Ausweitung, wie beim bayerischen Testangebot, ist jedoch nicht sinnvoll. Sie verbraucht enorme Ressourcen", kritisieren die Hausärzte.

Hausärzte fühlen sich "sabotiert" - Kapazitäten sind erschöpft

"Haben wir keine Patienten zu versorgen? Sind unsere Praxen überhaupt baulich und personell in der Lage, neben dem regulären Praxisbetrieb eine kleine Teststation aufzubauen? Werden solche Fragen überhaupt in der Politik überlegt? Gibt es hausärztliche Berater, die unsere Realität kennen?", fragen die Verfasser des Schreibens.

Man müsse nun "einen zusätzlichen Andrang von Reiseheimkehrern in der Praxis erwarten, die unter Zeitdruck auf eine Testung drängen. Das werden wir nicht bewältigen können", schreiben die Mediziner. Sie fühlen sich "'von oben' nicht nur nicht unterstützt, sondern sogar sabotiert".

Und nicht nur die Kapazitäten der Hausärzte sind erschöpft, auch "die Labore berichten von Mangel an Materialien und können uns nicht mehr ausreichend Test-Kits zur Verfügung stellen beziehungsweise brauchen immer länger, um die anfallenden Testungen abzuarbeiten", bemängeln die niedergelassenen Ärzte.

Spott gegenüber der Politik: "Kamen die Ferien überraschend?"

Eine einmalige Testung ergebe ohnehin keinen Sinn. Wer sich am Ende des Urlaubs oder auf dem Rückreiseweg, etwa im Flugzeug, infiziert habe, könne nur durch einen zweiten Test identifiziert werden.

Unverständnis herrscht bei den Medizinern über die Kurzfristigkeit der beschlossenen Maßnahmen: "Warum muss alles schon wieder innerhalb von wenigen Tagen und wieder ohne durchdachte Planung der konkreten Umsetzung geschehen? Kamen die Sommerferien zu überraschend? Hatte Sie niemand bereits vor Wochen gewarnt, dass mit dem Reiseverkehr das Virus zu uns zurückkehren könnte? Uns war das schon lange klar."

Noch dazu klagen die Hausärzte über die ungeregelte Abrechnung mit den Krankenkassen: "Die avisierte Pauschale von 15 Euro ist grotesk und eine Missachtung unserer Arbeit."

Hausärzte fordern Mitspracherecht und gezielte Konzepte

Das Maß scheint voll zu sein für die Ärzten - sie fordern "endlich Konzepte, die auf mehr als einer ungezielten Ausweitung der Testungen basieren" und die ernsthafte Einbindung der Basis und ihrer Expertise, "denn sonst scheitern Ihre Ansätze an der mangelhaften Umsetzbarkeit".

Die Sorge vor einer gefährlichen zweiten COVID-19-Welle im Herbst ist groß unter den Hausärzten: "Wir appellieren daher eindringlich an Sie, die bundesdeutsche und die bayernweite Teststrategie möglichst rasch so zu modifizieren, dass diese rational, ressourcengerecht und vor allem praktikabel umsetzbar ist."

Verwendete Quellen:

  • Offener Brief an das Gesundheitsministerium und die Staatsregierung Bayerns sowie an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
  • Webseite des Bundesgesundheitsministeriums
  • Webseite des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege
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