• Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und FDP-Vize Wolfgang Kubicki hatten zuletzt die Nutzung von Fracking als Alternative zu russischem Gas vorgeschlagen.
  • Die Technologie ist in Europa hoch umstritten.
  • Der Physiker Werner Zittel hält Fracking für einen Fehler.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen des Autors bzw. des zu Wort kommenden Experten einfließen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

In der sich immer weiter abzeichnenden Energiekrise werden weitere Vorschläge geprüft. Nachdem sich Wirtschaftsminister Robert Habeck gegen eine Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken ausgesprochen hat, wurde nun von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und FDP-Vize Wolfgang Kubicki gefordert, Fracking als eine Alternative zu russischen Gasimporten in Betracht zu ziehen. Beim sogenannten Fracking (englische Abkürzung für "Hydraulic Fracturing", zu Deutsch: hydraulisches Aufbrechen) wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien mehrere Hundert Meter tief ins Gestein gepresst. Ziel ist es dabei, durch den Druck in tief liegenden Gesteinsschichten an das Erdgas heranzukommen.

Fracking als Alternative zu russischem Gas? Schematische Darstellung zur Gewinnung von Schiefergas.

In Deutschland könnte das Fracking zahlreiche Erdgasvorkommen erschließen, die bei konventionellen Verfahren bisher nicht zugänglich sind. Experten schätzen, dass so in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, aber auch in Baden-Württemberg mehr als zwei Billionen Kubikmeter Schiefergas gewonnen werden könnten. Das würde ausreichen, um den derzeitigen Bedarf in Deutschland mindestens 25 Jahre lang zu decken. Damit wäre Deutschland unabhängig von russischem Gas.

Vorbild sind die USA, in denen Fracking erlaubt ist. Die Vereinigten Staaten wurden durch die Technologie innerhalb weniger Jahre vom Energie-Importeur zum Energie-Exporteur. Auch zukünftige Gas-Importe nach Deutschland sollen aus US-amerikanischen Fracking-Bohrungen stammen.

Zahlreiche Risiken

In Europa und speziell in Deutschland ist die Technologie dagegen hoch umstritten. Auch, weil Deutschland deutlich dichter besiedelt ist als die USA und die Auswirkungen der Bohrungen so gefährlicher sein könnten. Außerdem gibt es zahlreiche Bedenken wegen möglicher Gesundheits- und Umweltschäden. Experten fürchten folgende Risiken durch Fracking:

  • Mögliche Kontamination des Grundwassers oder des Oberflächenwassers
  • Mögliche Erdbeben, die durch die Gasförderung ausgelöst werden könnten
  • Methan-Emissionen, die das Klima belasten

Aus diesen Gründen ist Fracking in Deutschland verboten – bislang zumindest. Die deutsche Fracking-Expertenkommission kam in ihrem Abschlussbericht 2021 zu dem Fazit, dass die Gefahren des Frackings bei hinreichender Sorgfalt auf ein Minimum reduzierbar seien. Ein gewisses Restrisiko bleibe allerdings bestehen. Auf der Grundlage des Berichts sollte der Bundestag eigentlich schon 2021 prüfen, ob das bisherige Verbot der Technologie bestehen bleiben soll oder gekippt wird. Die Energiekrise im Zuge des Ukraine-Kriegs sorgt nun für eine zusätzliche Brisanz der Entscheidung des Bundestags.

Markus Söder

Debatte um Gas-Vorkehrungen für den Winter: Söder spricht von "wirklichem Chaos"

Wärmeräume für Bedürftige, Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke, Verbot von Gassperren für Privatverbraucher? Die Politik ringt darum, wie Deutschland ohne große Verwerfungen durch den Winter kommt. (Bildquelle: IMAGO / Political-Moments)

In den USA 1.000 Lkw-Fahrten pro Bohrung notwendig

Der Physiker Werner Zittel ist Autor eines der wichtigsten Bücher zum Thema Fracking. Er ist ganz klar gegen eine Zulassung. Gegenüber unserer Redaktion erklärte er: "Fracking ist nur ein sinnloser und kostentreibender Versuch, das Zeitalter von Erdöl und Erdgas als Energieträger zu verlängern." Dort, wo man kein Erdgas oder Erdöl mehr durch konventionelle Bohrungen hervorbringen konnte, weil die Vorräte erschöpft sind, versuche man jetzt noch die letzten Reserven herauszuholen, so Zittel.

So ist der Vorgang ihm zufolge deutlich aufwendiger als die bisherige Gewinnung von Gas. Beim Fracking wären zahlreiche Bohrungen vonnöten, um den Druckabfall auszugleichen, der deutlich höher sei als bei konventionellen Bohrungen. Zehn Prozent Druckabfall pro Monat betrage die typische Verlustrate beim Fracking im Vergleich zu einem Prozent bei konventionellen Bohrungen. Das würde einen enormen Mehraufwand bedeuten: "In den USA sind pro Fracking-Bohrung rund 1.000 Lkw-Fahrten nötig, um die Materialien, benötigten Chemikalien und den Sand anzuliefern."

Werner Zittel: "Es ist unverhältnismäßig teuer"

Das bedeute einen enormen Schwerlastverkehr in den betroffenen ländlichen Regionen. Auf Satellitenaufnahmen aus den USA seien die Veränderung der Landschaft durch Bohrungen und Anlieferung nachzuverfolgen. Für den Bedarf an Sand müssten ganze Hügel abgetragen werden. "Diese Nutzung von Material steht in Konkurrenz mit anderer Nutzung. Außerdem müssen Sie sich klarmachen, dass das in vielen Fällen private Grundstücke sind, auf denen die Bohrungen stattfinden sollen. Die Besitzer müssten erst einmal von deren Sinn überzeugt werden. Das ist ein riesiger Aufwand für sehr wenig Ertrag. Es ist unverhältnismäßig teuer."

Zahlreiche Experten kritisieren außerdem die Vorlaufzeit, die das Fracking benötige. Die Testbohrungen und die Installation von Bohreinrichtungen würden Jahre benötigen. So würde es nach der Berechnung von Werner Zittel drei Jahre dauern, bis bei jährlich 180 bis 240 Bohrungen ein Prozent des bisherigen Gasverbrauchs gedeckt wäre. Und diese hohe Anzahl an Vorgängen müsste erst einmal erreicht werden. Zum Vergleich: 2021 wurden in Deutschland lediglich zwei neue Bohrungen vorgenommen. "Fracking hat überhaupt keinen Einfluss auf unsere Abhängigkeit von russischem Gas." Für Zittel wäre eine Investition in erneuerbare Energien eine deutlich sinnvollere Alternative.

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Über den Experten: Werner Zittel promovierte an der TU Darmstadt und forschte am Institut für Thermodynamik der DLR in Stuttgart und dem Fraunhofer Institut für Festkörpertechnologie. Sein Buch "Fracking: Energiewunder oder Umweltsünde?" ist eines der wichtigsten Werke zum Thema. Er ist ehrenamtlicher Vorstand der Ludwig-Bölkow-Stiftung, die sich für die Förderung von Forschung und Entwicklung in den Bereichen Energie, Landwirtschaft und Verkehr einsetzt.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Werner Zittel
  • T-Online.de: Experten: "Genug Gas für Jahrzehnte" in deutschem Schiefer
  • Quarks.de: Warum ist Fracking eigentlich so umstritten?
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